Anzeige
Themenwelten Berliner Morgenpost
Abitur 2021

Flügge Nesthocker

Immer mehr Schüler bleiben nach dem Abitur zunächst zu Hause wohnen. Das kann den in diesem Alter langsam nötig werdenden Abnabelungsprozess verzögern. Wie sollten sich Eltern verhalten?

Nicht weiter wie bisher: Wohnen Kinder auch nach dem Abschluss zunächst zu Hause, sollte sich das Familienleben dennoch ändern. FOTOS (2): GETTY IMAGES

Forum Berufsbildung
Die Psychologin Annegret Mahn erläutert, welchen Einschnitt das Abitur für das Familienleben bedeutet und wie sich das Zusammenleben zwischen Eltern und Kindern gestalten sollte.

Berliner Morgenpost: Die Ausgabe der Abiturzeugnisse beendet offiziell die Schulkarriere. Was macht das mit den Jugendlichen und ihren Eltern?

Annegret Mahn: Es ist ein Ritual, das signalisiert: Jetzt bist du groß und erwachsen. Aus psychologischer Perspektive beginnt dieser Prozess jedoch deutlich früher – mit dem Einsetzen der Pubertät. Die Kinder beginnen, sich stärker an Gleichaltrigen und weniger an der Familie zu orientieren. Das Ausprobieren außerhalb des Elternhauses ist wichtig, denn sonst werden Entwicklungsmöglichkeiten blockiert. Mit dem Erhalt des Abiturzeugnisses wird gesellschaftlich signalisiert, dass ein Lebensabschnitt beendet ist und jetzt etwas Neues beginnt. Es ist umso bedeutsamer, weil andere Schritte mittlerweile zeitverzögert stattfinden.

Beispielsweise, dass Jugendliche zu Hause ausziehen?

Genau. Der Anteil der Jugendlichen, die nach dem Abitur zu Hause wohnen bleiben, ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen.

Was ist der Grund dafür? Die gestiegenen Mieten in Universitätsstädten?

Das ist ein Teilaspekt. In der Vergangenheit bedeutete die Aufnahme des Studiums oder der Einstieg ins Berufsleben die Möglichkeit, frei von elterlicher Kontrolle und einem relativ rigiden Regelkosmos zu werden. Heutzutage fühlen sich deutlich weniger Jugendliche zu Hause eingeengt, ein freundschaftliches Verhältnis zu den Eltern ist nicht ungewöhnlich. Somit entfällt der Druck, rasch das Elternhaus zu verlassen. Die Jugendlichen haben Freiheiten, von denen Gleichaltrige vor einigen Jahrzehnten nur träumen konnten, beispielsweise die Freundin oder den Freund bei sich übernachten zu lassen. Umgekehrt empfinden es viele Eltern als sehr angenehm, wenn Jugendliche später ausziehen. Die Wahrnehmung des eigenen Älterwerdens verzögert sich. In meiner Praxis erlebe ich aber auch, dass einige Jugendliche am Ende der Schulzeit keine Vorstellung haben, in welche berufliche Richtung sie gehen könnten. In diesem Fall empfehlen sich ein Freiwilliges Soziales Jahr oder ein Auslandsaufenthalt, um Orientierung zu erlangen.
Mitmachen statt zusehen: Spätestens jetzt sollten Kinder Aufgaben übernehmen.
Mitmachen statt zusehen: Spätestens jetzt sollten Kinder Aufgaben übernehmen.
Die Pandemie hat ebenfalls zur gesunkenen Mobilität beigetragen. Es gibt Jugendliche, die einen Studienplatz in einer anderen Stadt haben, aber die Universität noch nie von innen sehen konnten.

Ja, und das ist ein Problem. Zum Studium gehört auch der Austausch mit anderen Studierenden dazu. Das ersetzt kein Video-Seminar. In dem Fall können die Eltern tatsächlich eine Struktur bieten. Es werden Zeiten festgelegt, an denen beispielsweise das Abendessen stattfindet.

Wie sollten Eltern grundsätzlich reagieren, wenn das Kind nach dem Abitur zu Hause wohnen bleibt?

Das Familienleben muss umgestellt werden. Die Eltern müssen lernen, dem Kind auf Augenhöhe zu begegnen. Die Erziehung ist abgeschlossen. Ab jetzt sind sie nur noch Begleiter und Gespräche haben eine beratende Funktion. Eltern möchten den Kindern stets alle Steine aus dem Weg räumen, aber sie müssen den Kindern zugestehen, dass sie auch Fehler machen und aus ihnen lernen.

Was raten Sie den Jugendlichen in dieser Phase?

Spätestens jetzt müssen Jugendliche Verantwortung übernehmen, unter anderem Aufgaben im Haushalt. Im Grunde muss die Familie ab jetzt wie eine Wohngemeinschaft funktionieren.

Sollten Jugendliche auch finanzielles Verantwortungsbewusstsein lernen?

Das ist notwendig. Sobald jemand alleine wohnt, setzt der Lernprozess ein, dass es Lebenshaltungskosten gibt. Alles Notwendige muss erst einmal verdient werden. Diese Erkenntnis ist ein wichtiger Teil des Erwachsenwerdens. Jugendliche sollten auch zu Hause lernen, etwas beizutragen.
Annegret Mahn ist Psychologin in Berlin. FOTO: PRIVAT
Annegret Mahn ist Psychologin in Berlin. FOTO: PRIVAT
Nicht jeder Jugendliche verdient aber etwas.

Das stimmt. Aber es spricht nichts dagegen, einen Job anzunehmen und eigenes Geld zu verdienen. Ob es sich um das Einräumen von Regalen im Supermarkt oder das Erteilen von Nachhilfe handelt, ist dabei zweitrangig. Die Eltern müssen den Beitrag der Kinder auch nicht für sich verwenden, sondern können ihn anlegen und später auszahlen, beispielsweise als Startschuss für die eigene Wohnung.

Was sollten Eltern auf keinen Fall tun?

Eltern dürfen die Entwicklung des Kindes nicht nur durch die eigene Brille sehen. Man neigt dazu, seine eigenen Erfahrungen auf andere zu übertragen. Aber Jugendliche müssen diese Erfahrungen notwendigerweise selbst machen. Ein anderer Punkt ist Immer mehr Schüler bleiben nach dem Abitur zunächst zu Hause wohnen. Das kann den in diesem Alter langsam nötig werdenden Abnabelungsprozess verzögern. Wie sollten sich Eltern verhalten? ein Evergreen. Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder eine solide Ausbildung, etwas „Sicheres“ machen. Aber was ist sicher? Die Berufswelt verändert sich permanent und immer schneller. Jugendliche können zwischen Tausenden von Studiengängen wählen. Man muss schon eine prophetische Begabung besitzen, um einschätzen zu können, welche Ausbildung oder welches Studium in Zukunft einen sicheren Beruf garantiert. RONALD KLEIN
Weitere Artikel