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Das Wir in dir

Jeder dritte Berliner engagiert sich ehrenamtlich, nicht zuletzt, weil die Stadt Freiwillige besonders fördert. In diesem Jahr gab es dafür den Titel „Europäische Freiwilligen-hauptstadt 2021“

Einfach mal gemeinsam den Park aufräumen: Auch kleine Initiativen können einen Unterschied machen. FOTO: GETTY IMAGES

Noch kommen die Worte etwas stotternd über die Lippen des elfjährigen Felix. Ursula Müller hört ihm trotzdem geduldig zu. Sie ist Lesepatin an einer Neuköllner Grundschule und übt mit Felix und zwei weiteren Mitschülerinnen, einen Text aus dem Deutschunterricht zu lesen.

„Lesen ist eine Schlüsselkompetenz, die Schülerinnen und Schüler für jedes Fach brauchen“, sagt Karola Hagen, Projektleiterin der Berliner Lesepaten. Seit 15 Jahren vermittelt die vom Verein Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) ins Leben gerufene Initiative Ehrenamtliche an Kitas und Schulen mit einer großen Anzahl nichtdeutscher und sozial schwacher Schülerinnen und Schüler. Dort üben die Ehrenamtlichen in kleinen Gruppen mit den Kindern lesen.
Hunderte Freiwillige leisten in den Berliner Impfzentren täglich ihren Beitrag zur Bewältigung der Pandemie. FOTO: SOEREN STACHE / PICTURE ALLIANCE/DPA
Hunderte Freiwillige leisten in den Berliner Impfzentren täglich ihren Beitrag zur Bewältigung der Pandemie. FOTO: SOEREN STACHE / PICTURE ALLIANCE/DPA
Jeder dritte Berliner engagiert sich laut einer Schätzung des Europäischen Freiwilligenzentrums (Centre for European Volunteering, CEV) ehrenamtlich, zum Beispiel in Sportvereinen, Schulen oder in der Arbeit mit Geflüchteten. Aus diesem Grund hat das CEV Berlin 2021 zur Freiwilligenhauptstadt Europas gekürt. Im Rahmen des 2013 ins Leben gerufenen Wettbewerbs wird jedes Jahr eine europäische Kommune ausgezeichnet, die sich auf besondere Art und Weise für Freiwilligenarbeit starkmacht. Hier konnte Berlin etwa mit der Ehrenamtskarte punkten, die bereits mehr als 18.000 Freiwilligen in Berlin und Brandenburg Ermäßigungen in über 250 Kultureinrichtungen und Geschäften ermöglicht.

Berlins Vorgänger war die italienische Stadt Padua, der Titel ging am 5. Dezember 2020, dem Internationalen Tag des Ehrenamts, an die Hauptstadt über. Unter dem Motto „Entdecke das Wir in Dir“ soll die Freiwilligenarbeit in Berlin ein Jahr lang besonders gefördert werden – durch Diskussionsveranstaltungen, Aktionsforen, Kampagnen, Auszeichnungen und mehr. Ziel ist nicht zuletzt, Wertschätzung für die Freiwilligenarbeit zu zeigen und noch mehr Berliner für ein ehrenamtliches Engagement zu begeistern.
Mehr als 2400 Lesepaten sind in Berlins Kitas und Schulen unterwegs. FOTO: FELIX ZAHN / PA / DPA
Mehr als 2400 Lesepaten sind in Berlins Kitas und Schulen unterwegs. FOTO: FELIX ZAHN / PA / DPA
Helfer brauchen gewisse Frustrationstoleranz

Die Motivation der Freiwilligen ist dabei ganz unterschiedlich: Einigen gibt das Engagement eine Tagesstruktur. Andere sammeln Erfahrungen, die ihnen bei der Arbeitssuche helfen. Wieder andere möchten etwas zurückgeben oder neue Menschen kennenlernen.

„Wir bekommen Anfragen von Studierenden, Berufstätigen aber auch Rentnern“, berichtet Susanne Eckhardt von der Landesfreiwilligen Agentur Berlin. Dass sich gerade in Berlin so viele Menschen engagieren, läge vor allem daran, dass es viele unterschiedliche Lebensentwürfe und diverse Möglichkeiten des Engagements gebe.

Wer auf der Suche nach einem passenden Ehrenamt ist, kann sich im Internet auf Portalen wie www.gute-tat.de, dem Ehrenamtportal Bürgeraktiv auf www.berlin.de oder auf der Berliner Freiwilligenbörse umschauen, die zuletzt im April als Online-Event stattfand. Auch die bezirklichen Freiwilligenagenturen unterbreiten Vorschläge, die den Interessen und zeitlichen Vorstellungen der Interessierten entsprechen, und geben Tipps, worauf Freiwillige achten sollten. „Ein Freiwilliger sollte niemals einen hauptamtlichen Mitarbeiter ersetzen“, betont Susanne Eckhardt. „Sprechen Sie die Organisation darauf an, wenn dieser Eindruck bei Ihnen entsteht. Auch die Frage nach der Versicherung sollte geklärt sein.“ Im Idealfall gibt es innerhalb der Organisation eine Person, die für die Einarbeitung und Probleme Freiwilliger zuständig ist.

Neugier, Offenheit und eine gewisse Frustrationstoleranz sollten Freiwillige jedoch mitbringen. Denn manchmal braucht es Zeit, um in die neue Aufgabe hineinzuwachsen. „Wer nicht viel Zeit hat, kann sich auch erst einmal tageweise engagieren, beispielsweise bei Veranstaltungen wie dem Christopher-Street-Day mithelfen oder eine Müll-Sammelaktion im Park organisieren“, empfiehlt Susanne Eckhardt.

Tausende Freiwillige arbeiten in Impfzentren

Auch viele Berliner Unternehmen engagieren sich in der Freiwilligenarbeit. Immer mehr Betriebe bieten während sogenannter „Corporate Volunteer Days“ ihren Mitarbeitern die Möglichkeit, sich in zahlreichen Projekten sozial zu engagieren. Hilfsbereite Mitarbeiter beraten zum Beispiel Geflüchtete, betreuen Senioren oder verschönern die Außenanlagen sozialer Einrichtungen. Ihr Einsatz wird von der Stadt belohnt: Mit dem Berliner Unternehmenspreis 2021 zeichnen der Senat und die IHK Berlin im September Unternehmen aus, die während der Pandemie besonderes Engagement für Berlin und seine Einwohner gezeigt haben.

Stichwort Pandemie: Vor allem in schwierigen Krisenzeiten ist die Gesellschaft auf ehrenamtliche Unterstützung angewiesen. Zum Beispiel beim Impfen: In den sechs Berliner Impfzentren packen tagtäglich Hunderte freiwillige Helfer von Hilfsorganisationen wie dem Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), den Maltesern oder dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) mit an. Allein der Berliner Landesverband des DRK wird von mehr als 2000 ehrenamtlichen Helfern unterstützt, bei ASB und Maltesern engagieren sich jeweils über 1000 Berliner. JUDITH JENNER
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