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Ausbildung & Studium

„Man lernt im Ausland, über sich hinauszuwachsen“

Studieren ist weltweit möglich. Ob Freiwilligendienst, Praktika oder Austauschsemester – es gibt zahlreiche Möglichkeiten

Wer die Landessprache erlernt, hat mehr von einem Auslandsaufenthalt. FOTO: GETTY IMAGES

Daniel Beschareti sitzt auf gepackten Koffern. In wenigen Tagen geht es für zwei Semester nach Istanbul. „Mir war schon als Schüler klar, dass ich später im Ausland studieren möchte“, sagt der 22-Jährige, der kurz vor dem Bachelor in Deutsch und Geschichte mit Lehramtsoption an der Humboldt-Universität (HU) steht. „Wichtig bei der Auswahl des Ortes war mir die Qualität der Fakultät und die Lebenshaltungskosten. Paris oder Amsterdam hätte ich mir trotz des Erasmus-Stipendiums nicht leisten können.“ Mit dem Programm Erasmus+ unterstützt die Europäische Union Studierende beim Austausch in 34 europäische Partnerländer. Doch das Austauschsemester oder -jahr bleibt nicht auf den Kontinent beschränkt: Studieren ist weltweit möglich. Eine genaue Übersicht bietet der Erasmusberater am jeweiligen Hochschulstandort.
Polizei Brandenburg
Und damit beginnt im Regelfall die Qual der Wahl: Allein die HU hat mit 100 Ländern auf allen Kontinenten Verträge abgeschlossen, Kooperationen einzelner Fakultäten nicht eingerechnet. Etwa 1000 der mehr als 30.000 Immatrikulierten sammeln jedes Jahr Studienerfahrungen im europäischen und außereuropäischen Ausland. Dafür ist ein längeres Bewerbungsverfahren notwendig. An erster Stelle steht ein persönliches Motivationsschreiben, aus dem ersichtlich werden sollte, dass sich die Studierenden mit dem Angebot der Partner-Universität auseinandergesetzt haben und erläutern können, wie dort besuchte Kurse in das hiesige Curriculum integriert werden können. Denn eine Verlängerung der Regelstudienzeit aufgrund des Auslandsaufenthaltes sollte vermieden werden. Des Weiteren werden Leistungs- und Sprachnachweise beigefügt. Nach der ersten Runde stehen zumeist mündliche Interviews an. Falls diese erfolgreich verlaufen, findet ein zweites schriftliches Bewerbungsverfahren an der jeweiligen Partneruniversität statt, welche auch die offiziellen Zulassungsunterlagen verschickt. Für das Prozedere sollten Interessierte genügend Zeit mitbringen: „Ende Juni war das Bewerbungsverfahren abgeschlossen, das sich über viele Monate erstreckte“, erinnert sich Beschareti, der zuletzt intensiv Türkisch gebüffelt hat. „Meine Familie kommt zwar aus Turkmenistan und die Sprachen sind zumindest verwandt“, aber es sei trotzdem alles andere als ein Klacks gewesen. Obwohl die Kurse in Istanbul auf Englisch stattfinden, sind Beschareti profunde Sprachkenntnisse wichtig: „Sonst bleiben die Erasmus-Studierenden unter sich.“
Erasmus-Stipendiat Daniel Beschareti. FOTO: LINA NGUYEN
Erasmus-Stipendiat Daniel Beschareti. FOTO: LINA NGUYEN
Bei der Ortswahl auf Höhe der Kosten achten

Aus dem Grund suchte er sich in der Metropole am Bosporus eine eigene Wohnung. Eine Wohngemeinschaft mit anderen Deutschen oder Einrichtungen für internationale Studierende hat er kategorisch ausgeschlossen. „Ich hatte Glück, ein günstiges Angebot auf einem Immobilienportal zu finden.“ Im September bezieht er für ein Jahr eine Drei- Zimmer-Wohnung, während die Inhaberin im gleichen Zeitraum in Europa studiert. „So viel Platz könnte ich mir in Berlin nicht leisten“, sagt Beschareti, obwohl er neben dem Studium Förderklassen an Oberschulen betreut, als Basketballtrainer arbeitet und theaterpädagogische Workshops leitet. In Istanbul sind keine Jobs vorgesehen, sondern viel Zeit, seinen Interessen nachzugehen: „Am literaturwissenschaftlichen Institut werden auch praktisches Schreiben und Filmseminare angeboten“, freut sich Beschareti. Für die Semesterferien hat er auch schon Pläne geschmiedet: „Nach Berlin fliege ich nicht zurück. Stattdessen geht es weiter ostwärts – dort gibt es auch noch viel zu entdecken. Man lernt im Ausland, über sich hinauszuwachsen“, ist sich Beschareti sicher.

Immer mehr Azubis gehen ins Ausland

Neben Studierenden haben auch Auszubildende die Möglichkeit, praktische Erfahrungen im Ausland zu sammeln, zum Beispiel mit dem europäischen Förderprogramm Erasmus+ oder mit AusbildungWeltweit. Diese Option ist seit 2005 im Berufsbildungsgesetz rechtlich verankert. In größeren Unternehmen sind Auslandspraktika in der Regel betrieblich organisiert, Auslandsaufenthalte werden meist von den berufsbildenden Schulen oder von Kammern angeboten. Allen Auszubildenden steht die Nationale Agentur Bildung für Europa beim Bundesinstitut für Berufsbildung (NA beim BIBB) mit Rat und Tat zur Seite. Der erste Schritt sollte jedoch in jedem Fall das Gespräch mit dem Ausbildungsbetrieb und der Berufsschule über den geplanten Schritt sein. Wenn diese grünes Licht geben, können sich Azubis auf die Suche nach einer Entsendeeinrichtung machen. Dabei hilft beispielsweise die Website meinauslandspraktikum.de der NA beim BIBB, auf der Interessierte Stipendien gezielt nach Branchen und Zielländern suchen können. Auslandspraktika werden übrigens immer beliebter: Mittlerweile entscheiden sich etwa sieben Prozent aller Azubis dafür, ihren beruflichen Horizont auf diese Art zu erweitern.

Unabhängig von Ausbildung oder Studium können junge Erwachsene zwischen mindestens 16 (häufig 18) und 27 Jahren auch ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) weltweit absolvieren. Die Tätigkeitsschwerpunkte lassen sich in der Regel wie folgt zusammenfassen: Soziales (Erziehung von Kindern und Jugendlichen sowie Pflege von Kranken oder Menschen mit Behinderung), Kultur (Museen, Theater, Bibliotheken) und Ökologie (Umwelt- und Naturschutz sowie Nachhaltigkeit). Für An- und Abreise kommen die FSJer meist selbst auf, jedoch werden gesetzliche Versicherungen übernommen. RONALD KLEIN
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