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Warum verdienen Berliner weniger? Gehaltsreport & Entgeltatlas

Berliner verdienen weniger als der Bundesdurchschnitt – bei steigenden Lebenskosten. Ein Branchenüberblick

In den neuen Bundesländern wird immer noch weniger verdient. GRAFIK: ISTOCK/SORBETTO

Sylvia Chybiak  

Kaum ein Berliner weiß, was die Kollegin, der Wohnungsnachbar oder Freunde im Bundesgebiet verdienen, jeder Dritte scheut sich, offen über sein Gehalt zu reden. Denn über Geld spricht man nicht – oder doch?

Durchschnittlich verdienen die Berliner Fach- und Führungskräfte rund 54.200 Euro im Jahr, das Bruttodurchschnittsgehalt in der Bundesrepublik beträgt etwa 58.000 Euro jährlich. Klingt nicht schlecht, aber sieht man sich die Top-Gehälter im hessischen Frankfurt am Main von jährlich rund 73.200 Euro an, weiß man: Da ist noch Luft nach oben.

Berlin muss sich nicht verstecken, die Wirtschaft wird 2019 zulegen und die Prognose geht Richtung plus zwei Prozent. Damit liegt das Wachstum über dem Bundesdurchschnitt, der bei einem Prozent liegt.

Dienstleistung boomt

„Die starke Binnendynamik und das robuste Wachstum von Dienstleistungen und Digitalwirtschaft bleiben wichtige Impulsgeber und schaffen viele neue Arbeitsplätze“, sagt Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop. Rund 87 Prozent aller Arbeitsplätze sind im Dienstleistungsgewerbe angesiedelt. In Firmen, die unternehmensnahe Dienstleistungen (wie Buchhaltung, Design oder Gebäudereinigung) anbieten, gab es im Zeitraum von Dezember 2017 bis Dezember 2018 rund 14.700 neue Jobs. Die Branchen Information und Kommunikation haben um rund 11.000 Beschäftigte aufgestockt, rund 6900 neue Stellen gab es im Berliner Gesundheits- und Sozialwesen. Die gute Nachricht lautet: Rund 34 Prozent der Berliner Unternehmen planen neue Stellen, nur elf Prozent einen Personalabbau.
„Der nachhaltige wirtschaftliche Aufschwung kommt bei den Menschen an. Immer mehr Berlinerinnen und Berliner nehmen am Arbeitsleben teil”, sagt Ramona Pop. Rund zwei Millionen Menschen sind in Berlin erwerbstätig, aber was verdienen sie im Vergleich zu den Arbeitnehmern im Bundesgebiet eigentlich? Der aktuelle Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit (BA) bietet die Möglichkeit der interaktiven Recherche zu Gehältern in ganz Deutschland. Tausende Berufe und deren Bezahlung können auf der BA-Datenbank abgefragt werden. Das sorgt für Transparenz – für Jobsuchende und Personaler zugleich. In welcher Region Deutschlands gibt es für welchen Beruf die optimale Verdienstmöglichkeit? Macht es Sinn, nach Berlin zu ziehen oder wird der Job woanders viel besser bezahlt? Lohnt sich eine Zusatzausbildung oder gleich ein Studium?

Viele Berliner Unternehmen sind gut ausgelastet, die Nachfrage nach Fachkräften ist deshalb hoch. Gefragt sind IT-Experten mit Wissen rund um Big Data, Social Media, Apps und mobile Webseiten. Abhängig von Unternehmen und Ausbildung verdienen Systemadministratoren 4047, Software-Entwickler 3873 und Data Scientists 4909 Euro monatlich. Zu den Top-Berufstiteln zählt IT-Manager, hier können Akademiker auch in Berlin spitzenmäßig verdienen. Aber auch in der Versicherungsbranche werden Kaufleute mit 4341 Euro gut bezahlt, ebenso im Bank- und Finanzwesen.

Zu den gefragten Berufen zählen Lebensmitteltechniker und Kontrolleure, denn der Trend zu Bio- und Fleischersatzprodukten nimmt weiter zu. Gute Verdienstmöglichkeiten bieten sich auch Robotik-Ingenieuren, die sensorgeführte Maschinen entwickeln, programmieren und warten – im Zeitalter von hochkomplexen Produktionsabläufen und autonomem Fahren ein lukrativer Zukunftsberuf.

Ein Milliardenmarkt ist E-Commerce, hier werden Experten für die Suchmaschinenoptimierung oder die Betreuung von Onlineshops gesucht. Im Trend sind auch Kryptologen, die sensible Daten verschlüsseln, außerdem 3D-Experten.

Sorgenkind Medien

Wer vollbeschäftigt an Film- oder TV-Kamera arbeitet, hat im besten Fall 3415 Euro in der Lohntüte, als Grafik-, Kommunikations- und Fotodesigner monatlich rund 3059 Euro. Im Trend ist die Tätigkeit als Content-Manager, sie verdienen 3536 Euro. Jobs in Werbung und Marketing werden mit rund 3800 Euro deutlich schlechter entlohnt als bundesweit (4675 Euro). Als Beruf mit nicht nur gefühlt guten Aussichten gilt der Feelgood-Manager, ihn findet man gern in Berliner Start-ups. 37 junge Unternehmen mit innovativen Geschäftsmodellen wurden 2018 gegründet – und zwar monatlich. Zu finden sind sie in der neuen Startup-Map.Berlin.

Wer in Berlin in der Kinderbetreuung und Erziehung arbeitet, darf sich in diesem Jahr über eine Gehaltserhöhung um 3,2 Prozent freuen, im Durchschnitt werden die Beschäftigten mit 3089 Euro entlohnt. Fachärzte verdienen in Berlin über dem Bundesdurchschnitt, das Health Care Management boomt weiter und wird mit 4526 Euro bezahlt. Die Altenpflege hinkt mit nur 1870 Euro deutlich hinterher.

Fachkräfte werden in der Berliner Baubranche und im Handwerk dringend benötigt. Ein Klempner verdient rund 2458 Euro monatlich, im Tiefbau werden 2854 Euro gezahlt, bundesweit dagegen 3108 Euro.

In vielen Branchen werden Frauen trotz Entgelttransparenzgesetz schlechter als ihre männlichen Kollegen entlohnt. In Berlin verdienen sie pro Arbeitsstunde 14 Prozent weniger Gehalt, bundesweit sind es sogar 21 Prozent. Berufsfelder, in denen Frauen mehr verdienen, sind Hoch- und Tiefbau, Fahrzeug-, Luft-, Raumfahrt- und Schiffbautechnik.

Netzwerken hilft

In den neuen Bundesländern ist das Durchschnittsgehalt noch immer niedriger als in den alten, nur teilweise wird das durch niedrigere Lebenshaltungskosten ausgeglichen. Was die Mietkosten betrifft, gilt das in Berlin längst nicht mehr für alle Bezirke. Im Jahr 2011 kostete das Wohnen (60 qm-Wohnung) warm noch 6,17 Euro pro Quadratmeter, satte 11,97 Euro sind es heute, Tendenz steigend. 24 Prozent des Einkommens müssen die Berliner für ihre vier Wände berappen, um 1,1 Prozent sind die Verbraucherpreise gestiegen.

Berlin ist und bleibt ein Magnet für Studierende und Arbeitssuchende. Branche, Qualifikation, Berufserfahrung sowie Art und Größe des Unternehmens sind ausschlaggebend für die Höhe des Gehalts. Manchmal helfen auch Networking und das eigene Verhandlungsgeschick, um mehr zu bekommen. Über Geld spricht man eigentlich nicht – sollte man aber.

Die Links zum Gehaltsreport

- Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit (BA):
https://entgeltatlas.arbeitsagentur.de

- Liste der Berliner Start-ups:
https://startup-map.berlin/home

- StepStone Gehaltsreport:
https://www.stepstone.de/Ueber-StepStone/knowledge/gehalt-2019/
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