Anzeige
Themenwelten Berliner Morgenpost
Extra: Jüdische Kulturtage

Gerhard Kämpfe: „Es ist nie zu spät, eine richtige Karriere anzufangen“

Der Intendant der Jüdischen Kulturtage, Gerhard Kämpfe, gestaltet mit dem heiter-besinnlichen Programm „Gott lacht mit seinen Geschöpfen“ erstmalig einen eigenen Programmpunkt

Karsten Troyke und Gerhard Kämpfe (r.). FOTOS: ROMAN EKIMOV; REINHARD SCHEUREGGER; COLLAGE: KARSTEN TROYKE

Martina Helmig 

Jankele kommt zum Rebbe und fragt: „Rebbe, kannst du mir sagen, ob Schwarz eine Farbe ist?“ – „Muss ich klären, Jankele“, sagt der Rebbe, verschwindet, kommt nach einer Weile wieder und meint: „Ja, Schwarz ist eine Farbe.“ – „Gut, Rebbe, kannst du mir noch sagen, ob Weiß eine Farbe ist?“, fragt Jankele und der Rebbe antwortet: „Ich bin sicher, wenn Schwarz eine Farbe ist, gilt das auch für Weiß.“ – „Ui, das freut mich aber“, strahlt Jankele. „Da hat mir der Moische doch einen Farbfernseher verkauft.“

Wenn Gerhard Kämpfe diesen Witz erzählt, wirkt er wie eine richtige kleine Geschichte, bei der man Jankele und den Rebbe vor sich stehen sieht. Der Intendant der Jüdischen Kulturtage ist in seinem Freundeskreis als Witzerzähler bekannt. Allerdings hätte er sich nicht träumen lassen, dass er mit seinen jüdischen Witzen einmal auf der Theaterbühne stehen würde.

"Juden nehmen sich selbst gern auf die Schippe und legen die charakteristischen Eigenschaften unter die Lupe, um sie zu vergrößern."

Gerhard Kämpfe


„Die Schuld muss ich meiner Frau in die Schuhe schieben“, meint Kämpfe. Als die Schauspielerin und Regisseurin Nadine Schori vor drei Jahren den musikalisch-literarischen Abend „Lerne lachen, ohne zu weinen“ vorbereitete, bat sie ihren Mann, aus den Seitenlogen heraus ein paar von seinen Lieblingswitzen zu erzählen. Das kam so gut an, dass er erst beim Kurt-Weill-Fest Dessau und dann im Berliner Renaissance-Theater ein ganzes Programm mit jüdischen Witzen, Anekdoten und Musik gestaltete. Nun ist das Projekt „Gott lacht mit seinen Geschöpfen“ auch im Rahmen der Jüdischen Kulturtage zu erleben.

Katharina Thalbach soll sich nach einer Vorstellung mit dem ihr eigenen trockenen Humor begeistert geäußert haben: „Gerhard“, sagte sie dem Kulturmanager, „es ist nie zu spät, eine richtige Karriere anzufangen.“

Gerhard Kämpfe gestaltet die Matinee gemeinsam mit dem Sänger und Gitarristen Karsten Troyke, seit dreißig Jahren eine Institution in Sachen jiddische Lieder. „Sein Vater war auf Tour mit jüdischen Witzen und spielte dazu jiddische Lieder von der Schallplatte. Karsten war damals ein junger Bursche, der Gitarre lernte und eines Tages sagte: Papa, lass doch die Schallplatte, ich kann dich begleiten. So zog er mit seinem Papa durch die Theater. Nun machen wir beide Jahrzehnte später etwas ganz Ähnliches“, sagt Gerhard Kämpfe schmunzelnd.

Seine Witze und Anekdoten erzählt er ganz intuitiv aus dem Bauch, er hat kein Textheft vor sich. „Ich habe aber einen roten Faden, es gibt Witze aus unterschiedlichen Kategorien: Witze aus dem Schtetl und aus Israel, Witze, in denen es um das Kaufmännische, und solche, in denen es um Religion geht“, erklärt der Intendant. Zwischendurch lesen Karsten Troyke und er gemeinsam ein bis zwei Geschichten, meistens von Ephraim Kishon. Karsten Troyke singt unter anderem „I’m Crazy Far She“, Leonard Cohens „Dance Me to the End of Love“ auf Jiddisch und das Georg-Kreisler-Lied „Das ist gut“.

Was ist nun typisch für den jüdischen Humor? „Juden nehmen sich selbst gern auf die Schippe und legen die charakteristischen Eigenschaften unter die Lupe, um sie zu vergrößern“, erklärt Kämpfe. Nach dem Fall des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 nach Christus waren Juden fast überall eine Minderheit. „Leute, die sich selbst auf den Arm nehmen, wirken ein bisschen ungefährlicher. Und noch etwas: Wenn man in einem Problem feststeckt und es einem trotzdem gelingt, über sich selbst zu lachen, hat man sich schon einen kleinen Schritt über das Problem erhoben.“

Wie Gerhard Kämpfe zu seinem Witzrepertoire gekommen ist, kann er selbst nicht recht erklären. Er hatte eine jüdische Mutter, und zu Hause wurden hin und wieder Witze erzählt. Auch in seinem Freundeskreis sind Witze immer präsent. Vor allem kann er sich aber jeden Witz, den er hört oder liest, ohne Weiteres merken. So haben sich im Lauf der Jahrzehnte Hunderte von Witzen in seinem Gedächtnis angesammelt.

Neu ist für ihn allerdings, eine Vorstellung auf der Bühne zu gestalten. „Als Jugendlicher in Wien habe ich einmal im Stegreiftheater gespielt. Das führte zu der Erkenntnis, dass ich besser hinter der Bühne bleibe“, erinnert er sich. Für die Lesung gibt ihm seine Frau gute Tipps, schlägt hier eine andere Betonung und dort eine längere Pause vor. „Glücklicherweise muss ich keine Rolle spielen. Ich erzähle einfach meine Witze in der Hoffnung, dass es den Leuten Spaß macht und alle lachend nach Hause gehen.“
 

Termin

Renaissance-Theater Berlin / Bruckner-Foyer
Hardenberg-/Ecke Knesebeckstraße
Charlottenburg
Karten unter Tel.: 030/312 42 02 oder unter www.renaissance-theater.de

Gott lacht mit seinen Geschöpfen
So., 10.11., 11.30 Uhr
Weitere Artikel