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„So richtig weg war Berlin eigentlich nie“

Als Geschäftsführer des Wirtschaftsförderers Berlin Partner erlebte Stefan Franzke ein intensives 2020. Wie geht es weiter? Ein Gespräch über Anpassungsfähigkeit, Rekordinvestments, Open-Air-Clubs – und die Zukunft unseres Lebensstils

Seit 2014 ist Stefan Franzke Geschäftsführer des öffentlich-privaten Wirtschaftsförderers Berlin Partner. FOTO: WOLF LUX

Berliner Morgenpost: Herr Franzke, seit ein paar Wochen hat die Außengastronomie wieder geöffnet. Fühlt sich Berlin für Sie langsam wieder wie Berlin an?

Stefan Franzke: Die Aufbruchsstimmung spüren wir doch gerade alle, und sie tut richtig gut. Ich glaube denjenigen, die der Stadt wieder, im besten Sinne, goldene 2020er-Jahre prophezeien. Es zieht uns aus den Häusern, aus den Wohnungen und zueinander. Ich spüre auch bei mir eine richtige Begegnungslust, weil wir uns jetzt so lange – notwendigerweise – zusammengerissen haben. Die Stadt erwacht aus einem langen Winterschlaf, aber so richtig weg war Berlin eigentlich nie.

Als Wirtschaftsförderer besteht Ihre Arbeit überwiegend aus dem Austausch mit Unternehmen, Startups und Verbänden. Wie haben sich Ihre Aufgaben gewandelt, als klar war, dass wir es mit einer weltweiten Pandemie zu tun haben?

Im ersten Lockdown haben wir uns praktisch über Nacht zur Hilfsorganisation für Unternehmen und Unternehmer gewandelt. Unser Tagesgeschäft haben wir komplett beiseitegeschoben. Stattdessen haben wir innerhalb von 24 Stunden ein virtuelles Callcenter aufgebaut und in gut drei Monaten mehr als 16.000 Einzelgespräche geführt. Plötzlich hatten wir es mit einer ganz anderen Klientel zu tun: Statt mit internationalen Mobilitäts- und Energieunternehmen haben wir mit Musiklehrern, Fitnesstrainern, Stadtführern und unzähligen Menschen, die in der Gastronomie und Hotellerie tätig sind, gesprochen. Gemeinsam mit der Investitionsbank Berlin (IBB) und dem Bund haben wir damals versucht, die Zahl der Solo-Selbstständigen zu schätzen, denen Soforthilfe zusteht. Wir dachten, es müssten um die 40.000 Menschen sein. Letztlich haben 230.000 Solo-Selbstständige in Berlin einen Antrag gestellt und 180.000 davon wurden bewilligt. Mit diesen Dimensionen hatten wir nicht gerechnet.

Wie ging es weiter?

Wir haben schnell festgestellt, dass es auch Branchen gibt, die weiter produzieren und arbeiten konnten, zum Teil sogar mit höherem Bedarf. Ich denke, um nur ein Beispiel zu nennen, an das BMW-Motorradwerk in Spandau, das zusätzliche Schichten eingeführt hat. Vielerorts zog ab Pfingsten das Geschäft wieder an. Und die Unternehmen haben weiter investiert: Allein in den Berlin-Partner-Projekten wurden 2020 826 Millionen Euro investiert – das war wieder ein Rekordjahr. Bei den Start-ups war das Niveau mit Blick auf die Höhe des insgesamt investierten Wagniskapitals zwar geringer, lag aber bei mehr als drei Milliarden Euro in Summe – dieses Niveau hatten wir vor drei Jahren noch nicht. Und erst kürzlich hat das Berliner Start-up Trade Republic, das wertvollste Start-up der gesamten Bundesrepublik, von einem amerikanischen Fonds rund 900 Millionen Dollar erhalten. Solche Unternehmensentscheidungen sind 2020 getroffen worden.

Haben Sie das Gefühl, in der Krise wurden auch Schwächen Berlins schonungslos offengelegt?

Absolut. Die Pandemie hat wie eine Lupe vergrößert, was in der Stadt funktioniert oder auch nicht. Unternehmen, die zuvor auf Digitalisierung gesetzt und ihren Mitarbeitern im Homeoffice vertraut haben, stehen besser da. Diejenigen, die dachten, ihre Leute arbeiten nur, wenn sie sie im Büro sehen, oder der Meinung waren, E-Commerce sei nur etwas für Zalando und Amazon, denen wurden und werden die Probleme schonungslos aufgezeigt. Das gilt für die Privatwirtschaft genauso wie für die öffentliche Verwaltung.

Trotzdem klingt es so, als erwarten Sie, dass sich das wirtschaftliche Berlin relativ schnell vom Virus erholen könnte ...

Die IBB und die IHK haben prognostiziert, dass das Bruttoinlandsprodukt von Berlin um mindestens zehn Prozent sinken wird. In ganz Deutschland ist es tatsächlich um mehr als fünf Prozent zurückgegangen, was wirklich hart ist; in Berlin aber eben nur um 3,4 Prozent. Und das hat etwas damit zu tun, dass der Strukturwandel in Berlin erfolgreich im Gange ist. Es ist aber kein universeller Erfolg: Wir kennen zu viele Unternehmerinnen und Unternehmer, die momentan wirklich vor einem Scherbenhaufen stehen. Aber als Innovationsförderer überwiegt die Freude über die Unternehmen, denen es gelungen ist, sich anzupassen und weiterzuentwickeln – dafür steht Berlin. Der Weg aus der Pandemie und auch die wirtschaftliche Erholung wird kein „Zurück auf Los“: Wir wollen besser, fröhlicher, bunter und kreativer sein als zuvor.

Es gibt aber Bereiche, die nach wie vor so gut wie gar nicht stattfinden. Wie wird es etwa für den Kulturbereich weitergehen?

Die Hochkultur hat den Vorteil, dass sie meistens staatlich subventioniert ist, deshalb mache ich mir um diese nicht so große Sorgen – aber um die Subkultur. Es gibt viele ausgefallene Ideen, aber die Stadt muss sicherstellen, dass der Subkultur entsprechende Flächen zur Verfügung gestellt werden. Ich denke da zum Beispiel an ein Szenario, bei dem es in ein paar Wochen Orte gibt, an denen Open-Air-Veranstaltungen stattfinden, wo wirklich draußen gefeiert wird – verantwortungsvoll, nach der Impfung und unter freiem Himmel. Für die Zeit danach braucht es gute Konzepte der Betreiber, die vom Senat gefördert werden müssen.

Die Pandemiezeit hat auch Diskurse angestoßen. In welche Richtung wird sich die Berliner Lebensart entwickeln?

Gute Frage, keine einfache Antwort, denn den einen Berliner Lifestyle gibt es ja gar nicht. Das ist ja gerade das Schöne. Was wir aber spüren, ist ein Konsens unter den meisten jüngeren Menschen in Berlin, und da ist das Thema „Purpose“. Haltung spielt eine immer größere Rolle, auch in der Arbeitswelt. Unternehmen müssen gegenüber Talenten begründen, warum sie existieren. Außerdem wird unser Lebensstil immer internationaler und flexibler. Wir haben gelernt, dass man nicht 365 Tage in Berlin leben muss, um produktiv zu sein.

Zum Schluss ein Ausblick: Worauf freuen Sie sich gerade besonders?

Jetzt freue ich mich erst einmal auf die Feierlichkeiten zum 200-jährigen Jubiläum von Herrmann von Helmholtz und Rudolf Virchow, die endlich stattfinden. Außerdem habe ich mich schon sehr gefreut, als Tegel übergeben worden ist und nun als Berliner Zukunftsort weiterentwickelt wird. Das sind meine persönlichen Höhepunkte des Berliner Kalenders. Aber vor allem anderen freue ich mich für jeden Einzelnen, der nach dieser Zeit wieder Mut fasst und Strategien entwickelt, um die Zukunft aktiv zu gestalten. ANTONIA OSTERSETZER
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