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Extra: Jüdische Kulturtage

Moscow Male Jewish Capella und Dobranotch: Russland als Schwerpunkt der Jüdischen Kulturtage

Mit Moscow Male Jewish Capella und Dobranotch treten zwei sehr gegensätzliche russische Ensembles in Berlin auf

Der Chor Moscow Male Jewish Capella tritt in der Synagoge Rykestraße auf. FOTO: MOSCOW MALE JEWISH CAPELLA

Martina Helmig 

„Wir konzentrieren uns auf ein unbekanntes, selten aufgeführtes Repertoire: jüdische liturgische Musik aus dem 19. Jahrhundert. Wir sind der einzige professionelle Chor auf der Welt, der diese Musik auf der Konzertbühne singt“, sagt Alexander Tsaliuk voller Stolz. Man spürt im Gespräch sofort, dass die Moscow Male Jewish Capella sein Lebenswerk ist. Er liebt es, alte Musikstücke auszugraben, die noch nie gedruckt wurden, und sie für seinen Chor zu arrangieren. Seine Mission ist es, allen Menschen die Schönheit der jüdischen Liturgie und kantoralen Musik nahezubringen – nicht mit einem Amateurchor in der Synagoge, sondern mit einem professionellen Chor im öffentlichen Konzert.

Für den Programmteil mit der liturgischen Musik bringt der Chor Uriel Granat mit, der in Russland nicht nur als Kantor, sondern auch als Opernsänger wirkt. Sogar bei den Bayreuther Festspielen war der Tenor schon engagiert. „Unser Repertoire umfasst allerdings auch noch ganz andere Facetten, was wir bei den Jüdischen Kulturtagen in Berlin gern unter Beweis stellen“, sagt der Chorleiter. Die Chorsänger singen russische, jiddische, georgische und neapolitanische Lieder. Zwei oder drei Lieder sind den Opfern der Reichspogromnacht gewidmet. Auch das Schubert-Chorlied „Liebe“, Musical-Songs aus „Fiddler on the Roof“ und ein Spiritual wie „Go Down Moses“ hat sich Alexander Tsaliuk vorgenommen. „Wir haben schon Mendelssohn, Brahms, Bernstein und viele zeitgenössische Werke aufgeführt“, sagt er. „Die Chorsänger sind Profis, die meisten sind Absolventen des Moskauer Konservatoriums, sie können einfach alles singen.“
Dobranotch aus St. Petersburg sind für ausschweifende Konzerte bekannt. FOTO: EVGENIIA PAVLOVA
Dobranotch aus St. Petersburg sind für ausschweifende Konzerte bekannt. FOTO: EVGENIIA PAVLOVA
Tsaliuks Großvater war seit 1913 Mitglied der jüdischen Gemeinde, auch in der Stalin-Zeit, als es verboten war. Die Moskauer Synagoge wurde im 2. Weltkrieg nicht geschlossen, weil sie auch als Militärkrankenhaus diente. Tsaliuk selbst hatte als junger Mann eine Vision. Er ging zum Rabbi und sagte: „Lass uns versuchen, die große jüdische Chortradition wiederzubeleben, die es in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab und die Lenin zerstört hat.“ Das war 1988, als er noch Chorleitung am Moskauer Konservatorium studierte. Die Perestroika spielte ihm in die Hände. Eine Abordnung amerikanischer Rabbiner bat Michail Gorbatschow 1989, die jüdische Gemeinde wieder zu errichten. „Gorbatschow sagte, er sei Kommunist und damit gegen Religion, er liebe aber die Musik. Gegen die Gründung von Chören hatte er nichts einzuwenden. Viele Kirchenchöre entstanden in dieser Zeit.“ Alexander Tsaliuk gründete seinen Chor mit Senioren. Sie waren Laiensänger, die sich noch gut an die Gesänge erinnern konnten, die sie vor und nach der Russischen Revolution erlebt hatten. Der junge Chorleiter lernte viel von ihnen. Ende der 90er-Jahre begann er, seinen Chor umzuformen und mit jungen Sängern zu professionalisieren. Seitdem ist die Moscow Male Jewish Capella zwischen der New Yorker Carnegie Hall und dem Jerusalemer Theater überall gern gehört. Der Chor sang schon für die königlichen Familien von Dänemark, Schweden und Norwegen, ebenso vor den Präsidenten Russlands, der USA, Polens und Israels. Seit die westliche Welt auf Abstand zu Putins Russland geht, sind auch die Zeiten für den Chor schwieriger geworden. „Wir werden nicht mehr so oft eingeladen und auch in Russland fehlt uns die Unterstützung, denn alle jüdischen Geschäftsleute verlassen mit ihrem Vermögen Russland“, erklärt er. Umso glücklicher ist der Chorleiter, dass er in der Synagoge Rykestraße jedes Jahr am Louis Lewandowski Festival und nun auch an den Jüdischen Kulturtagen teilnehmen kann. In der Berliner Synagoge fühlen sich seine Sänger schon ganz zu Hause.

Russland ist in diesem Jahr ein Schwerpunkt der Jüdischen Kulturtage. Deshalb sind gleich zwei russische Ensembles nach Berlin eingeladen. Neben dem Konzert der Moscow Male Jewish Capella zählt auch der Auftritt der Band Dobranotch zu den Höhepunkten des Festivals. Acht temperamentvolle Musiker spielen eine Mischung aus Klezmer, Balkan und Gypsy. Sie überraschen aber auch mit russischen Liedern aus der goldenen Ära der Blaskapellen und einer jiddischen Fassung des Rammstein-Songs „Du hast“. Man nennt sie auch „wilde Derwische der Volksmusik“.

Die Musiker fanden sich 1998 in Frankreich. Nach einigen Jahren gemeinsamen Musizierens sind sie mittlerweile wieder in ihre Heimat St. Petersburg zurückgekehrt. Sieben CDs haben sie inzwischen aufgenommen. Ihre Musik ist in Fernsehserien und Filmen gefragt. Heute sind sie mit ihren mitreißenden Songs in der ganzen Welt unterwegs. Bei Festivals verlassen sie mit ihren Instrumenten gern die Bühne und mischen sich unters Publikum. Ihr Motto: „Wer hier nicht tanzt, ist selber schuld!“
 

Termine

Synagoge Rykestraße
Rykestraße 53
Prenzlauer Berg
Karten unter Tel.: 01806/999 00 06 06 (0,20 €/Verbindung aus dt. Festnetz, max. 0,60 €/Verbindung aus dt. Mobilfunknetz) oder unter www.ticketmaster.de

Moscow Male
Jewish Capella
Sa., 9.11., 20 Uhr

Ballhaus Berlin
Chausseestraße 102, Mitte
Karten unter Tel.: 030/282 75 75 oder unter www.eventbrite.de

Dobranotch
Di., 12.11., 20 Uhr

Weitere Informationen und Tickets: www.juedische-kulturtage.org
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