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Eine Krise macht erfinderisch

Die Einschränkungen im Zuge der Corona-Krise stellten die Berliner Betriebe vor große Herausforderungen. Lieferketten brachen zusammen, Produkte ließen sich nicht absetzen. Viele Unternehmen zeigten sich flexibel und reagierten innovativ

Im April präsentierte Collonil-Geschäftsführer Frank Becker stolz eines der neuen Produkte: Desinfektionsmittel. FOTO: MAURIZIO GAMBARINI / FUNKE FOTOSERVICES

Das Familienunternehmen Lüdtke + Kuhn produziert seit 20 Jahren großformatige Bilder für Messen und andere Events. Doch dann kamen Corona und der Lockdown. Die Veranstaltungsbranche lag am Boden. Von heute auf morgen brachen bei dem Berliner Werbemittelhersteller knapp 90 Prozent der Umsätze weg. Doch die beiden Inhaber, Jan Lüdtke und Steffen Kuhn, ließen sich nicht entmutigen, sondern etwas einfallen: Sie stellten ihre Produktion auf einen Mund-Nasen-Schutz um. Innerhalb kürzester Zeit besorgten sie Stoffe und Gummis, riefen die Marke „SocialMask“ ins Leben, bauten – zum Teil in den Nachtstunden – einen Webshop auf. „Am 7. April haben wir die erste Maske verkauft“, sagt Lüdtke. „In den Wochen danach gingen täglich bis zu 800 Masken über den virtuellen Ladentisch.“
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Auch andere Branchen waren und sind zum Teil noch stark betroffen. Dazu zählen vor allem die Gastronomie, der Einzelhandel (bis auf Ausnahmen wie Lebensmittel) und die Hotellerie. Außerdem gerieten auch die in Mitleidenschaft, die als Lieferanten oder Dienstleister für diese Unternehmen arbeiten. Sie alle waren gezwungen, Auswege aus der Krise zu finden, um das Schlimmste abzuwenden und Entlassungen zu vermeiden.

Einige Berliner Unternehmen haben diese Herausforderung auf besonders kreative Weise gelöst. Und viel Einsatz bewiesen. Für Lüdtke + Kuhn war es als kleines Unternehmen zum Beispiel gar nicht so einfach, die Produktion von Bildern auf Masken umzustellen. Ob Stoffe, Gummibänder oder Textilnähmaschinen – all diese notwendigen Dinge waren ja überall fast über Nacht ausverkauft. „Wir hatten viel Glück“, sagt Lüdtke. Eine Nähmaschine hatte man zufällig einige Wochen zuvor angeschafft, ebenso eine Maschine, die für die Produktion kleiner Einzelstücke geeignet ist. Ein befreundeter Seiler konnte Gummis liefern, ein Stoffproduzent aus Ostdeutschland geeignete Stoffe in ausreichender Menge. Außerdem berichtete das BB-Radio, wodurch SocialMask große Bekanntheit erlangte. Die Masken schlugen ein, das Unternehmen war erst einmal gerettet.

"Wir hatten uns das 111. Firmenjubiläum natürlich ganz anders vorgestellt."

Frank Becker, Collonil-Geschäftsführer

Neue Rezepturen für ganze Produktpalette

Viele andere Berliner Firmen haben es genauso gemacht. Anstatt den Kopf in den Sand zu stecken, haben sie flexibel auf die neuen Umstände reagiert. Der Schuhpflegemittel-Hersteller Collonil etwa hat die Produktion in Richtung Desinfektionsmittel für Schuhsohlen umgelenkt. „Wir hatten uns das 111. Firmenjubiläum natürlich ganz anders vorgestellt“, sagt Collonil-Geschäftsführer Frank Becker. Es sollte das Jahr der Schuhpflege werden, mit diversen Aktionen. Doch durch die weltweite Schließung von Schuhgeschäften sank der Absatz der Berliner drastisch. Also kam man der schon im Dezember letzten Jahres getätigten Anfrage eines chinesischen Partners nach Desinfektionsmitteln nach. Schnell entwickelte das Laborteam eine Rezeptur für eine neue „Bleu“-Produktpalette – eine Hygiene-Linie mit Desinfektionsmitteln für Hände, Flächen und Textilien. Schwierig wurde es kurzzeitig, als die dafür benötigten Ethanol-Vorräte versiegten. Aber die Wirtschaftsförderungsgesellschaft Berlin Partner half unbürokratisch, einen anderen Lieferanten zu finden.

Ohne die ein oder andere Hürde lief es fast nirgends. Am Ende aber haben es viele Betriebe geschafft, die härteste Zeit zu überstehen, indem sie von heute auf morgen neue Ideen entwickelten. Jan-Henrik Scheper-Stuke, Geschäftsführer von Auerbach, einem Hersteller von Accessoires für Männer, nahm neben Krawatten und Fliegen nun eben auch Masken ins Sortiment auf. Interessierte Kunden konnten gleich ganze Sets ordern, bestehend zum Beispiel aus Schleife und Maske im gleichen Design.
Schutzschilde gehörten zu den gefragten Produkten. Berliner Betriebe produzierten sie selbst. FOTO: MAICA / GETTY IMAGES
Schutzschilde gehörten zu den gefragten Produkten. Berliner Betriebe produzierten sie selbst. FOTO: MAICA / GETTY IMAGES
Auch die ime Systems GmbH erkannte schnell das Potenzial der Krise. Der Anbieter von Komponenten und Systemen in der Verkehrstechnik erweiterte sein Angebot um berührungslose Desinfektionsspender oder Fußbodenaufkleber für Bahnsteige. Die Online-Druckerei Laserline, vor der Krise der Ansprechpartner für den Druck von Broschüren, Kalendern, Visitenkarten und Aufklebern, nahm Schutzmasken und Schutzschilde ins Programm auf, außerdem Hygiene-Schutzwände oder Fußbodenaufkleber für zum Beispiel Supermärkte.

Schnell reagiert hat auch Formlabs, ein amerikanischer Hersteller von 3D-Druckern mit Deutschland-Zentrale in Berlin. Einerseits kamen, so Europa-Chef Stefan Holländer, mit Beginn des Lockdowns Unternehmen auf Formlabs zu. Sie wollten ihre frei gewordenen Druckkapazitäten bereitstellen. Auf der anderen Seite fragten Krankenhäuser und andere medizinische Einrichtungen wichtige nicht mehr lieferbare Produkte nach. Holländer handelte entschlossen. Er gründete eine Initiative, um beide Parteien zusammenzubringen. Das Resultat: Plötzlich ratterten aus Tausenden 3D-Druckern Stäbchen für Testkits anstelle von Kunststoffteilen für Zahnbrücken. Die Flexibilität, der große Pluspunkt der additiven Fertigung, bewahrte den Betrieb vor der Flaute.

Lieferdienst als Chance zu überleben

Hohe Reaktionsgeschwindigkeit bewies auch Kieran Mac Devitt. Er ist Inhaber der Weddinger Bar Basalt. Am Samstag, den 14. März, hatte er sie noch wie gewohnt aufgesperrt. Zwei Stunden später, als klar war, dass Etablissements wie seines ab jetzt schließen sollen, musste er sie wieder zusperren. Bereits am darauffolgenden Montag rief er sein Team zusammen, weitere zwei Tage später stand der Lieferdienst.

Von diesem Tag an lieferten sie zu dritt allabendlich Cocktails aus, teils bis nach Schöneberg. Zu Fuß, mit dem Rad und mit dem Auto fuhren sie durch die Stadt, immer mindestens drei Cocktails pro Abnehmer im Gepäck, machte 30 Euro. Nur zum Mixen der Drinks gingen sie noch in die Bar. Dort füllten sie die Drinks in Fläschchen ab, gaben Eiswürfel dazu, außerdem Deko wie Thymianzweige oder Orangenscheiben. Beim Empfänger angekommen, wurde die außergewöhnliche Lieferung mit freundlichen Worten und Serviervorschlag überreicht.

Seit Anfang Juni ist die Bar wieder offen, kurz darauf entfiel auch die Sperrstunde. Kieran hat den Cocktail-Lieferdienst daher eingestellt. Er ist froh, dass der normale Betrieb wieder läuft. Aber seine Idee „Basalt on wheels“, die mobilen Cocktails, haben ihm und der Mannschaft zwischenzeitlich „den Arsch gerettet“. Die Miete war dadurch gesichert. Und, so Kieran: „Es hat auch Spaß gemacht.“ THERESIA BALDUS
     
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