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Abitur 2021

Auf und davon

Nach dem Abi erst einmal ein Gap-Year im Ausland? Oder lieber gleich eine Ausbildung oder ein Studium beginnen? Mittlerweile lässt sich das alles verbinden

Als Azubi ein Praktikum in London? Das geht trotz Brexit noch – über das Programm „AusbildungWeltweit“. FOTO: GETTY IMAGES

Raphael Kohl war im zweiten Ausbildungsjahr zum Fachangestellten für Medien und Informationsdienste in der Fachrichtung Bibliothek, als ihm sein Oberstufenzentrum ein sechswöchiges Auslandspraktikum in der lettischen Hauptstadt Riga anbot. Der Bewerbungsprozess ging mit drei Monaten relativ flott.

Im Herbst 2015 trat er das Praktikum in einer Bibliothek des Baltisch-Deutschen Hochschulkontors an. Zu seinem Glück wurde auf der Arbeit Deutsch gesprochen, eine Mitarbeiterin des Instituts bot jedoch Lettisch-Crash-Kurse an. „Ich finde es wichtig, die Landessprache zumindest grundlegend zu sprechen. Das erleichtert den Alltag und ermöglicht soziale Kontakte.“ Diese pflegt der Lichtenberger noch immer. Auch für seinen Beruf in der Zentral- und Landesbibliothek Berlin kommt ihm heute die Erfahrung von damals zugute: „Den Perspektivwechsel, selbst im Ausland zu arbeiten, fand ich wichtig. Er hat mich für die Bedürfnisse unserer Leser aus anderen Ländern sensibilisiert.“
BEST-Sabel Berufsakademie
So wie Raphael Kohl entscheiden sich laut Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) deutschlandweit jährlich etwa sieben aller Auszubildenden für ein Auslandspraktikum. In international aufgestellten Firmen wird dieses meist betriebsintern organisiert. Das Recht auf einen Auslandsaufenthalt haben jedoch theoretisch alle, die sich in der Ausbildung befinden: „Im Berufsbildungsgesetz ist dies seit 2005 verankert“, sagt Kristin Wilkens von der Nationalen Agentur Bildung für Europa beim BIBB. Die Bonnerin berät junge Frauen und Männer bei der Planung ihres Praktikums. „Der erste Schritt ist stets, mit dem Ausbildungsbetrieb und der Berufsschule zu sprechen.“ Entweder sind die Firmen bereits international aufgestellt und können den Auszubildenden selbst entsenden oder sie geben ihr grünes Licht und es gilt eine Entsendeeinrichtung zu finden. Dabei hilft ihnen die Website der Nationalen Agentur Bildung für Europa beim BIBB, meinauslandspraktikum.de, auf der Interessierte nach Branchen und Zielländern stöbern.

Auch Auslandssemester frühzeitig planen

Auch finanziell sind die Auszubildenden abgesichert. „Sie erhalten weiterhin die Ausbildungsvergütung ihres Betriebs“, klärt Wilkens auf. „Es gibt zudem Stipendien-Programme. Das größte ist Erasmus+, das neben den Ländern der Europäischen Union beispielsweise auch die Türkei, Nordmazedonien, Norwegen, Liechtenstein und Island beinhaltet.“ Ab 2021 sind in beschränktem Umfang auch Stipendien für weltweite Aufenthalte verfügbar. Neben Tagespauschalen decken diese anteilig Reisekosten ab. Das beliebte Zielland Großbritannien fällt aufgrund des Brexits künftig aus dem Programm heraus. Doch besteht weiterhin die Möglichkeit, nach London oder Manchester zu gehen: „Bei dem Programm ‚AusbildungWeltweit‘ können Betriebe und Berufsschulen Stipendien für Aufenthalte in allen Ländern beantragen, die keine Programmländer von Erasmus+ sind“, so Wilkens, sie sich wünscht, „es sollte bald eine Selbstverständlichkeit sein, einen Teil der Ausbildung außerhalb Deutschlands zu absolvieren“. Denn neben dem beruflichen Wissenszuwachs gewinnen die jungen Erwachsenen interkulturelle Kompetenzen und Fremdsprachenkenntnisse, die in Zeiten der Globalisierung unerlässlich sind.

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"Ich finde es wichtig, die Landessprache zumindest grundlegend zu sprechen. Das erleichtert den Alltag und ermöglicht soziale Kontakte."

Raphael Kohl, Zentral- und Landesbibliothek Berlin

Diese Perspektive haben auch Studierende. „Viele Studierende, die am außer-europäischen Austauschprogramm teilgenommen haben, berichten uns, wie wichtig die Erfahrung für ihr Studium und ihre Persönlichkeit gewesen sei“, sagt Katharina König, die an der Humboldt-Universität Berlin in der Abteilung Internationales arbeitet. Mit mehr als 100 Ländern auf allen Kontinenten hat die HU Verträge abgeschlossen – Kooperationen einzelner Fakultäten nicht eingerechnet. Etwa 1000 der mehr als 30.000 Immatrikulierten entscheiden sich jedes Jahr, Studienerfahrungen im europäischen und außereuropäischen Ausland zu sammeln.

Rund 12 Monate Vorlauf sollten für den Prozess eingeplant werden, der mit einer schriftlichen Bewerbung beginnt. Herzstück dabei ist das persönliche Motivationsschreiben, aus dem ersichtlich werden sollte, dass sich die Studierenden mit dem Angebot der Partner-Universität auseinandergesetzt haben. Es muss deutlich werden, wie dort besuchte Kurse in das hiesige Curriculum integriert werden können. Dem Schreiben werden Leistungs- und Sprachnachweise beigefügt, um sicherzustellen, dass die Studierenden dem Lehrangebot der Partneruni auch folgen können. Nach der ersten Runde stehen meist mündliche Interviews an. Verlaufen diese erfolgreich, findet ein zweites schriftliches Bewerbungsverfahren an der Partnereinrichtung statt, die auch die Zulassungsunterlagen verschickt. „Obwohl der Trend zu Sommerschulen und kurzen Aufenthalten geht, sind bei uns weiterhin auch die klassischen Austauschprogramme gefragt, die über ein oder zwei Semester gehen“, so König. Das sei sinnvoll, um sich an der neuen Universität und vor allem in der anderen Kultur zu akklimatisieren. RONALD KLEIN
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