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Eine Stadt, die immer grüner wird

In Berlin arbeiten Start-ups und Traditionsunternehmen, Initiativen und Verbände an nachhaltigen und klimafreundlichen Wirtschaftslösungen. Über eine wachsende Branche, die zu Recht immer selbstbewusster wird

GRAFIK: GETTY IMAGES

Greenwashing war gestern. Längst haben viele Unternehmen erkannt, dass Nachhaltigkeit kein kurzlebiger Trend ist, den es irgendwie abzubilden gilt. Die Konsumenten sind kritischer geworden. Sie hinterfragen, wo und unter welchen Bedingungen Produkte produziert wurden und wie klimafreundlich, langlebig und eben nachhaltig diese sind. Dabei werden längst nicht mehr nur Lebensmittel unter die Lupe genommen. Auch Kleidung, Lifestyle-Produkte und Co. müssen bei immer mehr Menschen neuen Standards entsprechen. Berlin ist allerdings nicht nur die Stadt der kritischen Konsumenten, hier gibt es auch viele trendbewusste, ökologisch arbeitende Unternehmen, die reagieren und gemeinsam mit grünen Initiativen und Verbänden daran arbeiten, dass die Wirtschaft gerechter, nachhaltiger und auch klimafreundlicher wird.
Nachhaltig erfolgreich: Das Start-up Einhorn stellt vegane Kondome her. Seit Neuestem erweitern Periodenprodukte das knallbunte Sortiment. FOTO: WWW.EINHORN.MY
Nachhaltig erfolgreich: Das Start-up Einhorn stellt vegane Kondome her. Seit Neuestem erweitern Periodenprodukte das knallbunte Sortiment. FOTO: WWW.EINHORN.MY
An vorderster Front dieser „grünen Welle“ stehen zweifelsohne die vielen Startups, die in den vergangenen Jahren in der Hauptstadt gegründet wurden und vormachen, dass sich verantwortungsvolles Unternehmertum und wirtschaftlicher Erfolg nicht widersprechen. Die Ergebnisse des diesjährigen „Green Start-up Monitors“ zeigen, dass sich mittlerweile fast ein Viertel aller Neugründungen als grüne Startups versteht. Tendenz: steigend.

Ein bekannter Pionier auf diesem Gebiet ist die preisgekrönte alternative Suchmaschine Ecosia, die einen Großteil ihrer Einnahmen an Aufforstungsprojekte spendet – und seit ihrer Gründung durch Christian Kroll im Jahr 2009 bereits mehr als 125 Millionen Bäume pflanzen lassen konnte. Die nicht nur in der Hauptstadt überhandnehmende Zahl von Einwegbechern bekämpfen Start-ups wie Kaffeeform (die Firma stellt nachhaltige Becher aus gepresstem Kaffeesatz her) und Recup (ein Mehrweg-Pfandsystem für den To-go-Genuss). Ein echtes Berliner Kindl ist auch Emmy: Das Unternehmen kann im umkämpften Mobilitätsmarkt erfolgreich mit seinen elektrischen Rollern der Kultmarke Schwalbe konkurrieren. In der Szene bekannt sind auch Philip Siefer und Waldemar Zeiler, die beiden Gründer von Einhorn – einem Unternehmen, das vegane Kondome produziert und das Sortiment jüngst um Periodenartikel erweiterte. Nachhaltig im radikalsten Sinne arbeitet Kiezbett, ein Möbelunternehmen, das sein Holz aus lokalen Wäldern bezieht. Von dort wird es traditionell per Pferd abtransportiert, zu schönen Betten verarbeitet und schließlich mit dem Lastenrad zum Kunden geliefert.

Konzerne investieren verstärkt in grüne Ideen

Doch nicht nur Start-ups denken grün. Gleiches gilt mittlerweile für viele Berliner Traditionsbetriebe. Dazu gehört der 1847 gegründete Energiekonzern Gasag. Dort können Kunden seit einigen Jahren schon Ökostrom beziehen, auf Wunsch auch aus der Hauptstadt. Dieser sogenannte Regionalstrom wird in sechs Bio-Erdgas-Umwandlern sowie mittels einer Photovoltaikanlage in Mariendorf produziert. Auf umweltfreundlichen Strom setzen auch Landesbetriebe. Die BVG nimmt eine zentrale Rolle in der Berliner Mobilitätswende ein, deren Ziel es mitunter auch ist, sich vom umweltschädlichen Individualverkehr zu befreien. Im Fokus steht vor allem der Umbau der Busflotte – weg von Diesel hin zu Elektro. Und das klappt gut. Im deutschlandweiten Vergleich gab es mit 137 E-Bussen im März 2021 die meisten ÖPNV-Elektrofahrzeuge. Bis Jahresende soll die Flotte auf 250 Fahrzeuge anwachsen.
Die E-Roller von Emmy sind im Straßeb häufig zu sehen. FOTO: CINEBERG / GETTY IMAGES
Die E-Roller von Emmy sind im Straßeb häufig zu sehen. FOTO: CINEBERG / GETTY IMAGES
Kritische Konsumenten und nachhaltig denkende Unternehmen sind aber nicht die einzigen Faktoren, die dafür sorgen, dass Berlin immer grüner wird. Längst haben sich viele umweltfreundliche Unternehmen zu Initiativen zusammengetan oder Verbände gegründet, die ihre Interessen im politischen Berlin vertreten. Dazu gehört der Bundesverband der grünen Wirtschaft und sein Pendant „Dasselbe in grün“. Die „Ökonauten“ nehmen vor allem die regionale Landwirtschaft in den Blick, „StartGreen“ versteht sich als Informationsportal.

Öffentlich wahrgenommen wird die wachsende Szene vor allem auf Festivals und Messen mit explizit nachhaltigem Charakter, auf denen sich die Branche selbstbewusst präsentiert. Dazu gehören sowohl bekannte Verbrauchermessen wie der Heldenmarkt als auch Fachmessen wie die Next Organic, auf der sich vor allem Food-Start-ups treffen. Richtig groß will das Greentech-Festival werden, das maßgeblich vom ehemaligen Formel-1-Piloten Nico Rosberg getragen wird und im Juni dieses Jahres bereits zum dritten Mal stattfindet. Der Schwerpunkt liegt auf neuen Technologien. Vertreten sind dort auch die großen Autobauer, die – so die Kritik – selbst noch zu zögerlich ebendiese Technologien in ihren Produktionslinien implementieren. Doch allein ihre Präsenz vor Ort beweist, dass das marketingwirksame Greenwashing tatsächlich vorbei ist. Die „grüne Welle“ rollt. Vor allem in Berlin. MAX MÜLLER
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