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Themenwelten Berliner Morgenpost
Abitur 2021

Bis zum Abitur verbunden

Verbundoberschulen sind ein neuer Trend für Schulen, die allein kein Abitur anbieten könnten. Das Modell erfreut sich wachsender Beliebtheit, erfordert aber auch Flexibilität seitens des Kollegiums. Die Idee stammt von einem Lehrer

Hand in Hand von der 1. bis zur 13. Klasse: Schulen mit gymnasialer Oberstufe machen das möglich. Dafür schließen sich einige auch zusammen. FOTO: GETTY IMAGES

In der Grundschule gilt Anton als Rüpel. Als seine damalige Klassenlehrerin ihn Jahre später wiedertrifft, kann sie nur staunen. Aus dem Rabauken von einst ist ein intelligenter, hilfsbereiter Junge geworden, der gerade sein Abitur gemacht hat. „Solche Geschichten erlebe ich ganz häufig“, erzählt Sabine Scholze. Sie leitet die Grünauer Gemeinschaftsschule – eine von 21 Schulen im Land Berlin, die zum Schuljahr 2008/2009 ihre Arbeit als Gemeinschaftsschule aufgenommen haben. An diesen lernen die Schülerinnen und Schüler von der Grundschule bis zum Ende der 10. Klasse gemeinsam. Seit 2016/2017 kann Sabine Scholze zudem die gymnasiale Oberstufe für all jene anbieten, die den mittleren Schulabschluss mit der Berechtigung für diesen Bildungsgang erworben haben. Zu diesem Zweck arbeitet die Schule mit der benachbarten Schule an der Dahme in einem Verbund zusammen. Lehrkräfte beider Einrichtungen unterrichten in der Oberstufe an beiden Standorten. Sabine Scholze „brennt für diese Schulform“, wie sie selbst sagt. Sie ist überzeugt davon, dass Kinder wie Anton so bessere Chancen hätten, einen hohen Abschluss zu erlangen.
Bis zum Abitur in vertrauter Umgebung

Die Idee der Verbundoberschulen stammt von Klaus Brunswicker, dem langjährigen Leiter der Schöneberger Sophie-Scholl-Schule. Sie basiert auf dem Ziel, den eigenen Schülern den Weg bis zum Abitur zu ermöglichen, statt sie dafür nach der zehnten Klasse verabschieden zu müssen. Das Problem: Viele Sekundarschulen hatten nich ausreichend Schüler, um eine eigene gymnasiale Oberstufe aufzubauen. Brunswickers Lösung: Zwei Schulen tun sich zusammen und führen ihre Schüler gemeinsam zum Abitur.

"Diese Schulform schafft mehr Bildungsgerechtigkeit."

Sabine Scholze, Leiterin Grünauer Gemeinschaftsschule

Durch die Möglichkeit, von der 1. bis 13. Klasse an einer Schule bleiben zu können, soll den Kindern und Jugendlichen der Übergang von einer Schulart in eine andere vereinfacht werden. „Die Idee ist es, mehr Bildungsgerechtigkeit zu schaffen. Denn bei vielen Jugendlichen wird erst nach der Pubertät deutlich, was in ihnen steckt. Vor allem bei Jungen“, sagt Scholze. Auch Untersuchungen zeigen, dass Kinder mehr Leistung bringen, wenn sie lange Zeit zusammen unterrichtet statt bereits vor der Pubertät auseinandergerissen werden. „Der Vorteil für die Schülerinnen und Schüler ist, dass sie an ihrer Schule, in vertrauter Umgebung, mit ihnen vertrauten Lehrkräften und Mitschülerinnen und -schülern in die 11. Klasse wechseln und sich auf die Qualifikationsphase und das Abitur vorbereiten“, erklärt erklärt Martin Klesmann, Sprecher bei der Senatsverwaltung für Bildung, die Idee. Aber auch für die Schulen sei das Modell von Vorteil: „Bereits in der Sekundarstufe 1 sind die Anforderungen an die Schülerinnen und Schüler in der gymnasialen Oberstufe bekannt. Somit kann schon dann die Qualität des Unterrichts zur Vorbereitung auf die Oberstufe verbessert werden.“ Das Abitur wird, genauso wie an Gemeinschaftsschulen, nach drei Jahren abgelegt. Erst nach einer einjährigen Einführungsphase beginnt das Kurssystem.

So besonders die Schulform, so individuell sind auch die sich als Verbund zusammengefundenen Schulen: So hat die Wilhelm-von-Humboldt-Schule in Prenzlauer Berg beispielsweise einen Verbund mit dem Oberstufenzentrum Elinor-Ostrom gebildet. In Lichtenberg haben die Integrierte Sekundarschule am Tierpark und das Förderzentrum für Sehbehinderte eine gemeinsame gymnasiale Osterstufe gegründet. Und in Spandau schlossen sich sogar vier Integrierte Sekundarschulen zu einem Verbund für eine gemeinsame Oberstufe zusammen. Insgesamt gibt es aktuell in Berlin 15 gymnasiale Oberstufen im Verbund. Zwar seien momentan keine weiteren in Planung, wie es aus der Senatsverwaltung heißt. Doch der Schultyp ist stark nachgefragt. Immer mehr Eltern entscheiden sich im Namen ihrer Kinder für ihn, weil sie wissen, dass ihr Nachwuchs dort bei entsprechenden Leistungen auch das Abitur ohne Schulwechsel absolvieren kann. Für Quereinsteiger sind oft nur wenige Plätze vorhanden.

Als die Grünauer Gemeinschaftsschule und die Schule an der Dahme im Schuljahr 2016/2017 den Bund eingingen, hatten die Jugendlichen noch zwei Tage pro Woche Unterricht an der Schule an der Dahme, drei an der Grünauer Gemeinschaftsschule. Dann gab es modulare Klassenräume für Grünau, sodass jetzt 95 Prozent des Unterrichts dort stattfinden. Nur die Sporthalle wird an der Schwesterschule genutzt. Bis zur zehnten Klasse besuchen die Kinder und Jugendlichen die Schule, für die sie sich angemeldet haben. Anschließend wechseln sie mit allen, deren Leistungen es erlauben, in die gymnasiale Oberstufe, die gemeinsam mit der Verbundschule eingerichtet wird. Hier treffen die Jugendlichen also auf neue Schüler, mit denen sie bislang nicht unterrichtet wurden. Zumeist können aber Wünsche geäußert werden, mit wem man gerne zusammenbleiben möchte.

Viel Planung und Abstimmung nötig

Unterrichtet werden sie dann von Lehrern beider Schulen. „Das bedeutet für die Kolleginnen und Kollegen natürlich, häufig zwischen den Schulen wechseln zu müssen“, so Scholze. Auch sonst seien Verbundoberschulen planerisch eine Herausforderung. Bei Neuanstellungen gäbe es großen Abstimmungsbedarf, Zeugniskonferenzen müssten gemeinsam organisiert und bei jeglicher Planung die Fahrzeiten zwischen den Schulen einkalkuliert werden. „Das klappt nur mit einem engagierten Kollegium, wie wir es glücklicherweise an beiden Schulen haben.“ Doch der Aufwand lohnt, wie nicht zuletzt das Beispiel Anton beweist. „Ja, Verbundoberschulen erfordern Enthusiasmus. Aber wenn es läuft, sind sie ausgesprochen befriedigend.“ SIMONE JACOBIUS
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