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Extra: Jüdische Kulturtage

Katja Riemann: „Die Kunst schafft Freiräume, Konkretes zu erzählen“

Katja Riemann adaptiert Edgar Hilsenraths Roman „Das Märchen vom letzten Gedanken“ für die Bühne

Katja Riemann thematisiert den Genozid an den Armeniern. FOTO: MIRJAM KNICKRIEM

Martina Helmig 

Es gibt da eine Szene, die Katja Riemann als das Herzstück ihres Programms bezeichnet: Der türkische Offizier verhört sein armenisches Opfer. Die Schauspielerin spielt beide Rollen, und die Emotionen in den Gesichtern werden als Großaufnahmen auf einen Videobildschirm übertragen. In der Doppelrolle sieht Katja Riemann einen besonderen Sinn: „In uns allen gibt es das Potenzial zum Täter und zum Opfer. Ich frage mich, an welchem Punkt wir zum Täter werden und wie wir zum Opfer gemacht werden.“

„Das Märchen vom letzten Gedanken“ heißt Katja Riemanns Multimedia-Abend über den Völkermord an den Armeniern. Er basiert auf dem gleichnamigen Roman des jüdischen Schriftstellers Edgar Hilsenrath, der 1936 vor den Nazis über Rumänien und Palästina nach New York floh und dort mit dem Roman „Der Nazi und der Friseur“ bekannt wurde.
Als Katja Riemann ihr Projekt im Auftrag des Kurt-Weill-Fests Dessau vorbereitete, nahm sie Kontakt zu dem damals 92 Jahre alten Schriftsteller auf, und es kam kurz vor seinem Tod tatsächlich noch zu einer Begegnung. „Es war großartig, er kam mit seinem Rollstuhl und küsste mir die Hand. Dann hat er Eis gegessen und ich Pfefferminztee getrunken“, erinnert sich die Schauspielerin. Sie fragte ihn, ob er Kurt Weill kennengelernt hätte, denn beide lebten gleichzeitig in New York. Hilsenrath verneinte, erzählte ihr aber, dass er einmal in einem New Yorker Jazzlokal die ganze Nacht mit einer Frau getanzt hätte. Später fand er heraus, dass es Helene Weigel war.

Katja Riemanns Berliner Buchhändler, den sie oft um Rat fragt, hatte ihr das Buch von Edgar Hilsenrath aus dem Jahr 1989 empfohlen. „Er hat es im Stil der armenischen Märchenkultur geschrieben“, sagt sie. Der letzte Gedanke, den ein Mensch denkt, bevor er stirbt, tritt als Figur auf und begegnet dem Märchenerzähler. „In ihrer Unterhaltung decken sie ein ganzes Kaleidoskop an Menschen auf, die alle von den Türken ermordet wurden.“

Vier Monate brauchte sie, um aus dem 650-Seiten-Roman eine Bühnenfassung zu erstellen. Auf der Bühne liest sie, erzählt und spielt verschiedene Rollen. Gemeinsam mit ihrer Tochter, der Regisseurin Paula Riemann, hat sie einen Film gedreht. Darin spielt Jasmin Tabatabai den türkischen Ministerpräsidenten. Der französische Jazzpianist Guillaume de Chassy begleitet die Geschehnisse auf der Bühne und im Film, indem er über Kurt Weill improvisiert. „Es ist keine Lesung, sondern im weitesten Sinn ein Theaterabend“, betont die Schauspielerin.

Katja Riemann ist den meisten Menschen als Filmschauspielerin bekannt. Sie war in Filmen wie „Der bewegte Mann“, „Fack ju Göhte“ und „Er ist wieder da“ zu sehen. Gerade hat sie den historischen Dreiteiler „Unsere wunderbaren Jahre“ abgedreht, der eine Familiengeschichte in der Wirtschaftswunderzeit erzählt und nächstes Jahr ins Fernsehen kommt.

Doch für Katja Riemann ist der Film nur eine Facette ihres künstlerischen Berufs. Durch Musik und Tanz ist sie zum Schauspiel gekommen. Bewegung und Rhythmus sind ihr als Darstellerin noch immer besonders wichtig. Fünf Jahre lang hat sie mit einer Jazzband gesungen, CDs und musikalische Hörspiele aufgenommen. Die Kombination aus Literatur und Musik hat sie immer interessiert. In letzter Zeit hat die Wahlberlinerin einen Schubert-Heine-Abend am Berliner Ensemble und den „Karneval der Tiere“ mit einem Klavierduo gestaltet. International war sie mit einem musikalisch-literarischen Programm über die Nürnberger Prozesse und die Idee des Verbrechens gegen die Menschlichkeit unterwegs. Auch ihr soziales Engagement ist eine Konstante in ihrem Leben. Sie macht sich stark für Demokratie und eine offene Gesellschaft, engagiert sich gegen Kinderarmut, Kinderhandel und die Beschneidung junger Mädchen in Afrika.

Bei den Jüdischen Kulturtagen ist Katja Riemann zum zweiten Mal zu Gast. „Das Märchen vom letzten Gedanken“ schlägt einen Bogen vom Genozid an den Armeniern zum Holocaust. Der Protagonist in Hilsenraths Roman, ein armenischer Dichter, übersteht die Folter im türkischen Gefängnis, weil er ein absurdes Geständnis unterschreibt und eine armenische Weltverschwörung zugibt. Jahrzehnte später wird er dann aber im deutschen Vernichtungslager vergast. Auch Katja Riemanns Abend endet in Auschwitz. Sie hat den Ort während ihrer Vorbereitung besucht und mit dem Handy gefilmt.

Zur deutschen Erinnerungskultur schlägt sie skeptische Töne an: „Das Narrativ des Zurückschauens, um präventiv für die Zukunft gerüstet zu sein, funktioniert überhaupt nicht. Wir schauen unentwegt zurück und verhindern gar nicht, was heute geschieht.“ Sie meint damit zum Beispiel den Völkermord an den Jesiden. Sie beklagt das mangelnde gesellschaftspolitische Engagement. Trotzdem hat sie die Hoffnung nicht aufgegeben, mit ihren Theaterabenden etwas zu bewegen: „In der Kunst hat man Freiräume, durch Fiktionales etwas ganz Konkretes zu erzählen. Das ist mir wichtig.“
 

Termin

Renaissance-Theater Berlin
Hardenberg-/Ecke Knesebeckstraße
Charlottenburg
Karten unter Tel.: 030/312 42 02 oder unter www.renaissance-theater.de

Das Märchen vom letzten Gedanken
So., 10.11., 18 Uhr
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