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50 Jahre Jugend trainiert für Olympia

„Jugend trainiert für Paralympics“ an der Berliner Carl-von-Linné-Schule

Die Carl-von-Linné-Schule begeistert körperbehinderte Kinder für den Sport – und bringt manche Talente zum Leistungssport

Justin Kaps trat vor zwei Wochen bei der Para-Schwimm-WM in London über 400 Meter Freistil an. FOTO: RALF KUCKUCK / PA

Max Müller

„Jugend trainiert für Olympia“ heißt seit 2012 „Jugend trainiert für Olympia und Paralympics“. Denn seitdem treten auch Schüler mit Handicap beim Bundeswettbewerb der Schulen an. „Wir sind von Anfang an dabei“, sagt Birgit Pflug, Lehrerin an der Berliner Carl-von-Linné-Schule. „Unser Schwimmteam hat im ersten Jahr sogar den Bundeswettbewerb gewonnen“, fügt sie sichtlich stolz hinzu. Es sollte nicht der einzige Titel bleiben.

Pflug arbeitet seit 1997 als Grundschullehrerin an der Lichtenberger Institution. Die Schule, die vor allem von körperlich behinderten Kindern und Jugendlichen besucht wird, hat seit zehn Jahren einen Sportschwerpunkt. Der konzentriert sich vor allem auf das Schwimmen, aber auch Rollstuhlbasketball und Tischtennis werden gefördert. „Meine eigenen Kinder waren sportlich sehr aktiv und später sogar Leistungssportler“, erzählt Birgit Pflug rückblickend. „Irgendwann haben wir uns die Frage gestellt, warum wir nicht auch unseren Schützlingen an der Schule diese Möglichkeit bieten und sie so an den Sport heranführen sollten“, so die Pädagogin.
Pauline Opitz gehört zu den großen Schwimmtalenten. Ihr Ziel: die nächsten Deaflympics. FOTO: TILO WIEDENSOHLER / IMAGO
Pauline Opitz gehört zu den großen Schwimmtalenten. Ihr Ziel: die nächsten Deaflympics. FOTO: TILO WIEDENSOHLER / IMAGO
Schwimmen für „Erstis“

Einen Partner für das Vorhaben fand sie in Schwimmtrainer Matthias Ulm vom Berliner Schwimmteam, das seit 2008 existiert und sich auf die Förderung behinderter Schwimmsportler „vom Nachwuchs bis zur Weltspitze“ fokussiert hat. Zugute kam den Bemühungen die Ausstattung der Carl-von-Linné-Schule, die über ein eigenes Schwimmbad mit 25-Meter-Becken verfügt. „Im Haus gibt es zudem überall Tischtennisplatten, an denen die Schüler sich austoben können“, sagt Pflug.

Überhaupt ist der Sport mittlerweile fest verwurzelt an der Lichtenberger Schule. Der Schwimmunterricht beginnt für die „Erstis“ bereits mit der Einschulung. Zudem wird schon bei den Allerkleinsten in „Bewegungsklassen“ die Freude am Sport gefördert. Wer besonderes Talent beim Schwimmunterricht oder einer der anderen Sportarten zeigt, kann ab der dritten Jahrgangsstufe in die Sportlerklasse wechseln. Dort gibt es für die Schüler neben dem regulären Sportunterricht jeweils drei Doppelstunden Schwimm- und eine Doppelstunde Athletikunterricht.

Das Engagement zahlt sich aus. In den vergangenen Jahren konnten bereits einige Schüler an das Schul- und Leistungssportzentrum Berlin (SLZB) wechseln, mit dem die Carl-von-Linné-Schule auch für „Jugend trainiert für Paralympics“ kooperiert. Zu den Leistungsträgern, deren Begeisterung für den Schwimmsport an der Linné-Schule geweckt wurden, gehört etwa Schwimmtalent Pauline Opitz, die auf die Deaflympics, die Olympischen Spiele der Gehörlosen, zuarbeitet. Auch Justin Kaps ist sehr erfolgreich. Er gehört zur Deutschen Paralympischen Mannschaft und trat dieses Jahr etwa bei der Weltmeisterschaft in London an.
  
Die Rollstuhlbasketballer der Linné-Schule (in blau) gewannen das Finale von „Jugend trainiert“. FOTO: DSSS / SAMPICS
Die Rollstuhlbasketballer der Linné-Schule (in blau) gewannen das Finale von „Jugend trainiert“. FOTO: DSSS / SAMPICS
Im Schwimmen veranstaltet die Schule zudem jährlich im November einen eigenen, großen Wettbewerb, an dem rund 200 Schüler aus bis zu elf Bundesländern teilnehmen. Daneben qualifiziert sich die Schule regelmäßig für die Bundeswettbewerbe von „Jugend trainiert für Paralympics“. Die Rollstuhlbasketballer und Tischtennisspieler treten im Frühjahr an, die Schwimmer hingegen bei den Herbstwettkämpfen.

Die Sportler mit Behinderung haben dabei eigene Wettbewerbe mit eigener Wertung. Beim Schwimmen gibt es aber auch eine inklusive „Get together“-Staffel über 8x25 Meter, bei der je vier Sportler mit und ohne Handicap antreten. „Diese Staffel ist hoch angesehen, mitunter zeichnet der Bundespräsident persönlich die Gewinner aus“, so Birgit Pflug.

Doch es geht nicht nur ums Gewinnen. „Entscheidend ist der Teamgedanke“, so Pflug. „Die Kleinen schauen sich viel von den Großen ab. Gerade am Anfang trauen sich die Kinder kaum etwas zu. Dabei kann ihr Körper viel mehr, als einige Kinder und deren Eltern denken.“ Im Laufe der Jahre würden aus ihnen richtige Sportler mit starkem Charakter, Ehrgeiz und Kampfgeist: „Es ist immer wieder eine tolle Erfahrung, das zu beobachten.“
  

Inklusion

„Jugend trainiert für Paralympics“ (JTFP) wurde erstmalig 2010 ausgetragen. Im Sinne der Inklusion fand der Wettbewerb zwei Jahre später erstmals gemeinsam mit „Jugend trainiert für Olympia“ statt. Das heißt: zur gleichen Zeit und am gleichen Ort, – aber mit getrennter Wertung. JTFP wird in insgesamt sieben Sportarten ausgetragen: neben Para Schwimmen und Para Leichtathletik sind dies Para Tischtennis, Rollstuhlbasketball, Para Ski Nordisch, Goalball und Fußball ID.
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