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Themenwelten Berliner Morgenpost
Abitur 2020

Von der Schule zur eigenen Existenz

Ein Startup zu gründen, klingt nach Selbstverwirklichung und Freiheit. Doch es birgt auch Risiken und muss gut geplant sein

Der Traum von früher Selbstständigkeit treibt viele Jugendliche um. FOTO: PHOTOTECHNO; BRUSINSKI / ISTOCK

Es sind Geschichten wie die von Philipp Kalweit, die Abiturienten zum Träumen bringen: Als „jüngster Auftragshacker Deutschlands“ optimiert er die IT-Systeme von Unternehmen, Banken und Versicherungen. Mit 16 Jahren ließ er sich die vorgezogene Geschäftsfähigkeit bescheinigen, mit 19 landete er auf der begehrten Forbes- Liste „30 unter 30“. Darauf sind die wichtigsten Unternehmerinnen und Unternehmer unter 30 Jahren genannt.  

Ein Startup zu gründen, das klingt nach Freiheit und Selbstverwirklichung. Ob als App-Entwickler oder Influencer, viele starten mit eigenen Projekten bereits parallel zur Schule. Aber kommt die Gründung einer eigenen Existenz für jeden in Frage und welche Schwierigkeiten ergeben sich, wenn man das Thema „Ausbildung“ zugunsten der Selbstständigkeit vertagt?  

Von den Fehlern anderer lernen

Neben einem Mentorenprogramm, das die jungen Erwachsenen mit erfahrenen Gründern zusammenbringt, Live-Events und einer Challenge gehört zum Angebot von „Startup Teens“ eine kostenlose Videoreihe zu den Themen Unternehmertum und Coding. Damit können sich die angehenden Gründer Basiswissen über Programmiersprachen aneignen, die sie zur Realisierung ihrer Geschäftsvorhaben brauchen könnten. Denn viele Ideen drehen sich um Apps, digitale Plattformen oder Anwendungen.    
Hoschule University of Applied Sciences
Trotz seines Engagements für mehr Gründergeist würde Hauke Schwiezer von „Startup- Teens“ zu einer Gründung direkt nach dem Abitur nur eingeschränkt raten. Denn das in Ausbildung oder Studium erworbene Fachwissen kann für die jungen Gründer wichtig sein. „Viele junge Gründer entwickeln ihre Idee daher parallel zu Schule, Uni oder Ausbildung“, weiß Schwiezer. Um ein Unternehmen zu gründen, brauche man Neugierde, Lernbereitschaft, Mut und Resilienz, also die Fähigkeit, mit Rückschlägen zurechtzukommen. Denn nicht jede Idee führt unmittelbar zum Erfolg.

Bei jungen Vorzeigegründern wie dem 17-jährigen Neil Heinisch, der mit seiner Agentur Play The Hype erfolgreich Social Media-Beratung und Marktforschung für Tik Tok anbietet, beobachtet er außerdem den starken Willen, „etwas reißen zu wollen“. All das könne man lernen, ist Hauke Schwiezer überzeugt.

Dafür müsste es jedoch eine größere Durchlässigkeit zwischen Schule und Wirtschaft geben. Das würde sich auch volkswirtschaftlich lohnen, ist Hauke Schwiezer überzeugt, weil mehr Schüler in ihrer späteren Karriere ein Unternehmen gründen würden. Indem Unternehmertum bereits in der Schule gelehrt wird, könnte sich auch Deutschlands Position bei „Entrepreneurship Education“ im Global Entrepreneur Monitor verbessern. Die Statistik misst die unternehmerischen Aktivitäten in 56 Nationen. „Deutschland befindet sich momentan auf einem grottenschlechten Platz 36“, bemängelt Schwiezer.

Um mehr Gründungen in Brandenburg zu ermöglichen, berät die Gründungswerkstatt Enterprise in Potsdam seit 30 Jahren junge Gründer. „Bei klassischen Gründungen ist eine Berufsausbildung schon empfehlenswert“, empfiehlt auch Regionalleiter Bernd Wegener und nennt das Beispiel dreier Hebammen, die sich unter der Begleitung von Enterprise mit einer eigenen Praxis selbstständig gemacht haben. Allerdings gebe es im Bereich IT oder Grafik immer wieder Gründer, die sich ihr Wissen selbst angeeignet haben und sich direkt nach der Schule selbstständig machen möchten.

Reduziertes Risiko bei Teilzeit-Startups

Im Beratungsprozess gehe es dann darum herauszufinden, ob die Unternehmensidee tragfähig ist. Mindestens ebenso wichtig wie die Zahlenreihen im Businessplan sind die textlichen Erläuterungen: Wer sind meine Kunden? Wie spreche ich sie an? Aber auch: Wie decke ich den Finanzbedarf für notwendige Anschaffungen und Ähnliches? Mit einem Netzwerk an Fachberatern für verschiedene Branchen können außerdem spezielle Fragen geklärt werden wie die Aufnahme in die Künstlersozialkasse.

„Am Anfang kann die Selbstständigkeit im Nebenerwerb eine Möglichkeit sein, um herauszufinden, ob die Gründungsidee funktioniert“, meint Bernd Wegener. Wer nebenbei zum Beispiel halbtags arbeitet, trägt noch nicht das vollständige unternehmerische Risiko und kann sein Unternehmen langsam aufbauen.

Manchmal steht am Ende der Beratung aber auch die Einsicht, dass die Verantwortung für ein eigenes Unternehmen einfach als zu groß empfunden wird oder noch bestimmte Kompetenzen fehlen, um den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen. In diesem Fall ist ein Studium oder eine Ausbildung doch die bessere Wahl.

JUDITH JENNER

                      
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