Anzeige
Themenwelten Berliner Morgenpost
Berlins Top 200 Spezial

Elektrisierende Technologie

Die Berliner nutzen E-Fahrzeuge nicht nur überdurchschnittlich häufig – neue Mobilitätskonzepte werden auch hier vor Ort entwickelt und produziert

Leise und komfortabel: Der „Loadster“ kombiniert die Eigenschaften eines E-Bikes mit denen eines Elektroautos. FOTO: CITKAR GMBH

Ein eigenes Auto. Das schien für Nico Rauch vor einigen Jahren noch unnötig. Für Trips ins Grüne mietete der Familienvater ein Auto eines Car-Sharing-Dienstes. Ansonsten benutzte der Charlottenburger die BVG. Doch mit dem morgendlichen Schulweg in die fünf Kilometer entfernte Grundschule wuchs der Wunsch nach einem eigenen Auto. „Ein Benziner kam für mich aus Umweltgesichtspunkten nicht in Frage“, erklärt er. „Ein Elektroauto hingegen konnte ich mit meinem Gewissen vereinbaren.“

Im Sommer 2020 entschied er sich daher, ein Elektroauto zu leasen. Denn sofern der Strom aus Wind- und Sonnenenergie kommt, ist es deutlich umweltfreundlicher als ein Benziner. Die Mietsonderzahlung tilgte er über den Umweltbonus der Bundesregierung. „Meine monatlichen Ausgaben entsprechen etwa dem, was ich vorher fürs Car-Sharing ausgab“, sagt er.
GRAFIK: ROBIN OLIMB / GETTY IMAGES
GRAFIK: ROBIN OLIMB / GETTY IMAGES
Knapp 25 Prozent aller neu zugelassenen PKW in Berlin werden rein batterieelektrisch oder als Plug-in-Hybrid betrieben. Damit liegt die Hauptstadt leicht über dem Bundesdurchschnitt. Förderprogramme zielen darauf ab, dass sich dieser Anteil in den kommenden Jahren noch erhöht. Sie gelten auch für den öffentlichen Personennahverkehr.

Vorbild für „Loadster“ war ein Kettcar

Mit Unterstützung des Bundesumwelt- und -verkehrsministeriums schaffte die BVG bisher 137 Elektrobusse an. Sie kommen besonders an Orten mit einer hohen Stickstoffdioxidbelastung zum Einsatz. „Unsere EBusse haben zusammengenommen aktuell eine Laufleistung von über fünf Millionen Kilometern und dabei bereits mehr als 7000 Tonnen CO2 eingespart“, heißt es bei der BVG. Bis 2030 wird die gesamte BVG-Busflotte laut dem Berliner Mobilitätsgesetz komplett auf Elektrofahrzeuge umgestellt sein.

Für die letzte Meile nach Hause oder eine kleine Spritztour an der frischen Luft bieten verschiedene Sharing-Dienste in der Berliner Innenstadt außer Autos und Transportern auch Elektroroller und -scooter zur Miete per App an. Auch Fahrräder mit Elektroantrieb stehen zur Verfügung. Einige Anbieter weiten ihr Angebot inzwischen auch auf die Außenbezirke aus.
Bis 2030 soll die gesamte Busflotte der BVG auf Elektrofahrzeuge umgestellt werden. Bislang fahren 137 Busse elektrisch durch Berlin. FOTO: MONIKA SKOLIMOWSKA / DPA
Bis 2030 soll die gesamte Busflotte der BVG auf Elektrofahrzeuge umgestellt werden. Bislang fahren 137 Busse elektrisch durch Berlin. FOTO: MONIKA SKOLIMOWSKA / DPA
Doch Mobilitätslösungen mit Elektro-Antrieb kommen in der deutschen Hauptstadtregion nicht nur praktisch zum Einsatz. Sie werden auch hier entwickelt, produziert und weitergedacht. Das neue Tesla-Werk im brandenburgischen Grünheide ist dafür nur ein Beispiel.

Mit der Idee, Straßenlaternen zu Zapfsäulen für Elektrofahrzeuge zu erweitern, trat das Start-up Ubitricity 2008 an, das inzwischen zum Shell-Konzern gehört. Seitdem hat es eine bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht: In Großbritannien gehört das Unternehmen mit Firmensitz auf dem EUREF-Campus in Schöneberg zu den führenden Anbietern öffentlicher Ladenetze. Auch in Frankreich wächst das Geschäft mit den Ladelaternen. Nur in Deutschland befinden sie sich noch in der Pilotphase. Landesweit gibt es rund 74 Ladepunkte von Ubitricity – und das, obwohl die Ladeinfrastruktur noch nicht ausreichend ausgebaut ist.

Dieses Problem entfällt bei Pedelecs – herkömmliche E-Bikes, deren Motor nur dann unterstützt, wenn der Fahrer in die Pedale tritt –, deren Akkus sich an jeder Steckdose aufladen lassen.

Unis sind an vielen Innovationen beteiligt

Einen vierrädrigen Flitzer für Lieferdienste hat das Unternehmen Citkar mit seinem überdachten „Loadster“ entwickelt. Auf die Idee kam Gründer Jonas Kremer, als er neben der Ausbildung zum Kaufmann für Bürokommunikation in einem Supermarkt jobbte. Er suchte nach einer Möglichkeit, seine Einkäufe trocken nach Hause zu bringen – und das umweltfreundlich und ohne einen Führerschein zu besitzen.

Ein Kettcar diente ihm als Vorbild für den „Loadster“. Das Gefährt bringt die Eigenschaften eines Pedelecs und eines Elektroautos zusammen. Produziert werden die inzwischen marktreifen Lastenräder mit einer Nutzlast von bis zu 200 Kilogramm im Gewerbegebiet am Pyramidenring in Marzahn.

Hersteller und Nutzer solcher Innovationen zusammenzubringen ist eins der Ziele der Berliner Agentur für Elektromobilität (eMo). Getragen von der Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH und maßgeblich von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe gefördert, ist sie Ansprechpartnerin für Wirtschaftsunternehmen, die neue Wege in der Mobilität gehen möchten. Im Mai 2021 feierte die Agentur im Rahmen der Hauptstadtkonferenz Elektromobilität ihr zehnjähriges Bestehen.

An vielen Innovationen sind auch die Berliner Universitäten und Hochschulen beteiligt. Sie bringen nicht nur für die Industrie interessante Entwicklungen hervor, sondern bilden auch den Nachwuchs aus. Seit 2018 bietet die Beuth Hochschule für Technik den Bachelorstudiengang Elektromobilität an. In dem interdisziplinären Studium bekommen die Studierenden Wissen über regenerative Energien und IT-Kompetenz vermittelt – und bauen schon bald ihr eigenes Elektro-Gefährt. Die Mischung aus Theorie und Praxis bereitet sie bestens auf ein Berufsfeld vor, das in den kommenden Jahren an Relevanz gewinnen wird. JUDITH JENNER
Weitere Artikel