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Themenwelten Berliner Morgenpost
Pandas in Berlin

Drache oder Bär?

Pandas sind Chinas Botschafter. Manch einer sieht sie schon als neues Symboltier

Botschafter Shi Mingde übergibt Meng Meng und Jiao Qing an den Regierenden Bürgermeister Michael Müller. Ganz rechts lächelt Zoochef Knieriem ZOO BERLIN

Ruhesitz am Zoo
Am 16. April 1972 landeten die beiden Pandabären Lingling und Xingxing wohlbehalten am Flughafen in Washington D.C. 8000 Menschen strömten herbei, um der Ankunft der aus China angereisten Vierbeiner beizuwohnen und sogar die damalige First Lady, Pat Nixon, hieß die tierischen Staatsgäste willkommen. Das Sicherheitsaufgebot erweckte dabei den Anschein, als wäre Mao Zedong höchstpersönlich in der US-amerikanischen Hauptstadt eingetroffen, berichtete die New York Times.

Tatsächlich hatte die Überführung zweier Pandabären aus der Volksrepublik China in die USA eine fast ähnliche politische Symbolkraft. Zwei Monate zuvor war Richard Nixon als erster Präsident der Vereinigten Staaten in das kommunistische Land gereist und leitete damit eine neue Ära amerikanisch-chinesischer Beziehungen ein. Mit der Ankunft des Pandapärchens in Washington war die neuaufkeimende transpazifische Annäherung endgültig besiegelt.

Die Entwicklung der „Panda-Diplomatie“

Es war nicht das erste Mal, dass China ein Exemplar des „knuffigen“ Vierbeiners einem anderen Land zum Geschenk machte, um damit außenpolitische Beziehungen zu stärken. Bereits im Jahre 685 n. Chr. sandte die Kaiserin Wu Zetian zwei Exemplare des Bambusfressers als Zeichen der Freundschaft nach Japan. Im 20. Jahrhundert wurde diese, später als „Panda-Diplomatie“ bezeichnete Art der Förderung bilateraler Partnerschaft fortgesetzt. So bedankte sich 1941 Song Meiling, die Gattin des späteren taiwanesischen Präsidenten Chiang Kaishek, bei Präsident Roosevelt für die amerikanische Unterstützung im sino-japanischen Krieg, indem sie ihm zwei Pandabären in die USA schickte. Nach Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949 durften sich zunächst vor allem Nordkorea und die UdSSR über die tierischen Geschenke freuen, bis sich China ab den 1970er-Jahren dazu entschied, die Tiere auch vermehrt in die westliche Welt zu entsenden. Mit Tiantian und Baobao erhielt 1980 auch die Bundesrepublik ihre ersten Pandabären.
Eberhard Diepgen mit Panda-Bärin Yan Yan 1995
Eberhard Diepgen mit Panda-Bärin Yan Yan 1995
Doch so erfreulich die Beherbergung eines Pandas für einen Zoo auch sein mag, sie bringt zugleich eine erhebliche finanzielle Belastung mit sich. Seit 1984 sind die ins Ausland überführten Tiere nur noch Leihgaben, für die der chinesische Staat einiges in Rechnung stellt: bis zu einer Millionen Dollar muss ein Zoo pro Bär jährlich aufbringen. Sollten in der Zeit Nachkommen gezeugt werden, bleiben diese automatisch ebenfalls Eigentum des chinesischen Staates.

Der natürliche Lebensraum des Pandas ist nur in China

China beansprucht damit eine Monopolstellung auf den Besitz von Pandabären, denn der natürliche Lebensraum des großen Pandas liegt einzig auf chinesischem Staatsgebiet. Das Tier ist vor allem in den gebirgigen Bambuswäldern der Provinz Sichuan beheimatet. Man hat jedoch kaum die Gelegenheit, dort einen Panda in freier Wildbahn anzutreffen, jüngste Zählungen des IUCN ergaben, dass es momentan weniger als 2000 freilebende Exemplare gibt. Im Vergleich zu den 1980er-Jahren, als der Bestand auf weniger als 1000 Tiere geschrumpft war, ist die Tendenz jedoch steigend, so dass der Verband vor drei Jahren entschied, den Status des Tieres von „stark gefährdet“ auf „gefährdet“ herabzustufen.

Dass sich der Panda-Bestand in den letzten Jahren erholt hat, ist auch dem chinesischen Staat zu verdanken, der den schwarzweißen Bambusliebhaber nach dem Ende der Kulturrevolution zum „Nationalschatz“ erklärte und sich dessen Schutz zur Aufgabe machte.

„Der Drache ist das Symbol des chinesischen Volkes“

Xu Jinsheng, Professor

Mittlerweile avanciert der große Panda immer mehr dazu, als Symbol das Land der Mitte zu repräsentieren – eine Rolle, die traditionell dem Drachen vorbehalten war, der gerne als Ahnherr der Chinesen angeführt wird.

„Der Drache ist das Symbol des chinesischen Volkes“, sagt Xu Jinsheng, Professor für chinesische Geschichte an der Shanghaier Fudan Universität. Er verweist dabei auf eine mehrere Jahrtausende zurückreichende Tradition: „China beruft sich in seiner Abstammung auf die mythologischen Urkaiser. Einer davon war Fu Xishi, der Drache war sein Totemtier.“ Von anderen Kaisern, wie dem berüchtigten Herrscher Liu Bang, berichten Legenden, ein Drache hätte ihn gezeugt, und nach einigen Schalen Reiswein, hätte der Kaiser gelegentlich selbst die Gestalt des Fabelwesens angenommen.

Pandajunge Tai Shan mit Mama Mei Xiang im Zoo von Washington, 2006 PA/WOLFGANG KUMM (2)
Pandajunge Tai Shan mit Mama Mei Xiang im Zoo von Washington, 2006 PA/WOLFGANG KUMM (2)
Doch auch vom Pandabären ist schon in frühen Aufzeichnungen die Rede. Im „Buch der Urkunden“, einem der fünf konfuzianischen Klassiker, wird von unbesiegbaren Pandas berichtet. Sie waren so stark wie Tiger und ihr schwarzweißes Fell galt als besondere Gabe an die Herrscher der archaischen Zhou-Dynastie (ca. 1050-256 v. Chr.).

In jüngster Zeit überlegt man in China, ob man den Drachen als nationales Symbol nicht zu Gunsten des Pandabären aufgeben sollte. Die Frage wurde erstmals 2008 im Shanghaier Fernsehen aufgeworfen und entfachte eine hitzige Debatte. Widerspruch löste vor allem der Umstand aus, dass dem Panda in der Kulturgeschichte Chinas längst nicht der Stellenwert des Drachens zukäme, welcher Jahrtausende lang Sinnbild der kaiserlichen Macht war.

Panda oder Drache – eine Image-Frage

Befürworter hingegen wiesen darauf hin, dass sich der Großteil der jungen Chinesen viel eher mit dem friedfertigen Bambusliebhaber identifizieren würde, als mit dem Stärke und Herrschaft repräsentierenden Drachen. Zudem sei der freundliche Panda sehr viel besser geeignet, Chinas Image im Ausland aufzupolieren, denn viele Staaten würden das Land noch als bedrohlich empfinden.

In jüngster Zeit hat sich die Volksrepublik jedoch zunehmend bemüht, etwa durch Entwicklungs- und Infrastrukturprojekte in Afrika oder im Mittleren Osten, seinen internationalen Einfluss durch Softpower auszuweiten. Die Zukunft wird zeigen, ob Chinas Außenpolitik eher unter dem Stern eines friedfertigen Pandas steht, oder sich nicht doch ein Drache hinter dem friedliebenden Tier verbirgt.

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