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Auf dem Weg zu einer neuen Bürokultur

Viele Unternehmen möchten mobile Arbeitsmodelle ausbauen. Gefragt ist der richtige Mix aus Homeoffice und Präsenzzeit

Moderne Büros sind flexibel nutzbar und leicht anpassbar. FOTO: ANDREAS LUKOSCHEK/ OFFICEDROPIN

Vor der Corona-Pandemie gehörten mobile Arbeitskonzepte eher zur unkonventionellen Start-up- und Kreativszene. Doch seit der Lockdown der gesamten Arbeitswelt bis hin zum Dax-Konzern den unfreiwilligen Probelauf in Sachen flexible Arbeits- und Kommunikationsmodelle verordnete und der Digitalisierung einen enormen Schub versetzte, hat sich die Großwetterlage spürbar verändert. Der abrupte Wechsel vom Büro ins Homeoffice, den fast 70 Prozent aller deutschen Unternehmen in unterschiedlicher Form leisteten, hat Folgen.
Die wichtigste Erkenntnis: Auch wenn nicht alle Mitarbeiter permanent unter einem Dach arbeiten, mindert das nicht automatisch die Produktivität. Eine aktuelle Studie des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation und der Deutschen Gesellschaft für Personalführung belegt, dass 42 Prozent der Führungskräfte planen, die Konzepte Homeoffice und mobiles Arbeiten in ihren Unternehmen dauerhaft auszuweiten. Zum Vergleich: Vor der Corona-Krise lag der Homeoffice-Anteil in Deutschland lediglich bei 12 Prozent.

"Mobilität, Flexibilität und Sharing Economy – das ist die Zukunft."

Robert Bukvic, Geschäftsführer Rent24

Das aktuelle Stimmungsbild passt zu einem Wandel der Arbeitskultur, der auch Berlin längst erfasst hat. „In Zukunft werden wir in einer primär ergebnisorientierten Kultur arbeiten. Das bedeutet, dass es nicht mehr nur darum geht, so lange wie möglich im Büro zu sitzen, sondern die Ressourcen so zu verteilen, dass die besten Ergebnisse auf effiziente Art und Weise erzielt werden“, sagt Robert Bukvic, Geschäftsführer des Berliner Coworking Space Anbieters Rent24. Er sei positiv gestimmt, dass sich die Menschen seit oder wegen des Lockdowns offener gegenüber neuen Arbeitsmodellen zeigen. „Wir verzeichnen eine steigende Nachfrage. Es sind vermehrt ganze Projektteams größerer Unternehmen zu uns gekommen. Die Firmen wollen den Anschluss nicht verpassen“, so Bukvic. Für den Unternehmer steht außer Frage, dass die Zukunft des Büros nicht allein Homeoffice heißt. Experten stimmen ebenfalls darin überein, dass die guten Erfahrungen mit der Arbeit im Homeoffice zu dessen Etablierung führen wird, ergänzt jedoch um einen hybriden Mix aus mobilem Arbeiten und Präsenzzeiten im Büro.
Videokonferenzen werden nach Meinung von Experten dauerhaft erhalten bleiben. FOTO: FIZKES / GETTY IMAGES
Videokonferenzen werden nach Meinung von Experten dauerhaft erhalten bleiben. FOTO: FIZKES / GETTY IMAGES
Unternehmen wollen Kosten senken

Zahlreiche Betriebe reagieren bereits auf den allgemeinen Wandel der Arbeitskultur und definieren ihre Räumlichkeiten neu. Maßgeblich ist dabei das Konzept einer sogenannten aktivitätenbasierten Arbeitsumgebung. Diese gewährleistet Flexibilität und senkt nicht zuletzt die Kosten für Miete und Infrastruktur. Ein Trend, der sich auch auf dem konjunkturanfälligen Berliner Gewerbeimmobilienmarkt niederschlägt. Das Institut der deutschen Wirtschaft rechnet damit, dass die Mieten 2020 um ein Fünftel sinken könnten, die Kaufpreise sogar um 35 Prozent.

Konkret bedeutet das für klassische Bürostrukturen: geteilte Arbeitsplätze – sogenannte Flying Desks –, weniger Standrechner, aber auch maximal flexible Büroflächen, die sich dem jeweiligen Arbeitsbedarf anpassen: morgens Großraumbüro, nachmittags Präsentationsbühne und abends Kreativstübchen. Denn es steht außer Frage, dass Räume für das Zusammentreffen von Kollegen und Teams weiterhin essenzieller Bestandteil der Arbeitsumgebung bleiben. Nur so lässt sich die volle Kreativität und Leistungskraft der Mitarbeiter voll erhalten. Elemente wie mobile Stellwände sorgen in den modernen multifunktionalen Büros für Sicherheitsabstand und ermöglichen Raum-in-Raum-Konzepte. Die Beleuchtung und Temperatur lassen sich darin den Bedürfnissen anpassen.

Für jede Aufgabe die passende Umgebung – darauf setzt auch Robert Bukvic mit seinen Coworking-Konzepten. Für ihn geht die Entwicklung in Sachen Bürokultur eindeutig in eine Richtung: „Mobilität, Flexibilität und Sharing Economy – das ist die Zukunft. Berlin ist da sehr vorbildlich, was unter anderem auf die große Tech- und Startup-Szene zurückzuführen ist. Sicher ist, dass Arbeitnehmer künftig mehr Freiheit haben werden, sowohl bei der Gestaltung ihres Arbeitsalltags als auch bei der Wahl ihres Arbeitsplatzes. Große Namen wie Twitter machen es bereits vor.“ ANTONIA OSTERSETZER

„New Work ist eine Haltung“

Die Digitalisierung der Arbeitswelt hat enorm an Schubkraft gewonnen. Wie geht es weiter? Eine Expertin gibt Antwort
Anna Kaiser ist die Vorsitzende des Ressorts Arbeitswelt der Zukunft im Bundesverband Digitale Wirtschaft e.V. (BVDW). FOTO: TANDEMPLOY/BVDW
Anna Kaiser ist die Vorsitzende des Ressorts Arbeitswelt der Zukunft im Bundesverband Digitale Wirtschaft e.V. (BVDW). FOTO: TANDEMPLOY/BVDW
Berliner Morgenpost: Frau Kaiser, Begriffe wie Zoom und VPN-Zugang sind in aller Munde. Haben wir den Übergang von der „Old“ zur „New Work“ also schon gemeistert?

Anna Kaiser: Nein, diesen Übergang haben wir leider noch lange nicht gemeistert, vor allem in Deutschland nicht. Pandemiebedingt haben die Unternehmen in Deutschland dieses Jahr einen großen Schritt nach vorn gemacht, das stimmt. Wir konnten aber gerade durch Corona auch sehr deutlich erleben, wo es eben noch hapert, beispielsweise bei der Digitalisierung der Behörden. Insgesamt gesehen wird mobiles Arbeiten erst langsam normal, aber wir sind auf dem Weg. Abgesehen davon steht New Work für mehr als „nur“ für mobiles Arbeiten. Es ist eine Haltung, die die Menschen, ihre Fähigkeiten und Bedürfnisse konsequent zum Ausgangspunkt für (unternehmerisches) Handeln macht.

Plötzlich klappte es während des Lockdowns mit dem mobilen Arbeiten. Was stand dem Voranschreiten der Digitalisierung zuvor im Wege?

Häufig fehlt genau diese Grundhaltung. Viele Organisationen kennen ihre Mitarbeitenden kaum und hegen ein Misstrauen, was den Arbeitswillen der Belegschaft angeht. Das ist fatal. Denn gerade der daraus resultierende „Kontrollzwang“ führt dazu, dass Mitarbeitende sich gar nicht so einbringen können, wie sie es gern würden. Unternehmen müssen sich bewusst machen, dass viele Menschen tagtäglich acht Stunden in ihren Silos versauern, um dann nach Feierabend aufzublühen und Häuser zu bauen, Sportvereine zu leiten, der dementen Nachbarin zu helfen – weil sie es wollen, weil sie es können und weil sie die Freiheit haben, es zu tun. Neben diesem noch fehlenden Mentalitätswandel haben wir aber auch sehr handfeste Probleme wie beispielsweise die digitale Infrastruktur auf dem Land.

Wie muss die Digitalisierung der Arbeitswelt gestaltet werden, damit zukünftig möglichst alle von ihr profitieren können?

Wir müssen in verschiedene Richtungen denken. Zum einen brauchen wir ein Homeoffice-Gesetz. Arbeitnehmer und Arbeitgeber brauchen gegenseitige Rechtssicherheit, die Rahmenbedingungen fürs Homeoffice müssen in den Verträgen festgeschrieben werden.

Außerdem brauchen wir einen Kulturwandel und müssen Vorurteile abbauen. Der Mensch ist nicht von Natur aus arbeitsscheu, im Gegenteil. Hier sind organisatorische Strukturen am Zuge, die das Beste in ihren Mitarbeitenden wecken. Das ist keine Raketenwissenschaft, sondern in erster Linie eine Frage des Wollens. Und last, but not least ist der Breitbandausbau entscheidend. Hier muss die Bundesregierung endlich liefern. ANTONIA OSTERSETZER
      
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