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Ausbildung & Studium

Dem Täter auf der Spur

Krimifans wissen, welche Spezialkräfte in besonders kniffligen Fällen eingesetzt werden. Im englischsprachigen Raum heißen diese Leute Profiler. In Deutschland nennen sie sich Fallanalytiker. Ein Berufsporträt

Vor 25 Jahren, am Abend des 21. März, verlässt eine Wilmersdorfer Geschäftsfrau ihr Büro, steigt in ihren Mercedes – und verschwindet. Vier Tage später wird ihre Leiche gefunden. Nackt und enthauptet liegt sie in einem Wassergraben nahe der Autobahn bei Ludwigslust. In ihrer Wohnung fehlen Schmuck und ein auffälliger Anhänger. Das Auto der Frau wird einen Monat später in Hamburg gesichtet. Ein paar Jahre später findet ein Jugendlicher beim Schnorcheln in einem Brandenburger See den Kopf der Ermordeten. War es Raubmord? Eine persönliche Liebes- oder Rachegeschichte? Die Presse spekulierte ausgiebig. Das Landeskriminalamt (LKA) ermittelte in verschiedene Richtungen. Auch Christian Schulz hatte die Geschichte auf seinem Schreibtisch. Sein erster Mordfall als Fallanalytiker.

Nach dem Abitur steht für den Krimifan fest: Er will zur Kriminalpolizei, in den gehobenen Dienst. Nach dem Abitur studiert er zunächst sechs Semester lang Polizeiwesen, Fachrichtung Kriminalpolizei, an der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege. Dort werden unter anderem die Disziplinen Recht, Kriminalistik, Kriminologie und Psychologie gelehrt. Darauf folgt die dreijährige Ausbildung zum Kriminalbeamten in verschiedenen Bereichen der Kriminalpolizei, unter anderem beim Kriminaldauerdienst: Dort werden im 24-Stunden-Dienst alle kriminalpolizeilich relevanten Sachverhalte erstbearbeitet, bevor sie an die Fachdienststellen weitergeleitet werden. Das Landeskriminalamt, für das er später arbeitete, ist zuständig für Delikte wie Drogenkriminalität, Wirtschaftsdelikte, von organisierter Kriminalität bis zum Staatsschutz. Nach insgesamt sechs Jahren ist Christian Schulz dort, wo er schon immer hinwollte: bei der Mordkommission. Dort arbeitet er acht Jahre lang, bevor er zur Fallanalyse kam.
Vattenfall
Im Ausland unterstützen schon seit vielen Jahren sogenannte Profiler die Arbeit der Kriminalbeamten. Ende der 1990er-Jahre wurde das Profiling auch in Deutschland zum Thema. Nur heißen die hier Fallanalytiker: Christian Schulz bekam die Chance, die Stelle Operative Fallanalyse (OFA) im Landeskriminalamt 1 aufzubauen, wo Fallanalytiker arbeiten. Inzwischen gibt es in jedem Bundesland so eine Dienststelle. Fallanalytiker – das klingt zwar nicht so cool wie Profiler, beschreibt die Arbeit dieser Experten aber recht deutlich. Die Ermittler bitten die Fallanalytiker hauptsächlich bei ungeklärten Tötungsdelikten, sowohl aktuellen als auch „Cold Cases“, und bei laufenden Vergewaltigungsserien um Unterstützung, um gegebenenfalls neue Ermittlungsrichtungen zu entwickeln oder vorhandene zu priorisieren. Die Arbeit dieser Profilersteller wirkt erst einmal so spektakulär, dass sie vielfach Gegenstand von TV-Serien und Filmen wurde. Mit dem Job, wie er in Serien wie „Criminal Minds“ beschrieben wird, hat der des Fallanalytikers jedoch wenig gemein. „Weder stürmen wir im schwarzen Anzug den Tatort noch fliegen wir mit einem Privatjet quer durch Deutschland“, sagt Christian Schulz, der als Lehrbeauftragter an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin-Lichtenberg den Nachwuchs ausbildet.
Berlin
Analysen vom Schreibtisch aus

Fallanalytiker jagen die Täter nicht selbst, sondern beraten die Fahnder bei deren Arbeit. Sie sind keine einsamen Wölfe, sondern stets in ein Team von Spezialisten eingebunden. Bei Fallanalytikern sammeln sich die Erkenntnisse des Rechtsmediziners, der die Leiche untersucht hat, die Funde der Spurensicherung und die Daten zum Opfer. Das Kernstück der Fallanalyse ist die Konstruktion des Tathergangs. Die wichtigste Frage ist nach wie vor: Was ist passiert? Was ist außergewöhnlich bei der Tat? Die Untersuchungen geben praktische Hinweise darauf, wo die Ermittler den Täter suchen können. Die Wahrheit ist: Die Fallanalyse ist ein Schreibtisch-Job. Wie ein Finanzanalyst oder eine Steuerberaterin trägt der Fallanalytiker Infos und Daten zusammen und erstellt Prognosen aufgrund von Erfahrungen. Fleißig erstellt er Listen und studiert die Fakten, die er minutiös zusammengetragen hat. Nachdem alle Ordner und Pappkartons gesichtet sind, ergeben sich meist Fragen, die wiederum an die Mordkommission weitergereicht werden. Unter Umständen löst diese wieder neue Ermittlungen aus.
Anders als im TV: Fallanalytiker jagen Straftäter nicht selbst, sondern beraten die Fahnder bei deren Arbeit. FOTOS: GETTY IMAGES (2)
Anders als im TV: Fallanalytiker jagen Straftäter nicht selbst, sondern beraten die Fahnder bei deren Arbeit. FOTOS: GETTY IMAGES (2)
Anders als die Kollegen von der Mordkommission fokussieren sich Fallanalytiker auf die objektiven Daten. Während sich die Kommissare durch unpräzise oder falsche Zeugenaussagen verwirren lassen können, arbeiten Fallanalytiker ausschließlich mit Aussagen, die sich objektiv belegen lassen. Eine Frage, die die Ermittler immer wieder umtreibt: Warum macht ein Täter das? Aus welcher Neigung oder Motivation heraus handelt er so? Liegt etwa ein Raubmord vor oder steckt ein anderes Motiv hinter dem Verbrechen? „Das berühmte Täterprofil kommt ganz am Schluss der Ermittlungen. Man kann kein zuverlässiges Profil erstellen, ohne vorher den Fall analysiert zu haben“, sagt Christian Schulz und betont: „Die Fallanalyse ist kein psychologisches Element, sondern ein kriminalistisches.“ Man findet eben nicht so schnell den Menschen, der als Kind Bettnässer oder Tierquäler war. Aber vielleicht kann man seinen Wohnraum einschränken und etwas über seine polizeilichen Vorerkenntnisse sagen.

In Deutschland liegt die Rate der Schwerstkriminalität erfreulich niedrig: Lediglich 80 Fallanalysen werden jährlich durchgeführt. Der Bedarf ist also gering und freie Stellen sind rar. Aber wie wird man Fallanalytiker? Nach einem berufsqualifizierenden Bachelor-Abschluss – etwa Psychologie, Rechtswissenschaften oder Sozialwissenschaften – kann man Kriminalpsychologie als Masterstudiengang studieren. Manche Hochschulen setzen Berufserfahrung bei der Polizei, in der Justiz oder Sozialarbeit voraus. „Praktische Erfahrungen sind wichtig für den Beruf“, sagt Christian Schulz. Wer bei der OFA arbeiten möchte, muss sich auf eine lange Laufbahn einstellen. Die Ausbildung zum fertigen Fallanalytiker dauert mehrere Jahre und beinhaltet das Absolvieren von mehreren Speziallehrgängen beim BKA. Angehende Fallanalytiker sollten wissen, wie die Ermittlungen bei der Kriminalpolizei aussehen. Die meisten bildet die Polizei in den eigenen Reihen aus. Weil die freien Stellen knapp sind, werden nur die geeigneten Kriminalbeamten für die Ausbildung zugelassen: Sie müssen entsprechende Berufs- und Lebenserfahrung aufweisen und gewisse Persönlichkeitsmerkmale, wie Objektivität, Gründlichkeit, Kreativität oder auch Frustrationstoleranz, mitbringen.

Der Mord an der Wilmersdorfer Geschäftsfrau ist übrigens immer noch nicht aufgeklärt. Das ist nicht ungewöhnlich. Die OFA-Dienststellen bekommen vor allem die schwierigsten Fälle auf den Tisch, von denen sie lediglich 15 bis 20 Prozent lösen können. Dennoch mache der Job Spaß, weil die Analyse eines ungeklärten Falles im Team immer wieder eine neue Herausforderung ist und man immer neu motiviert ist, diesen Fall zu lösen. Und wird nur ein Mord oder ein schweres Sexualdelikt infolge der Fallanalyse geklärt und der Täter dadurch gefasst, hat es sich schon gelohnt. KIRSTEN NIEMANN
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