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11. Jobmesse Berlin

Nacht der gescheiterten Helden in Berlin: Aus Fehlern lernen

Bei den Fuckup Nights erzählen Menschen von ihrem größten beruflichen Fauxpas – und davon, wie sie dennoch wieder auf die Beine gekommen sind

Ein Meister fällt nicht vom Himmel. Aber Üben hilft. GRAFIK: ANUWAT DONKIEWPRI / ISTOCK

Dagmar Trüpschuch 

Die Nacht der gescheiterten Helden findet in Berlin seit 2014 unter dem Namen Fuckup Nights statt. Fuck up ist saloppes Englisch für „etwas vermasseln“. Helden sind die Menschen, die hier auftreten und über ihr berufliches Scheitern sprechen, weil Mut dazugehört, vor großem Publikum die eigenen Fehler und Misserfolge einzugestehen. Besonders in Zeiten, in denen es chic ist, sich für die eigenen Erfolge auf Instagram und Facebook zu feiern. Weder in den sozialen Netzwerken noch im realen Leben führen Bekenntnisse, beruflich gescheitert zu sein, Fehler gemacht zu haben, zu Ruhm und Ehren. Es sei denn, man ist auf einer der Fuckup Nights, die seit 2012 weltweit stattfinden.
Ursprünglich stammt die Idee dafür aus Mexiko. Von dort aus hat die Veranstaltungsreihe die Welt erobert. Scheitern als Weg zu betrachten, ist eine globale Bewegung. Ihre Idee ist, dem Scheitern das Stigma des Versagens zu nehmen und Scheitern als Chance zu begreifen. Die Veranstaltungen sind gut besucht. Die Menschen kommen, um aus den Fehlern der anderen zu lernen und sich darüber auszutauschen.

"Im Scheitern liegt das Potenzial, sein eigenes Handeln zu überdenken und aus den Fehlern zu lernen"

Ralf Kemmer, Professor für Kommunikationsstrategie

Auf der Bühne der Fuckup Nights – oder auch online in den Podcasts – sprechen Menschen über ihr persönliches Versagen. Da ist der Pastor, der über den gescheiterten Versuch spricht, die Kirche zu erneuern. Da ist die erfolgreiche Schauspielerin, die nach Berlin zieht, in einem Karriereknick landet und so lange gegen den Strom kämpft, bis ihr Körper ihr die Rote Karte zeigt. „Geplatzte Träume machen Platz für neue“, resümiert sie. Heute arbeitet sie erfolgreich als Coach. Und es gibt den jungen Studenten, der mit einer tollen Idee ein Start-up gründete. Doch sein Produkt war nicht ausgereift: Nach anfänglichem Erfolg platzte sein Traum. Heute ist er mit einer neuen Geschäftsidee am Start, mit besserem Businessplan, mit längerer Vorbereitungszeit und einem kompetenten Partner an seiner Seite.
Bundesamt für Verfassungsschutz
„Im Scheitern liegt das Potenzial, sein eigenes Handeln zu überdenken und aus den Fehlern zu lernen“, sagt Ralf Kemmer. Der Professor für Kommunikationsstrategien an der SRH Berlin University of Applied Sciences und Geschäftsführer der Gesellschaft für Fehlerkultur hat die Fuckup Nights nach Berlin geholt. Alle, die bei einer Fuckup Night auftreten, haben sich konstruktiv mit ihren Fehlern auseinandergesetzt, haben aus der Krise gefunden und stehen heute mit einer neuen Idee erfolgreich da. „Wir wollen Scheitern entstigmatisieren“, sagt Kemmer.
Abbrecher und gescheiterte Start-up-Unternehmer erzählen von ihrem holprigen Karriereweg. FOTO: CHRISTIAN THIEL / IMAGO
Abbrecher und gescheiterte Start-up-Unternehmer erzählen von ihrem holprigen Karriereweg. FOTO: CHRISTIAN THIEL / IMAGO
Start-ups machen es vor. Sie leben Fehlerkultur. Hat ein Produkt, eine Dienstleistung, eine Idee keinen Erfolg, wird sie angepasst, verändert, verworfen und neu gedacht. „Die sehen den Prozess als natürlich an, sie gehen bewusst mit Scheitern um“, sagt Ralf Kemmer. Ebenso Menschen in der Wissenschaft. Für sie ist es natürlich, zu experimentieren, jeder fehlgeschlagene Versuch bringt sie ihrem Ziel näher.

Sich seinen Misserfolgen zu stellen, ist für Freiberufler, Startupler und Künstler vielleicht einfacher. Sie sind in der Regel erst einmal nur sich selbst verantwortlich. Schwieriger ist es, als Arbeitnehmer Fehler zu machen.

„Wenn das Unternehmen keine Fehlerkultur hat, bringt das Scheitern einen nicht weiter“, sagt Kemmer. „Erst wenn es diese Kultur gibt, bringt es auch dem Einzelnen was – und dem Unternehmen.“

Laut der Studie der Personalberatung S-Three „So arbeitet Deutschland“ (2017) wünschen sich rund 86 Prozent der Arbeitnehmer mehr Fehlertoleranz, wenn sie an Innovationen arbeiten. 45 Prozent der 1000 Befragten gaben an, dass Scheitern an neuen Aufgaben Konsequenzen hat, knapp die Hälfteten verlor nach einem Misserfolg die Anerkennung im Team.

Es hemmt Innovationsprozesse, wenn man aus Angst vor Fehlern nicht frei denken kann. Eine gute Fehlerkultur bedeutet, Scheitern zuzulassen und Fehler bewusst zu betrachten. Ralf Kemmer wird immer häufiger in Unternehmen eingeladen, um Workshops zu halten. Inhalt: Ausprobieren, Fehler zulassen, Fehler machen und daraus lernen.

Ob man letztendlich gestärkt aus einem Scheitern hervorgeht, hängt davon ab, wie man es sich erklärt. Kemmer: „Wenn man Erfolg haben will, muss man die richtigen Schlüsse ziehen.“

Auf der diesjährigen Jobmesse Berlin wird die „Fuckup Night@jobmesse berlin: Scheitern als Chance“ gastieren – und sich am 2. November, zwischen 13 und 15 Uhr, dem Thema Studienabbruch widmen. Wer sich mit einem launigen Podcast auf die Veranstaltung einstimmen will, kann hier reinhören: www.fuckups.de
  
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