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Berliner Bring-Boom: Nie zuvor wurden so viele Speisen und Lebensmittel online bestellt. Wie geht es weiter?

Konkurrenz für Lieferando: Seit August 2020 liefert Wolt Essensbestellungen aus. FOTO: WOLT

Online bestellt, schnell und nachhaltig geliefert. Seit Beginn der Corona-Pandemie schreiben sowohl die großen Supermarktketten als auch Lieferdienste ihre eigene Erfolgsgeschichte und erfinden sich zum Teil neu. So brachte das Krisenjahr innovative Start-ups wie den Online-Supermarkt Gorillas hervor, auf dessen Seiten per „Click and Collect“ alles für den täglichen Bedarf ausgewählt und bestellt werden kann. Von Fahrradkurieren werden die frischen Lebensmittel dann binnen weniger Minuten geliefert.

Wolt arbeitet mit mehr als 600 Restaurants

In den Bring-Boom reiht sich auch der Online-Lieferdienst Wolt ein. Am Standort Berlin liefert das finnische Unternehmen seit August 2020 per Fahrrad aus und arbeitet mit den beliebtesten Restaurants der Stadt zusammen. Gestartet ist der Food-Lieferservice in Berlin mit rund 100 Restaurants, aktuell zählt das junge Unternehmen in der Hauptstadt 2500 Mitarbeiter und kooperiert mit mehr als 600 Restaurants, die pro Bestellung 25 bis 30 Prozent Provision an den Lieferdienst zahlen. Wolt trat gegen Platzhirsch Lieferando an – mit wachsendem Erfolg. Zu Beginn war der Lieferservice nur in Mitte, Pankow und Prenzlauer Berg verfügbar. Inzwischen wurde das Liefergebiet ausgeweitet und Wolt radelt in Charlottenburg, Wilmersdorf und neuerdings auch bis nach Rixdorf. Aufgrund der hohen Nachfrage ist bis Ende Juni die Expansion in weitere Bezirke geplant.

Bestellt wird per App oder auf der Website. Nach Eingabe der Postleitzahl werden die Angebote im Liefergebiet angezeigt und die Bestellung wird unkompliziert via Online-Bezahlsystem abgewickelt. Innerhalb der nächsten halben Stunde trifft die Essenslieferung meist ein.

Doch die hellblau gekleideten Kuriere fahren nicht nur gastronomische Bestellungen aus: „In Berlin sind derzeit, neben der klassischen Lieferung von Essen, auch Blumen, Wein und Backwaren auf unserer Plattform integriert“, listet Pressesprecher Fabio Adlassnigg auf. Ziel sei es, zu einer „App für alles“ zu werden, wofür das Unternehmen mit dem Einzelhandel kooperiert. „Wir möchten dem Einzelhandel die Möglichkeit bieten, eigene Waren über die Wolt-Plattform auch online verkaufen zu können, ohne einen eigenen Online-Shop besitzen zu müssen“, erklärt Fabio Adlassnigg. Auf die Bilanzen im Corona-Jahr blickt er positiv zurück: „Wir erreichen derzeit Wachstumszahlen, die wir eigentlich erst gegen Ende dieses Jahres erwartet hätten. Seit der Gründung 2014 haben wir die Einnahmen von Jahr zu Jahr verdoppelt, oft sogar verdreifacht.“ Wie geht es weiter? „Wir sind der festen Überzeugung, dass die nächste E-Commerce-Welle den Standard von ‚Same-Week-Delivery‘ und ‚Same-Day-Delivery‘ zur ‚Next-30-Minutes-Delivery‘ verschiebt. Darauf konzentrieren wir uns aktuell in unseren Märkten, angefangen beim Restaurant.“

Bringmeister konnte Umsatz fast verdoppeln

Schnelle Lieferung, Riesensortiment – damit wollen vor allem die großen Supermärkte bei Online-Bestellungen überzeugen. Denn gerade während des Lockdowns nutzten immer mehr Berliner die Lieferdienste von Rewe und Co. Laut einer Studie des Digitalverbands Bitkom, die im Oktober 2020 erhoben wurde, war der Anteil an Online-Bestellungen bei Senioren über 65 Jahren sogar am höchsten: Fast jeder dritte Senior, rund 29 Prozent, nutzte 2020 das Internet für den Lebensmitteleinkauf. Tendenz: steigend.

Von dieser Entwicklung profitierte auch der Edeka-Verbund, wie der Jahresbericht des Supermarktriesen verdeutlicht. So konnte der hauseigene Lieferdienst Bringmeister in den Großräumen Berlin und München seinen Umsatz im Geschäftsjahr 2020 nahezu verdoppeln und Kapazitäten ausweiten. Darüber hinaus entstanden innovative Konzepte für den Lebensmittelhandel in und nach Corona-Zeiten. Technologische Lösungen, die für den stationären wie digitalen Handel das Kauferlebnis effizienter gestalten. So wurde etwa die sogenannte Blipstream-Technologie, ursprünglich entwickelt, um Warteschlangen im Kassenbereich zu vermeiden, zu einem digitalen Kundenzähler für den Eingangsbereich der Märkte. Unsichere Zeiten erfordern innovative Lösungen. Dieser Leitsatz hat die großen Supermarktketten und jungen Lieferdienste in Berlin erfolgreich durch das vergangene Jahr getragen. NINA SABO

Erfolgreich gegründet trotz Krise

Die Pandemie konnte den Entrepreneuren nichts anhaben. 2020 sind in Berlin mehr Start-ups entstanden als 2019
Ausgerechnet im Pandemie-Jahr 2020 schlug eine Gründung hohe Wellen: Der Berliner Lieferdienst Gorillas erhielt innerhalb eines Jahres knapp 300 Millionen Euro Kapital von internationalen Investoren. Vor allem aber erreichte das junge Unternehmen schneller als jedes Start-up zuvor den Status als sogenanntes „Einhorn“ (Unicorn). So werden Firmen bezeichnet, die mit mindestens einer Milliarde Euro bewertet werden.

Der Supermarkt auf Rädern, der mit dem Versprechen, Lebensmittel innerhalb von höchstens zehn Minuten auszuliefern, durchstartete, war die spektakulärste Gründung im vorigen Jahr. Doch es gab etliche weitere Entrepreneure, die sich getraut haben, ihre Ideen umzusetzen. Das Resultat Ende des vergangenen Jahres: 652 Neugründungen in Berlin – fast zehn Prozent mehr als im Vorjahr.

Kapitalgeber haben beständig investiert

Berlin ist seit Jahren die bundesweite Gründer-Hochburg. Seit das Corona-Virus die Wirtschaft lähmt, hat sich vieles geändert. Der aktuelle „Berlin Start-up Monitor 2020“, herausgegeben vom Bundesverband Deutsche Start-ups e. V., zeigt deutlich, wie groß die Nöte der Start-ups im vergangenen Jahr waren: Mehr als drei Viertel der Befragten gaben an, dass sie sich in ihrer Existenz bedroht sehen. „Der Schock war groß“, sagt Verbands-Geschäftsführer Christoph Stresing. „Fast alle waren verunsichert, die Gründerinnen und Gründer hatten insbesondere die Sorge, dass nicht mehr genügend Kapital fließt.“ Denn bei Start-ups reicht eine Finanzierungsrunde üblicherweise für rund 18 Monate. Kommt dann keine Anschlussfinanzierung, droht die Insolvenz. Unmittelbar nach dem Ausbruch der Pandemie in Deutschland schlug diese Stimmung auch auf diejenigen über, die eine Firma aufbauen wollten. Das Gründungsverhalten war zurückhaltend. In der gesamten Republik, ebenso in Berlin, wurden im zweiten Quartal 2020 weniger neue Firmen als im Vorjahr angemeldet.

Die Gorillas-Gründer haben sich von der schwierigen Situation nicht abhalten lassen. Einige andere auch nicht. Das waren vor allem jene Start-ups, die Produkte oder Leistungen anbieten, die in der Pandemie mehr denn je gebraucht werden. Andere haben ihr Geschäftsmodell angepasst – und konnten sich damit noch einmal neu behaupten. Dazu zählt etwa Artnight, der Anbieter von Malkursen. Die Gründer haben sich nun auf Online-Kurse spezialisiert.

„Im Laufe des Jahres hat sich das Klima verbessert“, sagt Stresing. Ein Grund war, dass die Kapitalgeber relativ beständig investierten. Das Venture Capital-Volumen ging laut dem Startup-Barometer der Unternehmensberatung Ernst & Young um nur 15 Prozent zurück, in Berlin um 20 Prozent. Dazu beigetragen haben auch die Unterstützungsleistungen des Bundes. Ebenso hat das Land Berlin, etwa über die Investitionsbank Berlin (IBB), die Anschubfinanzierungen massiv aufgestockt. THERESIA BALDUS

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