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Themenwelten Berliner Morgenpost
Ausbildung & Studium 2021

Ein guter Arzt ohne Hochschulreife

Menschen in Gesundheitsberufen können Medizin studieren, wenn sie gute Noten und einige Erfahrung vorweisen können

Eine Ausbildung zur Krankenschwester kann die Grundlage für den Einstieg ins Medizinstudium sein. Foto: Getty Images

Arzt werden ohne Abitur, ist das möglich? Ja, sagen Sigrun Nickel und Michaela Schrand vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). Sie sind Verfasserinnen der Publikation „CHE kurz + kompakt – Studium ohne Abitur: Medizin und Pharmazie“. Im Gespräch erzählen sie, was sich seit Jahresbeginn durch veränderte Zulassungsverfahren zum Medizinstudium an der Situation für Bewerber ohne Abitur verbessert hat.

Berliner Morgenpost: Wieso ist es möglich, Medizin ohne Abitur zu studieren?

Sigrun Nickel und Michaela Schrand: Seit 2014 kann in Deutschland flächendeckend an allen Hochschulen ohne Abitur studiert werden – auch Medizin. Diese Möglichkeit nutzten 2018 bundesweit 62.000 Menschen, 755 davon studierten Medizin. Insgesamt gibt es in Deutschland rund 11.500 Studienplätze in Medizin.

Wer kann ohne Abitur Medizin studieren?

Menschen, die aus einem Gesundheitsberuf kommen, die eine mindestens zweijährige Ausbildung, etwa zur Pflegekraft, zur Krankenschwester oder zum Physiotherapeuten gemacht haben, mit einer Abschlussnote von mindestens 2,5 und mit mindestens dreijähriger Berufserfahrung. Sie haben durch ihre Qualifikation eine fachgebundene Studienberechtigung erworben.
Sigrun Nickel ... Foto: Sandra Kühnapfel
Sigrun Nickel ... Foto: Sandra Kühnapfel
...und Michaela Schrand vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) in Berlin. Foto: Juergen Volkmann 
...und Michaela Schrand vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) in Berlin. Foto: Juergen Volkmann 
Wo kann man sich bewerben?

Die Bewerbung erfolgt in der Regel über die Website der Stiftung für Hochschulzulassung. Jede Hochschule hat verschiedene Voraussetzungen, die bei Hochschulstart gut abgelichtet werden.

Seit Jahresbeginn hat sich die Situation für Bewerber ohne Abitur verbessert. Was ist neu?

Die Möglichkeiten sind erweitert worden. So können sich Interessierte erstmals parallel für ein Studium der Human- und Zahnmedizin sowie der Pharmazie bewerben. Zudem ist die Zahl der Wunschstudienorte nicht mehr limitiert. Der Topwunsch sollte an erster Stelle stehen. Nur noch bis zum Wintersemester 2021/22 wird die Wartezeit berücksichtigt. Stattdessen gilt die Zusätzliche Eignungsquote (ZEQ). Die setzt sich ausschließlich aus Eignungskriterien zusammen, wie zum Beispiel besondere Vorbildungen, praktische Tätigkeiten, außerschulische Qualifikationen. Das ist für Bewerberinnen und Bewerber mit Berufserfahrung im Gesundheitswesen ein Vorteil.

Wie können Bewerbende ihre Chancen erhöhen?

Bei Personen ohne Abitur wird die Durchschnittsnote des Berufsabschlusszeugnisses und/ oder das Ergebnis einer an einer Universität abgelegten Zugangsprüfung angerechnet. Chancen verbessern können sie zum Beispiel durch den Medizinertest (TMS), der eine hohe Punktzahl gibt. Auch durch die Teilnahme am Testverfahren des HAM-Nat (Hamburger-Naturwissenschaftsteil).

Was ist bei der Bewerbung zu beachten?

Zugelassen werden Studienanfänger jeweils zum Sommer- und Wintersemester. Für die Bewerbungen gibt es feste Deadlines. Interessierte sollten sich unbedingt vorab bei ihren Wunsch-Hochschulen informieren. Zudem sollten sie wissen, wie die gesetzlichen Zugangsregelungen in den jeweiligen Bundesländern sind, sie sollten die Teilnahme an Medizintests planen und sich über die Studienfinanzierung Gedanken machen. Studierende ohne Abitur sind in der Regel deutlich älter und haben oft familiäre Verpflichtungen. Sie sollten vorab genau prüfen, wie sie das im Studium hinbekommen können.

Haben Studierende ohne Abitur besondere Nachteile?

Nein, das Studium ist für alle herausfordernd. Sollten sie Lücken in Mathe oder Biologie haben, können sie Brückenkurse besuchen, die viele Unis anbieten, um Schulwissen aufzufrischen. Oft ist es so, dass sie durch ihre Berufserfahrung Vorteile mitbringen. Zum Beispiel sind sie im praktischen Teil viel weiter, sie kennen die Abläufe auf der Station und sie kennen Medizin aus der Praxis. Sie gehen mit einem ganz anderen Fachwissen ins Studium. Wer eine Vision hat, studiert voller Motivation und kann später – auch ohne Abitur – ein guter Arzt oder eine gute Ärztin werden. Dagmar Trüpschuch
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