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Themenwelten Berliner Morgenpost
Abitur 2021

Mit Abstand die Besten

Nach drei Schulhalbjahren im Corona-Modus haben die diesjährigen Abiturienten ihre Prüfungen abgelegt. Eine bemerkenswerte Leistung. Dennoch fehlt die Ausgelassenheit anderer Abi-Jahrgänge – und der Optimismus

Maske statt Miteinander: Der Abiturjahrgang 2021 musste auf vieles verzichten. FOTO: GETTY IMAGES

„Wir sind nur froh, dass es vorbei ist“, sagt Luisa Regel. Die Berliner Landesschülerausschuss-Sprecherin hat gerade ihr Abitur an der Kurt-Schwitters-Schule in Prenzlauer Berg absolviert. Jeder Klausurmorgen begann mit einem Selbsttest. Dann stundenlang Maske tragen. Kollektive Umarmungen nach Abgabe der Prüfungsbögen mussten hingegen ausfallen. „Die meisten Lehrer und auch viele Mitschüler werden wir womöglich nie wieder sehen. Wir haben uns nicht mal richtig verabschieden können“, bringt Luisa das Ende ihrer Schulzeit auf den Punkt.

Um das Abitur trotz der widrigen Umstände abzusichern, hatte die Senatsverwaltung bereits Ende Januar Maßnahmen beschlossen: Der Prüfungszeitraum wurde nach hinten verschoben, es gab mehr Auswahl bei den Prüfungsthemen und bei den schriftlichen Klausuren durchweg 30 Minuten mehr Bearbeitungszeit. Die fünfte Prüfungskomponente – eine doch aufwendig vorzubereitende Präsentation – konnte durch eine mündliche Prüfung ersetzt werden. Trotzdem sei das gewiss kein „Abitur light“ gewesen, betont Luisa: „Wir haben wirklich viel Stoff behandelt und uns diesen mitunter selbst erarbeitet, was Selbstorganisation erforderte. Berücksichtigt man noch die besondere Prüfungssituation, halte ich dieses Abitur eher für erschwert.“ Auch die Lehrer standen unter Druck, bedeutete die Komprimierung der Prüfungstermine doch, die Klausuren oft innerhalb kürzester Zeit bewerten zu müssen.

"Unser Abschluss ist kein „Abitur light“. Ich halte ihn eher für erschwert"

Luisa Regel, Abiturientin

Aber die Schwierigkeiten begannen nicht erst mit den Prüfungen. „Der diesjährige Abiturjahrgang war komplett vom ersten Lockdown ab März 2020 betroffen“, gibt Ralf Treptow zu bedenken. „Im Zuge der Lockerungen haben die Schulen dann Präsenzunterricht in sehr unterschiedlichem Umfang angeboten“, so der Schulleiter des Rosa-Luxemburg-Gymnasiums in Pankow und Vorsitzender der Vereinigung der Oberstudiendirektoren des Landes Berlin (VOB). Auch der Distanz-Unterricht fiel sehr unterschiedlich aus. „Manchen Lehrern fehlte anfangs einfach die entsprechende Weiterbildung, das kann man ihnen gar nicht vorwerfen“, sagt Luisa. Als unglaublich engagiert erlebte Thomas Mikolajski, Schulleiter der Merian-Schule in Köpenick und stellvertretender Vorsitzender der Vereinigung der Berliner ISS Schulleiterinnen und Schulleiter (BISSS), sein Kollegium: „Was die Lehrerinnen und Lehrer in dieser Situation geleistet und mit welcher Fürsorge sie sich um die Schüler bemüht haben, ist bemerkenswert. Vor allem, wenn man bedenkt, dass viele von ihnen im Homeoffice ihre eigenen Kinder betreuen oder sich um ihre alten Eltern kümmern mussten.“

Mit Problemen sahen sich auch zahlreiche Schüler konfrontiert: „Manche hatten zu Hause kein WLAN oder eigenes Zimmer, um in Ruhe zu arbeiten. Viele mussten jüngere Geschwister beim Lernen unterstützen“, weiß Luisa. Da bringe dann auch ein Endgerät von der Schule nicht viel.

Steigende Sorgen um die berufliche Zukunft

Wie groß die psychische Belastung der Abiturienten tatsächlich war, zeigt eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Demnach machte sich im Herbst 2020 insgesamt gut die Hälfte (51 Prozent) der befragten Schüler des Abiturjahrgangs 2021 in ganz Deutschland große Sorgen um ihre Schulbildung. Dennoch hatten Ralf Treptow und Thomas Mikolajski den Eindruck, die Schüler seien gut vorbereitet und motiviert in die Prüfungen gegangen. Ganz klar habe aber das soziale Miteinander gefehlt: „Natürlich möchten sich die Jugendlichen in dieser Lebensphase nicht wochenlang nur am Bildschirm sehen, sondern Zeit miteinander verbringen. Da ist schon einiges verloren gegangen“, sagt Treptow. Nicht nur Exkursionen und Kursfahrten wurden ersatzlos gestrichen. Die beliebte Mottowoche, bei der man verkleidet durchs Schulhaus zieht, gab es gar nicht oder nur auf leeren Fluren. Abschlussfahrten und viele Abibälle wurden abgesagt oder gar nicht erst organisiert. Nun lässt sich das trotz der aktuellen Lockerungen kurzfristig nicht mehr nachholen. Eine feierliche Verleihung der Zeugnisse soll es trotzdem an den meisten Schulen geben, doch oft nur in kleineren Gruppen, teilweise dürfen die Eltern nicht teilnehmen.

Insgesamt scheinen die Abiturienten zwar erleichtert. Was fehlt, ist die ausgelassene Stimmung, das unbeschwerte Genießen der neuen Freiheit oder die Aussicht auf lange Reisen ins Ausland – bevor dann mit Studium oder Ausbildung ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Für viele wird sich auch der nächste große Schritt zum Erwachsenwerden verzögern, nämlich der Auszug aus dem Elternhaus. „Man weiß nicht, ob man einen Studi-Job finden wird, um sich die eigene Wohnung leisten zu können“, sagt Luisa. In welchem Umfang die Lehrveranstaltungen der Hochschulen im Herbst wieder in Präsenz stattfinden werden, ist ebenso unklar. „Viele unserer Freunde, die vergangenes Jahr Abitur gemacht haben, studieren schon seit zwei Semestern komplett online.“ Entsprechend skeptisch sieht der Abiturjahrgang 2021 seine berufliche Zukunft: Bei der IAB-Befragung im Herbst 2020 machten sich 41 Prozent diesbezüglich große Sorgen. Einige fürchten durch ihr „Corona-Abitur“ Nachteile bei der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz.

Die letzten beiden Jahre ihrer Schulzeit werden dem Abiturjahrgang 2021 sehr unterschiedlich in Erinnerung bleiben. Auch mancher Frust, manche Enttäuschung darüber, dass für die zweite und dritte Corona-Welle nicht besser vorgesorgt wurde, sind nachvollziehbar. Luisa Regel hofft, „dass die Schwachpunkte des Bildungssystems, die in der Pandemie überdeutlich zu Tage getreten sind, nun wirklich angegangen werden“. Den kommenden Abiturjahrgänge kann man nur mehr Normalität wünschen – mehr gemeinsame Aktivitäten, gemeinsames Lernen, gemeinsames Durchhalten und gemeinsames Feiern. Eben alles, was zum Abi dazugehört. Eigentlich. CHRISTINE PERSITZKY

Dank an die Schulen

Da es keine offiziellen Listen der Berliner Abiturientinnen und Abiturienten gibt, basiert diese Abitur-Beilage auf unserer Umfrage an den Berliner Schulen, die uns die Namen – nach Einwilligung durch die Schüler – zur Verfügung stellen. Wir danken allen teilnehmenden Schulen herzlich für die Zusammenarbeit!
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