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Ausbildung & Studium

Gleiche Chance für alle

Zu oft entscheidet die soziale Herkunft darüber, wer ein Studium aufnimmt – und wer nicht. Die Initiative ArbeiterKind.de will das ändern

Von 100 Kindern aus Nicht-Akademikerfamilien schaffen in Deutschland nur 23 den Sprung an die Hochschule. FOTO: GETTY IMAGES

Berlin-Chemie AG
Die Frage, wie es nach der Schule weitergeht, ist für die meisten jungen Menschen nicht leicht zu beantworten. Und es ist eine Frage, die sie je nach familiärer Herkunft höchst unterschiedlich beantworten. Denn die Zugangschancen zum deutschen Hochschulsystem sind in hohem Maße sozial selektiv. Das zeigt der „Bildungstrichter“ aus der 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks: „Von 100 Kindern aus Akademikerfamilien studieren 77, von 100 Kindern aus Nicht-Akademikerfamilien schaffen nur 23 den Sprung an die Hochschule“, heißt es dort. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen sind da finanzielle Unsicherheit und Verschuldungsängste. Zum anderen sind es ganz praktische Fragen, die schnell überfordernd wirken können: Wie baut man sich seinen Stundenplan zusammen? Was, wenn man wichtige Prüfungen mal nicht schafft?

Hannah Rindler arbeitet bei ArbeiterKind.de, einer vor 13 Jahren gegründeten gemeinnützigen Organisation, die Schülerinnen und Schüler motivieren möchte, ein Studium aufzunehmen, und die Studierenden hilft, ihren individuellen Bildungsweg frei zu gestalten. Die 34-jährige Soziologin ist Bundeslandkoordinatorin der Organisation und betreut die Arbeit von über 100 Ehrenamtlichen in Berlin. Die meisten von ihnen haben selbst erfahren, wie es ist, aus einem nicht akademischen Umfeld an die Uni zu kommen, kennen das Gefühl, ins kalte Wasser zu springen.

Akademischen Habitus müssen viele erlernen

Und auch Rindler kennt dieses Gefühl gut. Sie ist ebenfalls Erststudierende, hat ihren Bachelor in Sozialwissenschaften in Braunschweig gemacht, wechselte danach für einen Master in Soziologie nach Berlin. Sie weiß, dass es die feinen Unterschiede sind, die während des Studiums ins Gewicht fallen: „Man startet mit anderen Grundvoraussetzungen und das bedeutet auch, dass man den akademischen Habitus erst erlernen muss, also die Art, wie man spricht, wie man sich im universitären Umfeld bewegt. Da sind die Kommilitoninnen und Kommilitonen mit Akademikereltern klar im Vorteil, weil es für viele ganz selbstverständlich war, zu Hause beim Abendbrot über komplexe Zusammenhänge zu diskutieren.“

Während es den einen leicht fällt, in Seminaren mit dem nötigen Selbstbewusstsein aufzutreten und mitzumachen, müssen viele Arbeiterkinder diese Kompetenz erst lernen. Zudem stehen sie vor dem Problem, dass sie sich mit fortschreitender Dauer des Studiums von ihrem Herkunftsmilieu entfernen: „Viele haben das Gefühl, in zwei Welten gleichzeitig zu leben, einerseits arbeiten sie im Studium hart daran, sich weiterzuentwickeln, andererseits können die Eltern zu Hause immer weniger nachvollziehen, worum es in der Hausarbeit ging, die man erfolgreich geschrieben hat.“

Hier setzt ArbeiterKind.de an. Durch Information und durch Vernetzung. Das Angebot ist kostenlos. Herzstück der Arbeit der Organisation ist es, Informationsveranstaltungen an Schulen zu organisieren, in denen über Zugangs- und Finanzierungsmöglichkeiten für ein Hochschulstudium informiert wird. Deutschlandweit sind es 6000 Ehrenamtliche, die sich in 80 lokalen Gruppen organisieren und monatlich treffen. Allein in Berlin sind es vier Bezirksgruppen und auch in Potsdam gibt es eine lokale Gruppe. „Uns geht es bei den Treffen darum, ins Gespräch zu kommen und sich auszutauschen. Die Ehrenamtlichen erzählen über ihren eigenen Bildungsweg und werden vielleicht zum Vorbild, ein Studium zu beginnen“, sagt Rindler.

Das Engagement der Organisation für die Ratsuchenden endet nicht mit dem erfolgreichen Studienabschluss. „Gerade nach dem Studium geisteswissenschaftlicher Fächer ist der Berufseinstieg nicht ganz so einfach“, weiß Hannah Rindler. Das Prozedere ist einfach: Über ein Onlineformular können sich Interessierte anmelden, anschließend suchen die Koordinatoren nach einem passenden ehrenamtlichen Mentor. Der Vorteil im Vergleich zu anderen Coaching-Angeboten: Mentoren und Ratsuchende begegnen sich auf Augenhöhe. „Wir sind eine Community, die lange über das Studienende hinaus in Kontakt bleibt und sich gegenseitig hilft.“ Und genau darum geht es bei ArbeiterKind.de, sagt Rindler: „Zu wissen, dass man nicht alleine ist und den eigenen Bildungsweg gemeinsam mit anderen schaffen kann.“ NILS BRÖER
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