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Extra: Jüdische Kulturtage

Andrej Hermlin: „Sowjetischer Swing klingt ein wenig zickig“

Andrej Hermlin & his Swing Dance Orchestra und The Klezmatics schlagen eine historisch-musikalische Brücke von Russland in die Vereinigten Staaten

Die US-amerikanischen Klezmatics sind eine der weltweit führenden Klezmer-Bands. FOTO: ADRIAN BUCKMASTER

Martina Helmig 

„Wenn es die schwarzen und die jüdischen Jazzmusiker und -komponisten nicht gegeben hätte, würde es gar keinen Jazz geben“, erklärt Andrej Hermlin, und zum Beweis zählt er eine lange Liste auf: Benny Goodman, Artie Shaw, Paul Whiteman, Woody Herman, Harry James, George Gershwin, Irving Berlin…

Ein Programm zum Thema „Jews in Jazz“ hat der Swingmusiker schon lange im Repertoire, und darauf basiert auch sein Beitrag zu den diesjährigen Jüdischen Kulturtagen. Für das Festival sind Andrej Hermlin und sein Swing Dance Orchestra treue Wegbegleiter. Der Bandleader und Pianist findet, dass wir in bedrohlichen Zeiten leben: „Ich glaube, dass ein Großteil der Deutschen in verschiedenen graduellen Abstufungen antisemitisch denkt und fühlt und sich oft auch so äußert.“ Hermlin nutzt seine Möglichkeiten als Musiker, dagegen vorzugehen. Natürlich weiß er, dass er einen Antisemiten nicht von seinen Ideen abbringt, wenn er Musik von Benny Goodman spielt. „Aber ich setze meinen Fuß in die Tür, sodass sie nicht ganz zuschlagen kann.“
David, Rachel und Andrej Hermlin gastieren mit einem exklusiven Programm (v.l.). FOTO: UWE HAUTH
David, Rachel und Andrej Hermlin gastieren mit einem exklusiven Programm (v.l.). FOTO: UWE HAUTH
„Jewish Swing From Moscow To New York“ hat Andrej Hermlin sein Kulturtage-Programm genannt. Der Sohn des jüdischen Schriftstellers Stephan Hermlin hat eine russische Mutter und sprach bis zu seinem vierten Lebensjahr nur Russisch. Als Teenager kaufte er in Moskau Platten von Alexander „Bob“ Zfasman, einem Pionier des russischen Swing. In der Sowjetunion wurden amerikanische Titel adaptiert, jiddische Songs und russische Folklore verswingt. Natürlich gab es auch eigene Kompositionen.

„Der sowjetische Swing klingt ein wenig zickig. Das swingende Element, die triolischen Achtel, spürt man nicht so stark wie in der amerikanischen Musik“, erklärt Hermlin. „Viele wissen gar nicht, dass es sowjetischen Swing überhaupt gab.“ Ein Titel, den er in der Synagoge Rykestraße spielen will, heißt „Bomberpiloten“ und stammt aus dem Jahr 1944. „Er wird auf Russisch und Englisch gesungen, denn er zelebriert die Waffenbrüderschaft zwischen russischen und amerikanischen Piloten“, erklärt der Musiker.

Ein bis zwei deutsche Titel stehen auch auf dem Programm. Der größte Teil ist aber dem amerikanischen Swing der 30er- und 40er-Jahre gewidmet, für den Andrej Hermlin seit mehr als 30 Jahren bekannt ist. „Mit drei Jahren habe ich mich in Benny Goodman verliebt, und das hat mich nie wieder losgelassen“, sagt er. Für seine musikalische Liebhaberei wurde er in seiner Jugendzeit nur belächelt.

Während des Klavierstudiums an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ gründete er seine erste Band. Nur wenige Neugierige kamen zum Debüt im Club der Bauarbeiterjugend. Hermlin muss schmunzeln, wenn er an den Abend und die 17 Mark Honorar denkt. Es gab in der DDR damals die Dixieland- und die Free-Jazz-Fraktion. Swingmusiker waren nicht vorgesehen. Doch Hermlin war sich immer sicher, dass er auf die Welt kam, um Swing zu spielen. Nach der Wende startete sein Orchester international durch. Zwischen Hongkong, Brüssel, Zürich und London ist es gefragt. Inzwischen stehen Hermlins Kinder David und Rachel als Solisten vor dem Orchester.

New York ist für Andrej Hermlin ein ganz besonderer Ort. Mehrfach war er mit dem Swing Dance Orchestra schon dort. Im legendären „Rainbow Room“ des Rockefeller Centers und im nicht minder berühmten Hotel Pennsylvania haben die Musiker Erfolge gefeiert. In der alten und neuen Metropole des Swing haben sie auch noch einen alten Musiker aus Benny Goodmans Orchester kennengelernt.

Andrej Hermlins Sehnsuchtsort ist für eine andere Band ihre Heimatstadt: Die Klezmatics sind seit mehr als drei Jahrzehnten in New York zu Hause. Einige Gründer der Klezmerband haben als Jazzmusiker angefangen, und noch immer gehört Jazz zu den Stilelementen der vielseitigen Musiker. Doch sie lassen in die alten jüdischen Songs auch Latin Jazz, arabische Motive, Afro- und Balkanrhythmen und sogar Punk einfließen, um etwas Neues für die heutige Zeit daraus zu machen. Die Klezmatics gehören weltweit zu den erfolgreichsten Interpreten jüdischer Popmusik. Ebenso wie Hermlins Band wurden sie im Jahr 1986 gegründet. Bald danach haben sie ein internationales Klezmer-Revival ausgelöst.

Mit ihren Texten treten sie für Gerechtigkeit, sozialen Wandel, für Außenseiter und Unterdrückte ein. Sie sind die einzige Klezmerband, die jemals einen Grammy gewonnen hat. So wie Hermlins Orchester oft in New York war, haben die Klezmatics seit den 80er-Jahren immer wieder in Berlin gespielt. Nun geben sie ihr Debüt bei den Jüdischen Kulturtagen. Wie Hermlins Swing gehen auch die rhythmusbetonten Titel der Klezmatics sofort in die Beine.
 

Termine

Synagoge Rykestraße
Rykestraße 53
Prenzlauer Berg
Karten unter Tel.: 01806/999 00 06 06 (0,20 €/Verbindung aus dt. Festnetz, max. 0,60 €/Verbindung aus dt. Mobilfunknetz) oder unter www.ticketmaster.de

The Klezmatics
Mi., 13.11., 19 Uhr

Andrej Hermlin & His Dance Swing Orchestra
Sbd., 16.11., 20 Uhr
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