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Extra: Jüdische Kulturtage

Literarische Highlights der Jüdischen Kulturtage: Mit Büchern Brücken bauen

Die Jüdischen Kulturtage warten mit einem vielfältigen literarischen Programm auf

Nadine Schori inszeniert „Lerne lachen, ohne zu weinen“. FOTO: URBAN RUTHS BERLIN

Martin A. Völker 

Eine „Sammlung witziger Einfälle von Juden“ hat der Schriftsteller und Rabbiner Lippman Moses Büschenthal 1812 veröffentlicht. Und in der Vorrede gleich die Frage beantwortet, was denn den jüdischen Witz eigentlich ausmache. Das Judentum, das Not und Unterdrückung zur Genüge kennt, reagiert humorvoll. Angesichts Verfolgung und Repression ist das Lachen eine Schutzwehr – und der Witz eine paradoxe Intervention: Der Verzweiflung kann er noch ästhetischen Mehrwert abringen.

„Lerne lachen, ohne zu weinen“ heißt es folgerichtig im Renaissance-Theater. Das ist seit vier Jahren der Titel eines humoristisch-musikalischen Abends, der mit Simone Thomalla, Pierre Besson, Christoph M. Ohrt, Nadine Schori und Gerhard Kämpfe am 11. und 12. November stattfindet. Auf dem Programm stehen Texte von Ephraim Kishon, Kurt Tucholsky, Mascha Kaléko und Woody Allen. Texte, die eine Talmud’sche Losung illustrieren: Gott lacht nicht über seine Geschöpfe, sondern mit ihnen. Lachen, während einem zum Weinen zumute ist, sei ein wichtiger Schritt heraus aus einer Krise, wie Nadine Schori erklärt. Gott helfe, indem er den Menschen Humor gab. Und Gerhard Kämpfe, Intendant der Jüdische Kulturtage, betont, dass das Lachen Gemeinsamkeit herstelle, wie generell Kunst eine Brückenfunktion habe. Kunst könne zu gegenseitigem Verständnis und zu Toleranz führen. Einander trotz aller Unterschiede anzuerkennen, ist also ein Gebot der Stunde. Antisemitische Vorfälle und Straftaten, so Kämpfe, hätten in letzter Zeit zugenommen. Da erscheine die große Resonanz der Jüdischen Kulturtage gerade beim nicht-jüdischen Publikum umso erfreulicher.
Reinhard Kuhnert erinnert mit „Der rote Jud aus Preußen“ an Kurt Eisner. FOTO: PRIVAT
Reinhard Kuhnert erinnert mit „Der rote Jud aus Preußen“ an Kurt Eisner. FOTO: PRIVAT
Ein weiteres Highlight der Jüdischen Kulturtage führt zur Vaganten Bühne: Am 11. November behandelt die szenische Lesung „Der rote Jud aus Preußen“ von Reinhard Kuhnert das Leben des jüdischen Sozialisten und Schriftstellers Kurt Eisner. Der gebürtige Berliner rief 1918 den Freistaat Bayern aus und erklärte das Ende der Monarchie. Im Februar 1919 wurde der erste Ministerpräsident der ersten bayerischen Republik ermordet. „Er fühlt nicht deutsch, untergräbt jedes vaterländische Denken und Fühlen, ist ein Landesverräter“, notierte der Attentäter vor dem Anschlag. Das ist der Stoff, aus dem nicht allein dramatische Geschichte gestrickt ist. Bereits 1901 schreibt Eisner in seinen Kulturglossen „Taggeist“, dass die Weltpolitik keine anderen Mittel kenne als „Soldaten und Schiffe, Zölle und Exportprämien“ – Gedanken, die uns in der Gegenwart nicht unbekannt vorkommen. Nationalistischer Politik auf der ganzen Welt stellt Eisner auch die Kunst entgegen, die „nicht den Deutschen, sondern den Menschen“ mache. Kunst sei ein Asyl der Menschlichkeit, die Heimat der Heimatlosen.
 
Sharon Brauner wirkt unter anderem mit Pierre Besson und Simone Thomalla bei „Lerne lachen, ohne zu weinen“ mit. FOTO: MATHIAS BOTHOR
Sharon Brauner wirkt unter anderem mit Pierre Besson und Simone Thomalla bei „Lerne lachen, ohne zu weinen“ mit. FOTO: MATHIAS BOTHOR
Das Leiden produktiv machen, es in ästhetische und letztlich politische Kraft umzuwandeln, trifft auch auf eine andere Sozialistin zu. Im Literaturhaus Berlin beschäftigen sich am 14. November Harald Asel vom RBB-Inforadio und seine Gäste mit Rosa Luxemburg – jener Frau, die als Jüdin, Polin, Kommunistin und Behinderte von allen Seiten angefeindet worden ist. Ihre „Briefe aus dem Gefängnis“ wird Schauspielerin Daphna Rosenthal lesen. Insbesondere jener Brief, den Luxemburg im Dezember 1917 aus dem Gefängnis in Breslau an Sonja Liebknecht geschrieben hat, steckt voller Magie. Luxemburg beschreibt ihre Zellennächte, in denen sie auf einer steinharten Matratze wach liegt und träumt. Ihre Fantasie verwandele die Ausweglosigkeit des Lebens in einen freudigen Rausch. Sie lächle dann im Dunkeln, als wüsste sie das Geheimnis, aus allem Bösen Helligkeit und Glück zu machen. Luxemburgs Brief selbst, das ist die Pointe, ist dieses Geheimnis.

Wenn also, wie es im Talmud steht, Gott mit uns lacht, dann sollten wir das Leid umformen, um uns zu begegnen: auf der Brücke der Kultur.
  

Termine

Renaissance-Theater Berlin
Hardenberg-/Ecke Knesebeckstraße
Charlottenburg
Karten unter Tel.: 030/312 42 02 oder unter www.renaissance-theater.de

Lerne lachen, ohne zu weinen IV
Mo., 11.11., 20 Uhr, Di., 12.11., 20 Uhr

Vaganten Bühne
Kantstraße 12 a
Charlottenburg
Karten unter Tel.: 030/313 12 07 oder unter www.vaganten.de

Der rote Jud aus Preußen
Mo., 11.11., 20 Uhr

Literaturhaus Berlin
Fasanenstraße 23
Charlottenburg
Karten unter Tel.: 030/887 28 60 oder unter www.literaturhaus-berlin.de

Briefe von Rosa
Luxemburg
Do., 14.11., Diskussion: 18 Uhr Lesung: 20 Uhr

Weitere Informationen: www.juedische-kulturtage.org
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