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Berlin die unangefochtene Start-up-Metropole in Deutschland

Berlin ist seit Jahren die Start-up-Metropole Nummer eins in Deutschland. Die Etablierten stärken ihre Positionen, etliche Neue starten fulminant

Gründerinnen: Anike v. Gagern (l.) und Kathrin Weiß (r.) haben den Onlineversand tausendkind für Baby- und Kindermode gegründet. FOTO: TAUSENDKIND

Theresia Baldus 

Der größte Investitionspaukenschlag des vergangenen Jahres erklang bereits im Januar. Doch er hallt immer noch nach. Bislang wurde die Rekordsumme von 460 Millionen Euro nicht getoppt, die die Gebrauchtwagen-Plattform Auto 1 damals vom japanischen Technologiekonzern Softbank erhielt. Seither wird das Berliner Start-up mit knapp drei Milliarden Euro bewertet und gilt damit als eines von ganz wenigen „Einhörnern“. Als solche „Unicorns“ werden Firmen mit einer Marktbewertung von mehr als einer Milliarde US-Dollar vor dem Börsengang bezeichnet.

Wollte man einem soeben in Berlin gelandeten Außerirdischen erklären, was diese Stadt auszeichnet – Auto 1 wäre das Paradebeispiel: Seit Jahren ist Berlin die unangefochtene Start-up-Metropole in Deutschland. Egal ob man die Zahl der Gründungen heranzieht oder das investierte Kapital – Berlin liegt mit weitem Abstand vorne. Genauso verhält es sich in Bezug auf die ganz großen Player: Ob Auto 1, Delivery Hero oder Zalando – die erfolgreichsten Firmen sitzen fast ausnahmslos in Berlin. Alleine der Online-Händler Zalando beschäftigt mehr als 7000 Mitarbeiter in Berlin und 15.000 in Europa. 

„Der Bereich E-Commerce zeigt sich stabil mit leicht abnehmender Tendenz.“

Start-up-Experte Peter Lennartz

Natürlich gibt es auch an der Spree Pleiten, Pech und Pannen. Start-ups, die scheitern, sind so normal wie Dunkelheit im November. Was zählt, ist, dass Berlin den jungen Firmen eine Chance gibt. Das sogenannte Ökosystem ist hervorragend, es ist der Nährboden für die Start-ups: Das sind innovative Menschen, die den Gründern ein Vorbild sind, Inkubatoren, Accelerators, Universitäten, Konferenzen, internationale Talente. Und natürlich Kapitalgeber. Die Zahl und Höhe der Investitionen zeigt besonders eindrücklich, wo Berlin steht: So entfielen laut dem aktuellen Start-up-Barometer der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young im letzten Jahr 40 Prozent aller Finanzierungsrunden hierzulande auf Berliner Start-ups. Gemessen am investierten Volumen kamen die Berliner Gründer sogar auf 57 Prozent. Das zeigt, dass in Berlin mehr große Deals als anderswo abgeschlossen wurden, alleine vier der fünf größten Finanzierungen. Neben Auto 1 waren das auf den Plätzen drei bis fünf der Online-Möbelhändler Home24 mit 127 Millionen Euro sowie das Reiseportal GoEuro und das FinTech N26 mit jeweils 132 Millionen Euro.

Ob ein junges Unternehmen erfolgreich ist oder zumindest großes Potenzial besitzt, bemisst sich laut Peter Lennartz, Start-up-Experte bei Ernst & Young und verantwortlich für die Studie, aber nicht nur an der absoluten Höhe des eingesammelten Kapitals. Schließlich haben Firmen gewisser Branchen schlicht keinen so hohen Investitionsbedarf wie etwa E-Commerce-Unternehmen, die schon alleine zur Vorfinanzierung der Waren sehr hohe Summen benötigen – und auch das größte Volumen erhielten.

Der Berliner Lieferservice Foodora gehört zu Delivery Hero. FOTO: DELIVERY HERO
Der Berliner Lieferservice Foodora gehört zu Delivery Hero. 
FOTO: DELIVERY HERO
Elektromobilität boomt

Interessant ist laut Lennartz daher ein Blick auf die Steigerungsraten der getätigten Investitionen. Gemessen daran lag 2018 der Bereich Software und Analytics an erster Stelle. Dazu gehören unter anderem Künstliche Intelligenz, Software as a Service, Virtual Reality oder Blockchain. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Anzahl der Finanzierungsrunden in diesem Bereich von 75 auf 149 fast verdoppelt. Noch deutlicher fielen die Sprünge bezogen auf das investierte Kapital aus, und hier insbesondere bei den Blockchain-Start-ups: Sie erhielten 95 Millionen Euro – und damit mehr als zehn Mal so viel wie im Jahr davor. Der Bereich E-Commerce indes zeigte sich unter diesem Aspekt allenfalls „stabil, mit leicht abnehmender Tendenz“, so Lennartz. Die Branche existiert eben schon länger, die Kräfte sind verteilt: Es gibt die ganz wenigen Marktführer wie Zalando, daneben Nischenanbieter wie etwa der Online-Versender für Baby- und Kinderartikel tausendkind. „Heute kommt keiner mehr auf die Idee, ein E-Commerce-Start-up zu gründen“, sagt Lennartz.

Heute stehen andere Themen an, sind andere Geschäftsideen zukunftsträchtiger. Ganz vorne dabei sind soziale Unternehmen, die sich zum Beispiel um die Rettung der Bienen kümmern oder um Flüchtlinge. Sie tauchen allerdings kaum in einer Statistik auf, da sie, wenn überhaupt, nur sehr wenig Risikokapital erhalten. Ein weiterer Boomsektor ist die Elektromobilität, aktuell könnte insbesondere E-Tretroller-Sharing durch die Decke gehen. Das US-Vorbild Bird ist in kürzester Zeit zum Milliardenunternehmen aufgestiegen. Aber auch die jüngst gestarteten Berliner Anbieter Go Flash und Tier Mobility haben bereits kräftig Fahrt aufgenommen: Sie erhielten in den ersten Finanzierungsrunden für deutsche Verhältnisse verblüffende Höchstsummen: Tier sammelte 27 Millionen Euro ein, Go Flash 55 Millionen Euro.
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