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Themenwelten Berliner Morgenpost
Ausbildung & Studium 2021

Erst probieren, dann studieren

Berliner Universitäten bieten ein einjähriges Orientierungsstudium an. Unentschlossene finden so ihr Fach – und sich selbst

Einführungsstudiengänge helfen jungen Abiturienten, sich im System Hochschule zurechtzufinden. Foto: Getty Images

Abitur nach zwölf Jahren, Schnellläuferklassen – mit 17 Jahren das Abitur in der Tasche zu haben, ist 2020 nichts besonderes mehr. Aber wissen die Abiturienten dann auch schon, wie die Zukunft aussehen soll, in welchem Beruf sie später arbeiten möchten, ob sie studieren wollen und welcher Studiengang es sein soll? Alva Kahra gehörte zu diesen 17-Jährigen. 2018 machte sie in Berlin ihr Abitur und hatte wie viele in ihrem Alter keine richtige Vorstellung von ihrem zukünftigen Berufslebens. „Mehr oder weniger klar für mich war, dass ich studieren wollte“, sagt sie.

Vom Orientierungsstudium, das in Berlin die Freie Universität (FU) Berlin mit „EinS@FU“ und die Technische Universität (TU) Berlin mit „MINTgrün“ anbieten, hatte sie schon gehört. Da sie jedoch schon in der Schule wusste, dass ihr Naturwissenschaften Spaß machen, entschied sie sich für das einjährige Orientierungsstudium MINTgrün an der TU Berlin. Seit 2020 hat auch die Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin mit „O ja!“ ein Einführungsstudium im Programm.

„Ich brauchte nach dem Abi noch Zeit, um mich zu finden“, sagt Alva Kahra. Das Orientierungsstudium bot ihr die Möglichkeit, den Uni-Alltag kennenzulernen und Einblick in die verschiedenen Studiengänge zu erhalten. Zwei Semester lang konnte sie an allen Uni-Veranstaltungen vor allem in Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik teilnehmen und Prüfungen ablegen.

Ohne Druck das Prinzip Studium kennenlernen

„Ich war eine ganz normal immatrikulierte Studentin mit Studierendenausweis und Semesterticket“, sagt die heute 20-Jährige. „Der Unterschied zu den regulär Studierenden war die Freiheit, die ich hatte.“ Die Freiheit, ohne Druck alle Vorlesungen besuchen zu können, die sie interessierten. „Mit dem Programm sprechen wir vor allem diejenigen an, die noch nicht wissen, ob sie überhaupt studieren wollen, und diejenigen, die noch zwischen verschiedenen Fächern schwanken“, sagt Christian Schröder, Programmkoordinator von MINTgrün.

Vorgeschrieben sind im Orientierungsstudium zwei Pflichtmodule – das Wissenschaftsfenster und das Orientierungsmodul zur Studienwahlentscheidung, die Teilnahme an einem Wahlpflichtmodul aus dem Bereich MINT, die Teilnahme an einem Projektlabor sowie mindestens einem Modul aus der Reflexion, das sind fächerübergreifende Angebote, beispielsweise zum wissenschaftlichen Arbeiten und Schreiben.

Auch Prüfungen gehören zur Orientierung dazu

Im Modul Wissenschaftsfenster diskutieren die Studierenden mit Dozenten aktuelle Forschungsthemen und erlangen so Einblicke in die verschiedenen Studiengänge. Im Orientierungsmodul lernen sie die vielfältige Bildungslandschaft kennen sowie verschiedene Berufsfelder. In Projektlaboren zu Themen wie Robotik, Chemie und Umwelt setzen sie theoretische Inhalte in die Praxis um. Auch Prüfungen gehören zum Uni-Alltag der Orientierungsstudierenden, die erworbenen Leistungspunkte können sie sich im Folgestudium anrechnen lassen.

MINTgrün startete 2012 mit 75 Studierenden. „In den letzten drei Jahren haben jeweils etwa 600 Studierende an dem Programm, das immer zum Wintersemester beginnt, teilgenommen“, sagt Schröder. 40 Prozent der Teilnehmenden blieben an der TU. So auch Alva Kahra, die mittlerweile im 2. Semester Biotechnologie studiert. „Die Studierenden finden in diesem Programm ihren individuellen Weg“, sagt Christian Schröder. Das gilt auch für Alva Kahra. Das Orientierungsstudium? Für sie ein wertvolles Jahr zur Selbstfindung. Dagmar Trüpschuch
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