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Mensch und Technik

Gemeinsam am Bühnenaufbau mit Virtual Reality arbeiten? Besser einschlafen dank digitaler Technik? Zwei Studiengänge in Berlin verbinden die analoge mit der digitalen Welt

Mithilfe von VR-Technologie können szenische Bühnenbilder im virtuellen Raum entstehen. FOTO: VINCENT KAUFMANN

Stadt und Land
Was haben BVG-Busse mit einem Kaffeelöffel gemeinsam? Oder ein mobiler Wäschedienst mit einem therapeutischen Hilfsmittel gegen Schlafstörungen? Hinter allen Produkten stehen Industrie-Designer, die es entworfen haben. „Industrie-Design umfasst die Gestaltung aller seriellen Produkte – von Gegenständen des täglichen Gebrauchs bis hin zur Gestaltung von Dienstleistungen“, sagt Pelin Celik, Professorin im Studiengang „Industrial Design“ an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin.

„Wir arbeiten nicht für Zielgruppen, sondern für die Bedürfnisse der Nutzerinnen und Nutzer“, fährt sie fort. So entwarfen im Bereich Dienstleistungen Industrie-Designer beispielsweise einen mobilen Wäschedienst für einen Hersteller von Haushaltsgeräten durch den Einbezug des sozialen und infrastrukturellen Kontextes. Ein Beispiel für ein innovatives Produkt ist „NOAH“, ein therapeutisches Hilfsmittel gegen Schlafstörungen, das die Bachelor-Studentin Maria Soravito unter der Leitung von Pelin Celik von der Idee bis zur Marktreife entwickelt hat.

Spaß an verknüpftem Denken gehört dazu

Maria Soravito erkannte das gesellschaftliche Problem stressbedingter Schlafstörungen, ging in die Recherche, sprach mit Ärzten, Psychologinnen und Betroffenen. Aufgrund dieser Erkenntnisse entwarf sie ein Wearable, also ein am Körper getragenes Computersystem, das Menschen dabei helfen soll, in der Einschlafphase zu entspannen. Zu ihrem Produkt gehört ein Handschmeichler, der über Biofeedback-Sensoren verfügt, die den persönlichen Gemütszustand messen. Eine Lampe empfängt die Signale, visualisiert die gemessenen Biofeedback-Werte und taucht den Raum in ein entsprechend atmosphärisches Licht, das beim Entspannen hilft. Maria Soravito durchdachte das Projekt auch technisch, baute den Prototypen und programmierte ihn. „Das alles lernen die Studierenden in unserem Studiengang“, sagt Pelin Celik. Maria Soravito erhielt dafür 2020 den ersten Preis im VDI-Wettbewerb „Mensch und Technik“.

"Ich finde es spannend, moderne Techniken in Traditionsbetriebe wie ein Theater zu bringen."

Vincent Kaufmann, Absolvent Beuth Hochschule für Technik Berlin

Der Studiengang „Industrial Design“ ist für Menschen gedacht, die offen und neugierig sind, Spaß an verknüpftem Denken haben und gesellschaftliche Problemstellungen kreativ, funktional und nachhaltig lösen möchten. Absolventinnen und Absolventen finden Arbeit sowohl in Designagenturen als auch in der Automobilbranche, Medizintechnik, Nahrungs- und Genussmittelindustrie oder der Luft- und Raumfahrt. Und Maria Soravito? Sie hat sich für den Masterstudiengang „Produktdesign – Schwerpunkt Design und Experiment“ an der Weißensee Kunsthochschule Berlin entschieden.

Auch Vincent Kaufmann hat am VDI-Wettbewerb teilgenommen und mit „Methoden zur Gestaltung und Entwicklung von Bühnenbildern mittels Virtual Reality“ den dritten Platz belegt. Da war er noch Student an der Beuth Hochschule für Technik Berlin und studierte „Theater- und Veranstaltungstechnik“. Seit dem Sommersemester 2019 heißt der Studiengang „Theater- und Veranstaltungstechnik und -management“. In diesem siebensemestrigen Studiengang erwerben die Studierenden neben ingenieurtechnischen auch gestalterische, künstlerische und betriebswirtschaftliche Kenntnisse.

Preisgekrönte Projekte schaffen es in die Praxis

Vincent Kaufmann war schon immer ein kulturinteressierter Mensch, ein Studium an der Schnittstelle zwischen Technik und Kunst zu ergreifen, war für ihn eine spannende Option. Seinen Schwerpunkt legte er auf Theatertechnik, dazu gehört unter anderem, szenische Räume zu gestalten.

Die visuelle Gestaltung eines szenischen Raums beginnt immer mit der Idee. Ihr folgen Skizzen und Baupläne, ein Raummodell sowie eine Bauprobe. Waren diese Schritte erfolgreich, wird das Bühnenbild umgesetzt. Das lernte Vincent Kaufmann in seinem Studium, aber auch, ein dreidimensionales Bühnenbild mit Virtual Reality (VR) zu erstellen. Für seine Spezialisierung belegte er neben Pflichtveranstaltungen, die der Vermittlung von ingenieur- und veranstaltungstechnischen Grundlagen dienen, Wahlpflichtmodule auf dem Gebiet der 3D-Modellierung und Konstruktion. „Ich finde es spannend, moderne Techniken in Traditionsbetriebe wie ein Theater zu bringen“, sagt der 24-Jährige. So entwickelte er in seiner Bachelorarbeit anhand von 3D-Technologien ein virtuelles Konzept für den Bühnenbau. „Der Vorteil ist, dass durch VR das virtuelle Theater jederzeit zur Verfügung steht“, sagt er. Regisseur, Techniker, Bühnenbauer und Architekt könnten so unabhängig von Ort und Zeit gemeinsam im virtuellen Raum arbeiten, Besprechungen abhalten und in einem 1:1-Modell das Bühnenbild besprechen und gestalten. Einloggen können sie sich über den Laptop oder eine VR-Brille.

Statt als technischer Leiter eines Theaters in den Beruf einzusteigen, studiert er nun an der HTW „System Design“ im Masterstudiengang. „Ich möchte die komplexen Zusammenhänge hinter der Bühne noch besser erkennen, um sie digitalisieren zu können“, sagt er. Zeitgleich arbeitet er bereits mit mehreren Theaterhäusern zusammen, denn sein preisgekröntes Projekt hat es schon in die Praxis geschafft. Seiner Zukunft im virtuellen Raum steht nichts mehr im Wege. DAGMAR TRÜPSCHUCH
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