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Die Zukunft liegt in der Innovation

Wirtschaftssenatorin Ramona Pop ist vorsichtig optimistisch und sieht Berlin auf gutem Weg aus der Krise

FOTO: DIE HOFFOTOGRAFEN GMBH BERLIN

Anfang des Jahres befand sich die Berliner Wirtschaft noch auf Wachstumskurs. Doch die Corona-Pandemie ließ viele Branchen einbrechen. Welche das sind und wie ihnen geholfen werden kann, dazu äußert sich die Berliner Wirtschaftssenatorin Ramona Pop im Interview. Sie verrät aber auch, warum sie von einer schnellen Erholung ausgeht und wie sich die Berliner Wirtschaft mittelfristig entwickeln könnte.

Berliner Morgenpost: Frau Pop, die Corona-Zeit hat die Berliner Wirtschaft stark getroffen. Was sind aus Ihrer Sicht die gravierendsten Auswirkungen?

Ramona Pop: Nahezu alle Bereiche der Berliner Wirtschaft sind in unterschiedlicher Intensität von der Krise betroffen. Anders als bei der Finanzkrise trifft es diesmal alle Branchen, manche besonders hart. Das, was uns 2008 schützte – nämlich unser hoher Dienstleistungsanteil – wird nun zum Problem. Jetzt trifft es die Unternehmen, die davon leben, dass Menschen sich begegnen, ausgehen und viel reisen. Corona trifft die Hotellerie, das Gastgewerbe und die Eventbranche besonders hart.

Wie lassen sich speziell diese drei Branchen denn nach vorn bringen?

Wir haben in Berlin und auch bundesweit sehr schnell reagiert mit unseren Hilfsprogrammen. Mit dem Geld haben wir die Unternehmen schnell stabilisiert. Nach dem Ende des Lockdowns haben wir fortlaufend an der Infektionsschutzverordnung gearbeitet, zum Beispiel an den Personengrenzen bei Veranstaltungen oder wie kürzlich den Abstandsregelungen in Gaststätten. Auch die Bezirke unterstützen, etwa bei der Ausweitung der Außengastronomie. Aktuell haben wir neben den Sofort- und Überbrückungshilfen des Landes Berlin und des Bundes neue Konjunkturprogramme aufgelegt, beispielsweise in Höhe von 20 Millionen Euro für den Tourismus, unter anderem für Marketingkampagnen und einen Kongressfonds. Denn wir wissen auch: Der Tourismus ist einer der wirksamsten Hebel für Berlin, die Konjunktur wieder anzukurbeln. Klar ist aber auch: Wir können nicht alle Folgen der Pandemie abfedern.

"Trotz Krise bleibt Berlin laut aktueller EY-Studie der wichtigste Start-up-Standort in Deutschland."

Ramona Pop, Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe

Wo sehen Sie bereits Anzeichen für eine Erholung?

In der Gastronomie und Hotellerie, bei Messen und Kongressen, in der Kulturwirtschaft wissen wir, dass es länger dauern wird, bis wieder so etwas wie Normalität einkehren kann. In anderen Branchen sehen wir, dass es schneller gehen kann, sofern sich geschäftliche Routinen auf der Angebots- und Nachfrageseite wieder einstellen und die Infektionszahlen beherrschbar bleiben. In der Digitalwirtschaft ist punktuell sogar Wachstum zu verzeichnen. Berlin ist jedoch keine Insel. Langfristig entscheidend ist, dass sich die internationalen Märkte stabilisieren. Das hat positive Effekte auf das produzierende Gewerbe.

Alles hängt davon ab, ob wir die Infektionszahlen weiter niedrig halten können. Wir müssen alle weiterhin vernünftig sein. Nur durch konsequentes Einhalten der Hygieneregeln kann eine zweite Infektionswelle im Herbst oder Winter verhindert werden. Dazu haben wir in der Krise bereits eine wichtige Erfahrung gemacht.

Und welche ist das aus Ihrer Sicht?

Es hat sich gezeigt: Wirtschaftlicher Erfolg und Dynamik sind keine Selbstläufer. Auch bei uns in Berlin nicht. Mitunter hat sich ja die Haltung entwickelt, dass Berlin das mit der wirtschaftlichen Entwicklung und dem Wachstum nicht so nötig habe. Ich werde nicht müde, hier zu warnen. Wenn wir jetzt auf die steigenden Arbeitslosenzahlen schauen, ist eine Haltung à la ‚Wirtschaft braucht man doch nicht in der Stadt‘ der Weg in den Verzicht auf Arbeitsplätze. Das kann sich die Stadt nicht leisten.

Tesla, Siemens – vor Corona gab es einige positive Meldungen zu Ansiedlungen. Welche Auswirkungen hat die Krise auf das Verhalten von Investoren?

Aus meinen zahlreichen Gesprächen mit Unternehmen weiß ich, dass viele – darunter auch Tesla und Siemens – an ihren geplanten Investitionen festhalten wollen. Bei Karstadt-Kaufhof haben wir gezeigt, dass wir auch Arbeitsplätze halten können. Berlin bleibt ein attraktiver Wirtschaftsstandort und wir tun alles dafür, weiterhin die richtigen Rahmenbedingungen zu setzen – auch in der Krise. Auch die Anträge auf Förderung gewerblicher Investitionen, die sogenannten GRW-Mittel von Bund und Land, lassen für das erste Halbjahr keinen signifikanten Rückgang erkennen. Bedenken muss man auch: Viele Effekte von Corona treten erst mit Verzögerung ein, so dass sich unser Blick auf das zweite Halbjahr richtet.

Im Gesundheitssektor hat Berlin auch oft positiv Schlagzeilen gemacht, etwa durch die Arbeit der Charité. Wie stehen die Chancen, dass die Branche weiter wächst?

Der souveräne Umgang mit der Corona-Pandemie hat die Reputation Berlins als internationaler Life Science Standort nachhaltig gestärkt. Bei uns stimmt das Zusammenspiel zwischen globalen Playern wie Bayer und Pfizer, „Hidden Champions“ der Berliner Biotech-Industrie wie Biotechrabbit oder TIB Molbiol und der exzellenten Berliner Forschungslandschaft, insbesondere in der Epidemiologie und Versorgungsforschung. Hier wurde in den vergangenen Monaten eine Dynamik freigesetzt, die die Attraktivität der Gesundheitsregion als Investitionsstandort deutlich unterstreicht. Das zeigt einmal mehr: Berlins Zukunft liegt in der Innovation.

Berlin spielt bei Start-ups in der ersten Liga. In die jungen Unternehmen wird viel Hoffnung gesetzt, dass sie zum Jobmotor werden. Wie sehen Sie das?

Sie müssen es nicht mehr werden, Berliner Start-ups sind mit rund 80.000 Arbeitsplätzen bereits ein wichtiger Jobmotor in der Stadt. Durch den kontinuierlichen Austausch mit den wichtigsten Playern der Start-up-Szene, aber auch aufgrund unserer sehr zielgerichtet ausgestalteten Förder- und Unterstützungsmaßnahmen hat sich in den vergangenen Jahren ein sehr dynamisches Ökosystem entwickelt, das auch weiterhin wichtiger Impulsgeber für Innovationen in Berlin sein wird.

Trotz Krise bleibt Berlin laut aktueller EY-Studie der wichtigste Start-up-Standort in Deutschland. Wir wollen, dass das so bleibt. Die Berliner Start-ups sollen gut durch die Krise kommen. Mit unseren Maßnahmen stellen wir gewichtige Landes- und Bundesmittel zur Unterstützung von der Corona-Krise betroffener Start-ups zur Verfügung. Klar ist aber auch: Start-ups sind nur ein Baustein der Berliner Wirtschaft, wir haben aber noch mehr.

Berlin hat stark davon profitiert, dass Menschen aus dem In- und Ausland hierhergezogen sind. Wird die Stadt auch künftig attraktiv bleiben oder rechnen Sie mit einem Rückgang beim Zuzug?

Die Wirtschaftsstruktur Berlins ist zuletzt diverser und vielfältiger geworden. In vielen Branchen spielt die Digitalisierung aller gesellschaftlichen Bereiche heute eine ganz zentrale Rolle. Berlin ist eine Stadt des ständigen Wandels. Veränderungen sind für viele junge, dynamische Menschen spannend. Die Wandelbarkeit von Berlin hat die Stadt schon immer für viele Zuzügler interessant gemacht. Der Wandel ist die Berliner Konstante. Daher bin ich mir sicher, dass die offene und tolerante Stadt Berlin auch weiterhin ein außerordentlich attraktiver Standort für qualifizierte Menschen aus der ganzen Welt sein wird.

Die größten Arbeitgeber Berlins haben wir nach der Zukunft ihres Unternehmens gefragt. Wie steht die Berliner Wirtschaft Ihrer Meinung nach in fünf Jahren dar?

Ich bin optimistisch, dass wir vielleicht Ende des nächsten Jahres, spätestens aber Anfang 2022 wieder das Vorkrisen-Wirtschaftsniveau erreichen und wir wieder auf unseren innovativen Entwicklungspfad der letzten Jahre einschwenken können. Dann sehe ich Berlin als Innovationshauptstadt. In fünf Jahren als Vorreitermetropole nachhaltiger Mobilitätskonzepte und regenerativer Energieerzeugung. Natürlich muss auch der Kultur- und Kreativsektor zu alter Stärke zurückfinden, denn von dessen Glanz und Kreativität profitiert Berlin in erheblichem Maße. JÖRN KÄSEBIER
     
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