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Berlins Top 200 Spezial

Die wachsende Stadt benötigt mehr Arbeitskräfte

2019 haben die 200 größten Berliner Arbeitgeber mehr eingestellt. Die Pandemie stoppt diesen Trend – vorerst

Seit zehn Jahren in Folge schaffen die 200 größten Arbeitgeber der Berliner Wirtschaft ununterbrochen neue Jobs. Auch 2019 stellten sie kräftig ein: Fast 6500 Berliner fanden bei den Top 200 einen neuen Arbeitsplatz, das ist ein Plus von 1,5 Prozent. Zum Vergleich: 2018 rekrutierten die größten Arbeitgeber der Spreemetropole 1,9 Prozent mehr Beschäftigte, 2017 waren es 2,9 Prozent. Das ergab eine Umfrage der Berliner Morgenpost bei den größten Arbeitgebern der Hauptstadtregion. Insgesamt haben im vergangenen Jahr 102 der 200 größten Arbeitgeber ihre Belegschaftszahl aufgestockt. Nur 54 haben dagegen Personal abgebaut.
Die fünf größten Arbeitgeber der Hauptstadtregion haben allesamt ihr Personal erhöht. An der Spitze steht nach wie vor die Deutsche Bahn, bei der zum 31. Dezember des vergangenen Jahres 23.064 Menschen in Berlin und in den Umlandkreisen beschäftigt waren (plus 6,7 Prozent). Deutlich aufgestockt haben auf den Plätzen zwei und drei ihr Personal auch die Charité (plus 3,8 Prozent) und die Vivantes Kliniken, ebenso wie die BVG (plus 4,9 Prozent) auf Platz vier und Daimler (plus 3,8 Prozent) auf Platz fünf.

Logistiker ist größter Aufsteiger im Ranking

Größter Aufsteiger im diesjährigen Top-200-Ranking ist der Logistiker Fiege. Hatte das Unternehmen den Einzug in den Kreis der 200 größten Arbeitgeber der Region im vergangenen Jahr noch knapp verpasst, so belegten sie 2019 Platz 83 mit 1456 Beschäftigten. Der Grund für das kräftige Plus von 170,6 Prozent: Fiege hat Zalandos Logistikzentrum in Brieseland mit knapp 1000 Mitarbeitern übernommen. Das führte auch dazu, dass Zalando nach vielen Jahren des dynamischen Beschäftigungsaufbaus diesmal mit einem Personalrückgang von elf Prozent auf 6500 Mitarbeiter in der Tabelle steht. Platz 13 ist die Folge. Ohne die Auslagerung des Logistikzentrums ins Umland ist Zalandos Belegschaft in Berlin allerdings weiterhin gewachsen – und zwar um 500 Beschäftigte.
In der Logistikbranche und Digitalwirtschaft steigt die Zahl der Mitarbeiter. Die Gesundheitsbranche ist die größte in der Region. FOTOS: AYDINMUTLU, TOMAZL, D. MITCHELL / GETTY IMAGES
In der Logistikbranche und Digitalwirtschaft steigt die Zahl der Mitarbeiter. Die Gesundheitsbranche ist die größte in der Region. FOTOS: AYDINMUTLU, TOMAZL, D. MITCHELL / GETTY IMAGES
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Überhaupt entwickeln sich die Digitalunternehmen auch weiter zu einer der wichtigsten Branchen auf den Berliner Arbeitsmarkt: Insgesamt 18.538 Berliner fanden in einer der großen Internetfirmen aus den Top 200 eine Anstellung. So beschäftigte Amazon Ende 2019 in der Hauptstadt und im Umland 3300 Mitarbeiter (plus 17,9 Prozent), bei Auto1 waren es 950 Berliner (plus 4,1 Prozent) und bei Idealo 879 Angestellte (plus 9,5 Prozent).

Die bedeutendste Branche in den Top 200 ist aber nach wie vor die Gesundheitswirtschaft: 76.165 Menschen kümmerten sich im vergangenen Jahr in den Krankenhäusern und Rehabilitationszentren der Hauptstadtregion um Kranke und Pflegebedürftige – ein Plus von vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Im Einzelhandel arbeiteten 50.593 (plus 1,1 Prozent), bei den Verkehrsunternehmen 40.309 (plus 5,7 Prozent), im Gebäudemanagement 24.897 (minus 4,4 Prozent), in der Sozialwirtschaft 20.791 (plus 0,5 Prozent), in der Automobilindustrie 19.511 (plus 3,6 Prozent) und in den Banken 17.265 Mitarbeiter (plus 1,8 Prozent).

Auch im Corona-Krisenjahr wollen die meisten der Top-200-Arbeitgeber ihr Personal behalten. Die Berliner Morgenpost fragte die Unternehmen nach einer Prognose für die Beschäftigungsentwicklung im gegenwärtigen Jahr. Ergebnis: 38 Unternehmen planen, bis Jahresende zusammen zwischen 3995 und 4365 neue Stellen zu schaffen. Demgegenüber gehen nur drei Unternehmen heute davon aus, dass sie insgesamt rund 200 Arbeitsplätze abbauen. 68 Unternehmen halten die Belegschaftszahlen konstant und 91 machten keine Angaben zur Entwicklung ihrer Mitarbeiterzahl.

Im Vergleich zu den Vorjahren lässt sich eine pandemiebedingte Krisenstimmung im Personalmanagement der großen Arbeitgeber der freien Wirtschaft nicht aus den Zahlen ableiten. Einzig die Zahl der Unternehmen, die einstellen wollen, ist mit 38 geringer als in den vorangegangen vier Jahren (45 bis 57). Die obere Zahl der prognostizierten Personalzuwächse liegt etwa auf dem Durchschnittsniveau der vorigen Jahre. Im vergangenen Jahr war die Stimmung allerdings besonders gut. Damals wollten 57 Unternehmen 6363 neue Stellen schaffen.

Rückkehr zu Wachstum schon bald möglich

Die Pandemie zieht aber natürlich nicht wirkungslos an Berlin vorüber. Im Gegenteil: „Die Corona-Krise hat gerade die Hauptstadtregion mit voller Wucht getroffen“, weiß Claus Pretzell, Volkswirt der IBB. So stieg die Arbeitslosenzahl in der Hauptstadt im Juli 2020 auf 10,8 Prozent – und lag damit 2,8 Prozentpunkte höher als im Vorjahresmonat. Begründet sei das vor allem mit der einmaligen Mischung der Berliner Wirtschaft: „Kunst und Kultur, Events und Amüsement, Restaurants und Hotellerie bekommen die Krise mit all ihren Auswirkungen besonders hart zu spüren.“

Pessimistisch ist Pretzell jedoch nicht: „Berlin wird sich bald wieder aufrappeln und den überdurchschnittlichen Wachstumspfad der vergangenen Jahre aufnehmen“, ist sich der Volkswirt sicher. „Wir haben den Tiefpunkt durchschritten, die Unternehmen schöpfen wieder Hoffnung.“

Attraktiv für Zuzügler aus dem In- und Ausland

Im Jahr 2020 dürfte die Berliner Wirtschaftsleistung um rund acht Prozent zurückgehen. Aber schon 2022, spätestens 2023 stehen die Zeichen wieder auf überproportionales Wachstum, und auch die Zahl der neugeschaffenen Jobs wird wieder kräftig steigen, prognostiziert Pretzell. Der Grund: „Die Berliner sind sehr flexibel und findig. Auch wenn einige Unternehmen die Krise nicht überleben, so werden sich doch neue Ideen und Geschäftsmodelle finden und neue Unternehmen gegründet, vor allem in der Digitalwirtschaft.“ Zudem werde Berlin weiterhin wachsen – die Hauptstadt werde auch nach der Krise attraktiv für Zuzügler aus dem Bundesgebiet und der ganzen Welt bleiben. Und eine wachsende Stadt brauche auch mehr Personal in Gesundheit und Bildung, in Handel und Dienstleistung und im Bausektor. MICHAEL GNEUSS UND KATHARINA LEHMANN
     
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