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Ausbildung & Studium

„Fachhochschulen verpflichten sich eher der Praxis – Universitäten neigen zur Theorie“

Klassische Universität, Fachhochschule oder duales Studium – wo liegen die Unterschiede und was passt zu mir? Ein Gespräch mit Berufsberater Thomas Neubacher-Riens

In welche Richtung? Vielen Unentschlossenen hilft eine detaillierte Analyse der Optionen – andere begeistern sich spontan für eine Hochschule. FOTO: GETTY IMAGES

Berliner Morgenpost: Herr Neubacher-Riens, immer mehr Studiengänge werden sowohl an Universitäten als auch an Fachhochschulen (FH) angeboten.

Thomas Neubacher-Riens: Von rund 19.000 Studiengängen an 437 Unis und FH können derzeit 5517 Studiengänge an 216 Hochschulen studiert werden. Leichter ausgedrückt: Man kann sagen, dass man außer den Staatsexamensabschlüssen wie Lehramt, Jura und Medizin inzwischen alles auch an den FH studieren kann.

Wie findet man heraus, welche Hochschulform am besten zu einem passt?

Man geht zum Berufsberater der Arbeitsagentur. (lacht) Dort bekommen angehende Studierende eine strukturierte Anleitung zur selbst regulierten Entscheidungsfindung. Man fragt sich zunächst, was nach Interesse und Skills das oder die passenden Fächer sind, überprüft detailliert die Inhalte des Studienablaufs auf den Hochschulseiten, gleicht das ab und vergleicht es mit den eigenen Erwartungen. Im nächsten Schritt bildet man ein Kriteriencluster und filtert die Angebote heraus, die in der Summe der Einzelbewertungen das beste Gesamtergebnis liefern. Das ist der rationale Weg. Aber man darf sich beim Tag der offenen Tür auch einfach von der Uni begeistern lassen.
Inwiefern unterscheiden sich die Studienordnungen und Grundausrichtungen der Institutionen?

Grundsätzlich neigen Fachhochschulen dazu, sich eher der Praxis und der Anwendungsnähe zu verpflichten. Das bedeutet, dass man hier mit einem Bachelor so aufgestellt wird, dass man damit auch arbeiten kann. Insgesamt ist die Fachauswahl auch eher pragmatisch. Für Anglistik gibt es an 65 deutschen Unis 399 Angebote. Für das gleiche Fach an FHs als Monobachelor keines. Bauingenieurwesen kann ich an 47 FH belegen und finde dazu 121 Angebote. Universitäten bieten nur 89 Angebote. Universitäten neigen im Vergleich dazu eher zum Komplettangebot über alle Fakultäten und eher zur Theorie. Auch wenn die Fachhochschulen zum Promotionsrecht drängen, liegt das originäre Recht auf den „Doktor“ immer noch bei den Unis. Diese unterschiedliche Grundausrichtung zeigt sich dann auch in den Studienordnungen. Bieten die Fachhochschulen bei 180 Credit Points mehr Praxiszeiten oder Anwendungsseminare, fordern die Unis eher ein breiteres Grundlagenstudium und bieten theoriebasierte Lehre. Zugespitzt kann man vielleicht sagen, dass der FHler sich bei BWL fragt, wie das Umsatzsteuerrecht sich auf den Betrieb X auswirkt, während an der Uni gefragt wird: „Die Ägypter haben die Steuern erfunden, aber warum so viel?“
Dr. Thomas Neubacher-Riens, Berufsberater der Bundesagentur für Arbeit Berlin Süd. FOTO: DR. T. NEUBACHER
Dr. Thomas Neubacher-Riens, Berufsberater der Bundesagentur für Arbeit Berlin Süd. FOTO: DR. T. NEUBACHER
Womit legt man den besten Grundstein für eine rosige Zukunft – Theorie oder Praxis?

Schwere Frage. Was rosig ist, entscheidet jede(r) selbst. Aber für eine spätere Berufsausübung sind praxisrelevante Studiengänge notwendig, unabhängig von der Form der Hochschule. Ab dem fünften Fachsemester sollte der Blick schon auf die Zeit nach dem Campusleben gerichtet sein, wenn das Studium – was auch sehr schön sein kann – mit dem späteren Broterwerb zusammen gedacht wird.

Beim Thema Geld kann man statistische Aussagen treffen. Die orientieren sich aber auch eher an den Fachgrenzen als an der Unterscheidung Fachhochschule oder Uni. Ein Beispiel: Ein Sozialwissenschaftler verdient nach dem Entgeltatlas 3480 bis 4600 Euro. Damit fängt der Elektroingenieur an und endet bei 5800 Euro. Schaut man sich Gehaltsreports an, dann liegen die Ingenieure mit einem FH-Diplomabschluss mit 80.925 Euro im Jahr vor denen mit einem Uni-Diplom mit 79.757 Euro. Aber der Unterschied ist nicht groß. Aber: Master-Absolventen verdienen mit durchschnittlich 66.436 Euro deutlich mehr als Bachelor-Absolventen mit 55.435 Euro. Bedeutender als der Abschluss von der FH oder der Uni sind in Geldfragen eher die Branche und die Betriebsgröße.

Apropos Geld: Viele Fachhochschulen sind privat und kosten Geld, während der Besuch der Uni kostenfrei ist. Welche Konsequenzen folgen daraus?

Rund die Hälfte der Studienfächer in Berlin an staatlichen Einrichtungen ist mit einem Numerus Clausus (NC) belastet, Tendenz steigend. Die privaten Hochschulen verlangen keinen NC, allerdings sind Gebühren von mehreren Hundert Euro pro Monat fällig. Wer an einer staatlichen Uni oder FH studieren möchte, muss zum Teil richtig gut sein. Wer ein schlechteres Abitur hat, kann sich den Zugang zur Hochschule mit Geld ebnen. Am Ende muss aber auch hier die Leistung stimmen.

Bei einem dualen Studium, das die Praxis in einem Unternehmen mit dem Besuch einer Hochschule verbindet, verdienen Studierende schon Geld.

Wer ein duales Studium absolviert, ist eher Arbeitnehmer als Studierender. Wenn Studis Semesterferien haben, arbeiten „Dualies“ im Unternehmen. Dafür bekommen sie ein Gehalt. Ein großer Vorteil im Gegensatz zum Bafög, das nicht nur teilweise zurückbezahlt werden muss, sondern in Berlin auch nicht alle Kosten abdeckt.

Welche Fächer lassen sich dual studieren?

38 Prozent studieren im Bereich Ingenieurwesen – vom Brauerei-wesen bis zum Elektroingenieur ist alles dabei. 37 Prozent der Studierenden sind BWLer, 12 Prozent Informatiker, zehn Prozent studieren Sozial-, Gesundheits- oder Pflegewesen. Wer Wert auf eine praxisnahe Ausbildung legt und eine klare Vorstellung hat, in welchem Bereich er arbeiten möchte, ist hier gut aufgehoben.

Wie komme ich an einen dualen Studienplatz?

Wer weiß, was er studieren möchte, sucht sich einen Betrieb. Man findet ihn über die Portale der Fachhochschulen, die mit den Unternehmen kooperieren. Unternehmen bieten diese Studienform an, weil die Einarbeitung ins Business schon während des Studiums gelingt. Dafür bezahlen sie zwölf Monate im Jahr, obwohl die Studierenden nur etwa die Hälfte der Zeit zur Verfügung stehen. Diese wiederum finanzieren nicht nur ihr Studium, sondern sichern auch den Berufseinstieg. So geht „win-win“. KIRSTEN NIEMANN
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