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Unersetzlich

Die Versorgung musste trotz der Krise laufen. Das gelang mit Plänen für Notfälle und gut organisiertem Personal

Die Entsorgung des Abfalls erfolgte weiterhin reibungslos. Wer von zu Hause aus arbeitete, bekam allerdings jetzt mit, wenn die Müllabfuhr kam. FOTO: MICKIS FOTOWELT / GETTY IMAGES

Berlin stand im Frühjahr über Wochen still, so gut wie jedenfalls. Und dennoch mangelte es uns an nichts, was man fürs Leben benötigt. Wir hatten jederzeit Strom und Wasser, unser Abwasser funktionierte und der Müll wurde auch regelmäßig abgeholt. Die Ver- und Entsorgung hat in der Stadt weiterhin so gut funktioniert, als wäre gar nichts. Pandemie- oder gar Katastrophenpläne in den Schubladen haben es möglich gemacht, dass die Unternehmen rasch neue Wege beschreiten konnten, auf die zuverlässige Versorgung der Bürger genauso bedacht wie um die Sicherheit der eigenen Mitarbeiter.

Nur langsame Rückkehr in die Verwaltungsbüros

„Pandemien sind zwar in unseren Katastrophenplänen nicht explizit vorgesehen, aber mit den vorhandenen Strukturen konnten wir dennoch rasch reagieren“, sagt Olaf Weidner, Sprecher von Stromnetz Berlin. Die Verwaltung ist zum Großteil ins Homeoffice geschickt worden, auch im Juli waren erst etwa 20 Prozent der Mitarbeiter wieder in den Büros „Wir fahren noch immer mit angezogener Handbremse“, sagt Weidner. Abstand halten und Maske tragen seien das A und O.
Vor allem die Sicherheit des technischen Personals stand von Anfang an im Fokus des Krisenstabs. Diese Mitarbeiter sind essenziell für die Stromversorgung. Vor allem der zentrale Entstörungsdienst und die Zentrale Leitwarte mussten geschützt werden. Hier wurden die Schichten so eingeteilt, dass kein Team Kontakt zum anderen hatte und immer Ersatz bereitgestanden hätte. Der Außendienst fuhr nur noch alleine zum Einsatz statt wie vor Corona in Zweierteams. Direkten Kontakt zur Kundschaft hatten die Mitarbeiter nicht mehr, Zählerabstände reichten sie online oder per Karte ein. „Wir werden noch bis auf Weiteres auf Abstand arbeiten“, sagt Weidner.

"Wir hatten Pandemiepläne bereits von der Schweinegrippe in der Schublade, konnten also auf Bestehendes setzen."

Sabine Thümler, Sprecherin der Berliner Stadtreinigung

Auch der Netzbetreiber 50 Hertz zählt zu den Unternehmen der kritischen Infrastruktur. Bei dem Energiekonzern gab eine Taskforce tägliche Lageberichte, auch in Absprache mit anderen Unternehmen. Vor allem die Leitwerke mussten geschützt werden. „Dort arbeitet so hoch spezialisiertes Personal, das nicht einfach zu ersetzen gewesen wäre“, sagt Sprecher Volker Gustedt. Die Betroffenen wurden regelmäßig getestet und waren dazu aufgerufen, keinerlei Kontakte außerhalb der Familie zu pflegen. Wenn es schlimmer geworden wäre, hätte der Netzbetreiber auch zum Mittel der Kasernierung greifen können – dann wären die Mitarbeiter nicht mehr aus der Leitstelle herausgekommen. Zudem hat 50 Hertz einige Wochen lang im Wechsel aus dem Hauptkontrollcenter in Neuenhagen und dem Reservecenter am Hauptbahnhof gesteuert.

Energieverbrauch ging in der Stadt zurück
Die Berliner Wasserbetriebe kümmerten sich weiter um die Leitungen für Abwasser und Wasser. FOTO: PAUL ZINKEN / DPA
Die Berliner Wasserbetriebe kümmerten sich weiter um die Leitungen für Abwasser und Wasser. FOTO: PAUL ZINKEN / DPA
Beide Stromanbieter verzeichnen einen Rückgang des Stromverbrauchs. „Wenn keine Großveranstaltungen, keine Kultur und Gastronomie mehr stattfinden wie in den ersten Wochen, ist das klar“, sagt Weidner. 15 Prozent weniger waren es am tiefsten Punkt bei Stromnetz Berlin, nur langsam steigt der Verbrauch wieder an, abhängig von der Wiederaufnahme des öffentlichen Lebens.

Neben Strom zählt auch das Wasser zur sensiblen Infrastruktur. Die Berliner Wasserbetriebe (BWB) sicherten hier die Versorgung. „Wir sind stolz, dass nichts passiert ist“, sagt BWB-Sprecherin Astrid Hackenesch-Rump. Mitte März habe der Krisenstab das Ruder übernommen. „Ein Teil der Techniker wurde nach Hause geschickt mit der einzigen Aufgabe: Bleibt gesund!“, sagt die BWB-Sprecherin. Zudem wurden 2000 Verwaltungsmitarbeiter ins Homeoffice geschickt. „Alle haben große Flexibilität bewiesen, Videokonferenzen gehören jetzt zum normalen Alltag“, sagt die Sprecherin. Die ausrückenden Teams wurden reduziert, um ein Backup zu haben und wenn möglich, die Teams in derselben Zusammensetzung gelassen. Alle Werke wurden für Besucher geschlossen.

An der Wasserverbrauchskurve ist die Pandemie übrigens deutlich zu erkennen. Während die Spitzen vor Corona um 7 Uhr lagen, lagen sie jetzt deutlich später und waren nicht mehr so ausgeprägt. „Im Homeoffice haben die Leute offensichtlich auch mal alle fünfe gerade sein lassen, nicht täglich geduscht und konnten ja auch später aufstehen“, begründet dies Astrid Hackenesch-Rump.

Zu den Entsorgern gehört die Berliner Stadtreinigung (BSR). Auch hier gilt: Der Müll wurde wie gewohnt abgeholt, sogar die Recyclinghöfe hatten geöffnet. Die BSR reagierte früh – bereits Ende Februar hatte sich ein Krisenstab gegründet und die Maßnahmen je nach Lage vorgegeben. So wurde von Beginn an auf eine Entzerrung der Dienstpläne geachtet. Das heißt, nicht alle Mitarbeiter der Straßenreinigung hatten mehr denselben Dienstbeginn, die Kantine bot nur noch Speisen und Getränke zum Mitnehmen an, damit sich nicht morgens alle dort sammeln, Besprechungen wurden auf dem Hof abgehalten und die Müllabfuhr startete jetzt von unterschiedlichen Höfen aus, nicht mehr von einem zentralen.

Etwa 1200 Mitarbeiter aus der Verwaltung arbeiten seit dem Frühjahr mobil. „Wir hatten Pandemiepläne bereits von der Schweinegrippe in der Schublade, konnten also auf Bestehendes setzen“, sagt Sprecherin Sabine Thümler. Dazu gehörte, die Recyclinghöfe offen zu lassen, wenn auch mit reduzierten Öffnungszeiten. Inzwischen sind sie wieder länger offen, auch der Sperrmüll wird wieder abgeholt – erste Schritte aus dem Krisenmodus. SIMONE JACOBIUS

Entwarnung

Die veränderten Arbeitsbedingungen führten nicht zu mehr Abwasser und Abfall. Die BSR verzeichnete nur in den Osterferien einen Anstieg an Müll, was sie sich mit den Feiertagen und Ferien erklärt. Bei Wasser und Abwasser gab es keine gravierenden Abweichungen, da zwischen privatem und geschäftlichem Verbrauch nicht unterschieden wird. Auch kam es nach Aussage der BWB nicht zu mehr Verstopfungen als sonst. Das fehlende Toilettenpapier hat sich also nicht in einer verstärkten Nutzung von Küchenrollen oder Feuchttüchern ausgewirkt, die sonst die Rohre verstopft hätten. sip
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