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Themenwelten Berliner Morgenpost
Extra: Jüdische Kulturtage

„Avital meets Avital“: Mandoline trifft Kontrabass

Avi und Omer Avital spielen gemeinsam in der Synagoge Rykestraße

Omer Avital (l.) und Avi Avital kennen sich seit ihrer gemeinsamen Studienzeit. FOTO: CHRISTIE GOODWIN

Martina Helmig 

Blutsverwandt sind sie nicht, seelenverwandt aber auf jeden Fall. Avi Avital ist als Pionier der virtuosen Mandoline im klassischen Konzertsaal weltweit bekannt. Grammy-Gewinner Omer Avital ist als Bassist und Oud-Spieler eine Größe in der internationalen Jazzszene. Beide stammen aus Israel und kennen sich seit dem Studium. „Avital meets Avital“ heißt ihr Konzertformat, mit dem sie seit sieben Jahren gemeinsam unterwegs sind.

„Avital ist einfach ein verbreiteter marokkanisch-jüdischer Name“, sagt Avi Avital, um sich gleich danach doch zu korrigieren. „Genau genommen hießen wir in Marokko Abutbul, aber in Israel legte man uns nahe, den Namen in Avital zu ändern.“ Omer und Avi Avitals Familien sind wie viele andere nordafrikanische Juden in den 60er-Jahren nach Israel emigriert. „Meine Eltern sprachen nur noch hebräisch mit uns“, erklärt der Wahl-Berliner Avi Avital. Die Familie kochte aber weiterhin marokkanisches Essen und ging in die marokkanische Synagoge. Dort und auch bei Hochzeiten wurde viel gesungen.

Im örtlichen Mandolinenorchester vertiefte sich Avi Avital in die klassische Musik. An der Musikakademie in Jerusalem lernte er Omer Avital kennen. In den Pausen gingen sie gemeinsam in die Cafeteria und diskutierten über Musik. Sie lernten viel voneinander und besuchten gegenseitig ihre Konzerte. Avi Avital erinnert sich: „Nach dem Studium ging er in die Lower Eastside von New York und ich nach Italien. Aber unsere Freundschaft und Bewunderung füreinander blieben.“

Omer gründete seine eigene Band und nahm mit 26 Jahren seine erste CD auf. Als Bassist ging er auf Konzertreisen mit Jazz-Größen wie Wynton Marsalis, Kenny Garrett und Brian Blade. Für drei Jahre zog er dann zurück nach Israel, um Komposition, arabische Musiktheorie und die arabische Laute Oud zu studieren.

2005 ging er wieder nach New York. Avi Avital hat sich zum erfolgreichsten klassischen Mandolinenspieler unserer Zeit entwickelt, der inzwischen in Mailand, Los Angeles und Tokio konzertiert. Bei zeitgenössischen Komponisten gibt er neue Stücke für sein Instrument in Auftrag. Er ist der einzige Mandolinenspieler, der je für einen Grammy nominiert wurde.

2012 erhielt er eine Einladung vom Musikfest Bremen. „Sie baten mich, etwas zu tun, das ich nie zuvor getan hatte. Zehn Sekunden später rief ich Omer an“, erzählt Avi Avital. Für die Jugendfreunde war die Zeit endlich reif für ein gemeinsames Projekt. „Wir dachten, wir spielen etwas Klassik, etwas Jazz und sehen dann, was passiert.“ Zwei Wochen lang zogen sie sich in den Übungsraum zurück und sammelten musikalisches Material. Da hieß es: improvisieren, aufnehmen, reden, zuhören. Die beiden ließen die Musik ohne Regeln fließen – es war ein sehr kreativer und fröhlicher Prozess. „Wir stellten dann fest, dass wir viel mehr gemeinsam hatten, als wir dachten“, sagt Avi Avital.

Beide erfanden Stücke, in denen man immer irgendwo marokkanische Rhythmen, Skalen oder Melodien hört. Sie hatten außerdem viel mit Jazz zu tun und mit den israelischen Singer-Songwritern, mit denen beide in den 70er-Jahren aufgewachsen sind. „Ich war selbstverständlich Israeli, fühlte aber erstmals, dass ich auch auf meinen marokkanischen Hintergrund stolz sein konnte“, erklärt Avi Avital. „Wir fragten uns gegenseitig: Was hat dein Großvater gesungen? Wie singt man dieses Lied in deiner Synagoge?“

Erst am Ende ihres ersten gemeinsamen Konzerts wurde ihnen klar, was sie getan hatten: dass sie ihre komplexe Identität als Israelis, Marokkaner, sephardische Juden und Immigranten aufgearbeitet hatten. „Wir hielten das Projekt am Leben, nahmen ein Album auf und tourten“, so Avi Avital. Nach Konzerten in Luxemburg, Taiwan und Lettland gastieren die beiden Musiker nun mit ihrer Band bei den Jüdischen Kulturtagen.

Termin

Synagoge Rykestraße
Rykestraße 53
Prenzlauer Berg
Karten unter
Tel.: 01806/999 00 06 06 (0,20 €/Verbindung aus dt. Festnetz, max. 0,60 €/Verbindung aus dt. Mobilfunknetz) oder unter www.ticketmaster.de

Avi und Omer Avital
So., 10.11., 19 Uhr

„Ihr schelmenhaftes Wesen hat sie nie verloren“

Sabra Lopes-Einstein lädt zu einer Mascha-Kaléko-Hommage ins Ballhaus Berlin ein
Sabra Lopes-Einstein mit ihrer Mascha-Kaléko-Puppe. FOTO: CHRISTOPH KRAUSS
Sabra Lopes-Einstein mit ihrer Mascha-Kaléko-Puppe. FOTO: CHRISTOPH KRAUSS
Martina Helmig 

Ihre Familie wurde von den Nazis ermordet, sie selbst floh ins Exil, wo später ihr Sohn und ihr Ehemann starben. Mascha Kaléko hat viel Elend erlebt. Mit Gedichten hat sie gegen ihren Kummer angeschrieben. „Es war eine lebenslange Wanderung auf einem sehr schmalen Grat“, sagt die Schauspielerin und Sängerin Sabra Lopes-Einstein. „Trotzdem ist in jeder ihrer Zeilen eine große Herzenstiefe spürbar und ein hinreißender, augenzwinkernder Humor, der aber auch schnell abgründig werden kann.“

Die Künstlerin bewundert zutiefst, dass Mascha Kaléko mit jedem Schicksalsschlag kreativ umgegangen ist. Nach dem Tod ihres Sohnes hat Kaléko etwa angefangen, Kindergedichte zu schreiben. „Mein eigener jüdischer Vater ist im Gegensatz zu ihr sehr verbittert gewesen. Ein ewiger Mahner, der nie entspannen konnte. Noch 1980 endete jeder Abend in der Diskussion über die Verbrechen der Nazizeit“, erinnert sich Sabra Lopes-Einstein. „Das hat mich als Kind sehr betroffen, und ich war dann fasziniert, auf eine Lyrikerin zu treffen, die anders damit umgehen konnte, die es geschafft hat, sich über den Humor von den Gräueln zu distanzieren.“

Ihr Mascha-Kaléko-Abend, den sie schon in der Vaganten Bühne gezeigt hat, heißt „Mascha. Ein Tête-à-Tête in Himmelgrau“. Lopes-Einstein ist für ihr poetisch-skurriles Musikkabarett bekannt. „Ich mache Crossover-Programme mit Liedern, Arien, Gedichten, Geschichten, manchmal auch Kochrezepten oder Statistiken“, erklärt sie. Diesmal gestaltet sie ihre Hommage mit der Pianistin Alina Pronina, dem Perkussionisten Ansgar Spratte und einer Mascha-Kaléko-Puppe als Alter Ego.

Sabra Lopes-Einstein hat ein Programm aus Gedichten, Briefen und Tagebucheintragungen zusammengestellt. Der Abend im Ballhaus Berlin orientiert sich an Kalékos Biografie. Im Berlin der 20er-Jahre schwang sie sich vom Bürofräulein zum Stern am Literaturhimmel auf. Mit ihren spitzzüngigen und feinfühligen Gedichten wurde sie zum Sprachrohr der kleinen Leute in der Großstadt. Im New Yorker Exil richtete sie sich notdürftig als Werbetexterin ein, schließlich lebte sie einsam in Jerusalem. „In ihren späteren Jahren hat sie einige Gedichte von philosophischer Dichte wie ‚Die Zeit steht still‘ verfasst, wovon sogar Albert Einstein beeindruckt war“, meint Sabra Lopes-Einstein. „Trotzdem hat sie bis ins Alter auch Quatschgedichte geschrieben. Ihr schelmenhaftes Wesen hat sie nie verloren.“

Termin

Ballhaus Berlin
Chausseestraße 102, Mitte
Karten unter Tel.: 030/282 75 75 oder unter www.eventbrite.de

Mascha. Ein Tête-à-Tête in Himmelgrau
Mi., 13.11., 20 Uhr
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