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In den Startlöchern

Auch wenn kulturelle Einrichtungen im großen Stil erst im Spätsommer wieder öffnen, laufen die Vorbereitungen bereits auf Hochtouren

Nach fünfjähriger Sanierung wird die Neue Nationalgalerie am Kulturforum im August wieder öffnen. FOTO: JENS KALAENE / DPA

Die Bauzäune an der Kreuzung Potsdamer Straße/Reichpietschufer sind verschwunden. Die vom Büro David Chipperfield Architects Berlin von Grund auf instand gesetzte Neue Nationalgalerie erstrahlt wieder in altem Glanz. „Es handelte sich in erster Linie um eine technische Sanierung“, erläutert Joachim Jäger, Leiter der Neuen Nationalgalerie. „Die letzten Jahre erforderten große Ingenieurtechnik, um diese Glashalle so zu ertüchtigen, dass sie sich auch klimatisch dehnen kann.“ Zuvor waren Scheiben der Glasfassade und Teile des Terrassenbodens gesprungen – Spuren der Abnutzung des 1968 eröffneten Museums.

Neue Wahrzeichen in der Kulturlandschaft

Ab Mitte Juni beginnt die Rückkehr der Kunstwerke in das noch leere Haus. „Derzeit befinden sie sich noch in Außenlagern vor der Stadt“, sagt Jäger. Andere Objekte kehren von großen Reisen zurück. Henry Moores goldglänzend polierte Skulptur „Archer“ (Bogenschütze) war knapp fünf Jahre zu Gast in Münster, wo sie vor dem LWL-Museum für Kunst und Kultur bewundert werden konnte. „Sie ist derzeit zur Restaurierung in der Werkstatt und wird dann kurz vor der Eröffnung im August auf der Terrasse aufgestellt werden“, gibt Jäger einen Ausblick. Ab dem 22. August gibt die Dauerausstellung unter dem Titel „Die Kunst der Gesellschaft“ Einblicke, wie Künstler in Gemälden und durch Skulpturen soziale Reformbewegungen, den Ersten Weltkrieg, die Goldenen Zwanziger und das Regime der Nationalsozialisten reflektieren.

"Im Herbst wird es nicht einfach so weitergehen können wie vor März 2020. Etwa ein Drittel der Clubbesucher war Touristen."

Lutz Leichsenring, Clubcomission

Die Ausstellungseröffnung markiert, neben einer Reihe kultureller Höhepunkte im Sommer, die schrittweise Öffnung der pandemiebedingt geschlossenen Häuser, Hallen und Bühnen. Doch nicht nur bestehende Kulturstätten richten sich wieder auf ihr Publikum ein. Neue Wahrzeichen werden neue Akzente in der Kulturlandschaft der Stadt setzen. Nur wenige hundert Meter von der Neuen Nationalgalerie entfernt etwa sind die Bauarbeiten in vollem Gange. 2026 soll die Eröffnung des Museums des 20. Jahrhunderts erfolgen. Das Haus fokussiert Werke, die nach 1945 entstanden sind. „Neben Objekten werden dort auch Performance, Film und theatralische Formen einen Ort haben“, erklärt Joachim Jäger. „So wirken die zwei Häuser wie die zwei Seiten einer Medaille oder eben wie zwei kommunizierende Röhren, die in Verbindung stehen, aber den Blick in andere Richtungen werfen.“
Vorerst keine Partys im Berghain: Vor Herbst rechnet die Clubszene nicht mit der Öffnung von Indoor-Tanzflächen. FOTO: BRITTA PEDERSEN / PA/DPAZENTRALBILD
Vorerst keine Partys im Berghain: Vor Herbst rechnet die Clubszene nicht mit der Öffnung von Indoor-Tanzflächen. FOTO: BRITTA PEDERSEN / PA/DPAZENTRALBILD
Neben dem Kulturforum verfügt Berlin mit der Museumsinsel über noch einen bedeutenden Standort, der um das Humboldt Forum erweitert wird. Das im Berliner Schloss befindliche Universalmuseum wurde Ende des vergangenen Jahres fertig gestellt. Jedoch musste die Eröffnung aufgrund der Pandemie verschoben werden. Falls die Inzidenz weiter sinkt oder zumindest stabil bleibt, „können wir gemeinsam mit der Humboldt Universität zu Berlin, Kulturprojekte Berlin und Stadtmuseum Berlin die ersten beiden Etagen Mitte Juli als erste Phase endlich für das Publikum eröffnen“, erklärt Hartmut Dorgerloh, Generalintendant des Humboldt Forums. Die schrittweise Eröffnung war von Anfang an geplant, wie Dorgerloh betont. So können im Spätsommer der Westflügel der zweiten und dritten Etage mit dem Ethnologischen und dem Museum für Asiatische Kunst sowie die Dachterrasse öffnen.

Hochkultur erholt sich schneller als Subkultur

Weniger konkret gestalten sich die Perspektiven für die schwer getroffene Berliner Subkultur. Bereits seit dem Pfingstwochenende dürfen Restaurants, Bars sowie die Außenbereiche der Clubs wieder öffnen. Der reguläre Betrieb auf den Indoor-Tanzflächen scheint hingegen noch in weiter Ferne: „Wir gehen nicht davon aus, dass das vor Herbst ein Thema wird“, sagt Lutz Leichsenring, Sprecher der Clubcommission. Trotz der langen Schließzeit ist Leichsenring optimistisch, dass die Vielfalt der Berliner Clubkultur erhalten bleibt. Bisher konnten alle drohenden Insolvenzen abgewendet werden. „Aber im Herbst wird es nicht einfach so weitergehen können wie vor März 2020. Etwa ein Drittel der Clubbesucher war Touristen.“ Die Stadt rechnet aber in der zweiten Jahreshälfte mit deutlich weniger Berlin-Besuchern als in den Vorjahren. Konzerte und DJ-Sets von internationalen Künstlern werden aufgrund von Quarantäne-Vorschriften nur eingeschränkt stattfinden können. Die Clubs werden daher auch in Zukunft auf finanzielle Unterstützung angewiesen sein. Immerhin gibt es eine gute Nachricht: Ende 2020 erkannte der Senat auch Clubs als Kulturstätten an. Wenn jetzt auch die Bundesregierung nachzieht und dem Antrag von mehreren Bundestagsabgeordneten folgt, müssen Clubs nicht mehr als „Vergnügungsstätten“ gelten. Sie wären damit steuerlich mit Konzerthallen und Theaterbühnen gleichgestellt. „Das ist aber kein Selbstläufer“, erläutert Leichsenring. „Man muss Anträge stellen, um als Kulturort zu gelten, und dies mit seinem Programm begründen. Aber es geht in die richtige Richtung.“

Die Richtung simmt auch im Theaterbetrieb. Das Berliner Ensemble bespielt unter freiem Himmel den Innenhof. Darüber hinaus nimmt das Haus wie auch beispielsweise das Deutsche Theater am Pilotprojekt „Testing“ teil, bei dem eine eingeschränkte Zuschauerzahl mit zertifiziertem Negativ-Test zugelassen wird. „Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, alle Künstlerinnen und Künstler freuen sich wahnsinnig, dass wir wieder vor Publikum spielen können“, betont Martin Woelffer, Intendant der Komödie. „Wir werden beweisen, dass es nicht nur Spaß macht, wieder in die Theater zu gehen, sondern, dass die Spielstätten auch wirklich sichere Orte sind.“ RONALD KLEIN

Höhepunkte des Berliner Kultursommers

Neue Nationalgalerie
„Die Kunst der Gesellschaft“, ab 22. August
„Alexander Calder. Minimal / Maximal“, 22. August bis 13. Februar 2022
„Rosa Barba. In a Perpetual Now“, 22. August bis 13. Februar 2022
www.smb.museum

Humboldt Forum
„Einblicke. Die Brüder Humboldt“ (tba)
„Nach der Natur“ (tba)
„Berlin global“ (tba)
www.humboldtforum.org

Staatsoper Unter den Linden
Saisonabschlussfestival, 13. Juni bis 3. Juli, u. a. mit der
Premiere von Puccinis
„La Fancuilla del west“
www.staatsoper-berlin.de

Komödie am Kurfürstendamm im Schiller-Theater
„Ulrich Tukur“, 6. und 7. Juli
„Familie Flöz: Feste“, Uraufführung am 24. August
www.komoedie-berlin.de

Shakespeare Company
Open-Air-Saison auf der Freilichtbühne im Naturpark Schöneberg, bis Anfang September
www.shakespeare-company.de

Fahrbereitschaft Haubrok
„Berlin is not am Ring“ – Open-Air-Musiktheater, 20.–22. August
www.glanzundkrawall.de
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