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Corona und neue Radwege machten das Radfahren attraktiver. Die Berliner Fahrradbranche profitiert davon

Gelbe Markierungen begrenzen den neuen Pop-up-Radweg auf der Danziger Straße zwischen Prenzlauer Allee und Arnswalder Platz. Wo früher Autos parkten, fahren nun Radfahrer. Die Strecke ist leicht abschüssig, so bekommt man ein gutes Tempo. Und fühlt sich dennoch deutlich sicherer als früher.

13 dieser erst einmal vorübergehenden provisorischen Radwege mit einer Gesamtlänge von 26 Kilometern sind in den vergangenen Monaten in Berlin geschaffen worden, etwa auch am Kottbusser Damm oder in der Kantstraße. Das ist ein Grund, warum die Berliner ihre Liebe zum Fahrrad neu entdeckt oder aufgefrischt haben. „Gib den Menschen Platz und die Sicherheit, nicht überfahren zu werden, dann fahren sie auch Rad“, weiß Dirk Sexauer, Geschäftsführer des Verbunds Service und Fahrrad e.V. (VSF).

"Gib den Menschen Platz und die Sicherheit, nicht überfahren zu werden, dann fahren sie auch Rad."

Dirk Sexauer, Geschäftsführer des Verbunds Service und Fahrrad e.V. (VSF)

Werkstätten blieben in Berlin geöffnet

Ein anderer Grund ist Corona. Die Angst vor der Ansteckung in vollen Bussen und Bahnen sowie die Maskenpflicht brachten viele Menschen dazu, aufs Fahrrad umzusteigen. Das war überall in Deutschland so. In der Hauptstadt kam begünstigend hinzu, dass Fahrradläden auch während des Lockdowns geöffnet bleiben durften. Die Berliner konnten, anders als in den meisten Bundesländern, jederzeit ein neues Rad erstehen oder ihr kaputtes reparieren lassen.

Sie haben regen Gebrauch davon gemacht. Und daher prosperiert eine ohnehin erfolgsverwöhnte Branche mit einem Umsatzzuwachs von 34 Prozent für 2019 und guten Aussichten für das laufende Jahr.

Profiteure sind vor allem die Einzelhändler. „Wir sehen einen enormen Run auf die Fahrradläden“, sagte David Eisenberger vom Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) schon im Frühling. Auch Sexauer vom VSF, der bundesweit 200 Fachhändler vertritt, hat von seinen Berliner Mitgliedern die Rückmeldung erhalten, dass während des Lockdowns „die Nachfrage nach Reparaturen und Rädern groß war“. Zum Teil sei es sogar zu Lieferengpässen vonseiten der Hersteller gekommen. „Anderenfalls wäre der Absatz noch höher gewesen“, sagt er. Positiv auf den Arbeitsmarkt habe sich das allerdings bislang nicht ausgewirkt.
Auf der Oberbaumbrücke bekamen Radfahrer Ende Juli beidseitig einen Fahrstreifen von drei Metern. Hinzu kommt ein Sicherheitsstreifen. FOTO: ANNETTE RIEDL / DPA; GRAFIKEN: DEJANJ/ISTOCK
Auf der Oberbaumbrücke bekamen Radfahrer Ende Juli beidseitig einen Fahrstreifen von drei Metern. Hinzu kommt ein Sicherheitsstreifen.
FOTO: ANNETTE RIEDL / DPA; GRAFIKEN: DEJANJ/ISTOCK
Die Menschen hätten vor allem Modelle im eher niedrigeren Preissegment gekauft. „Sie wollten kein Prestigeobjekt, sondern einen fahrbaren Untersatz.“ Alex Neubert, Inhaber der „ike Piraten in Prenzlauer Berg, bestätigt das. Neubert verkauft in seinem Geschäft Gebrauchträder und günstigere neue. Außerdem reparieren er und sein Team Räder. Neuberts Beobachtungen aus der Zeit während des Lockdowns, als ringsum fast alle anderen Geschäfte zu waren: „Die Schönhauser Allee war größtenteils leer, nur vor unserem Laden bildeten sich Menschentrauben.“ Die Monate März, April und Mai seien „ganz stark“ gewesen. Bis Ende des Jahres rechnet er mit einem Plus von rund zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Selbst Händlern mit vorübergehend weniger oder null Frequenz wegen der erzwungenen Schließung dürfte es ähnlich ergehen. Der ZIV prognostiziert, dass die Branche einen Umsatz über Vorjahresniveau einfahren wird. Bereits im April waren die Umsätze des Handels knapp 30 Prozent höher als im Vorjahr, im Mai waren es gut 50 Prozent. Das lag am Online-Handel. Aber selbst die stationären Läden haben teilweise „in den zehn offenen Tagen im April mehr Umsatz gemacht als sonst im gesamten Monat“, so Eisenberger.

Aber nicht nur im Fahrradhandel läuft es. Auch die „große Mehrheit der Dienstleister“ erwartet laut Wasilis von Rauch, Geschäftsführer des Bundesverbands Zukunft Fahrrad „für 2020 den gleichen oder einen höheren Umsatz als 2019“. Besonders das Dienstrad-Leasing habe zugelegt. Gleiches gilt für die Logistik-Dienstleister. Die Zunahme des Online-Handels während der Krise hat den Paketauslieferern mehr Aufträge beschert.

Logistikbranche setzt vermehrt auf Zweiräder

So etwa der Cycle Logistics CL, ein Berliner Spezialist für urbane Kurier-, Express- und Paket-Transporte mit Cargobikes. Die von Martin Schmidt 2017 gegründete Firma übernimmt die „letze Meile“ bis vor die Haustür. Mit knapp 30 Elektro-Lastenrädern liefert das Team bestellte Produkte aus. Cycle Logistics ist unter anderem für vier Anbieter von Bio- und Obstkisten tätig. Aber selbst sperrige Güter bis 200 Kilogramm Gewicht werden auf den Lastenrädern transportiert. Die Auslieferung an gewerbliche Kunden sei wegen der Pandemie zurückgegangen, sagt Schmidt. „Doch durch die stark gestiegene Nachfrage aus dem Business-to-Consumer-Bereich konnte der Ausfall kompensiert werden.“

Mittel- bis langfristig rechnet der Unternehmer mit weiterem Wachstum. In den nächsten Monaten werde man etwa das Paketgeschäft im Großraum Mitte ausbauen. „Dann brauchen wir auch neue Leute.“ SABINE HÖLPER
     
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