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Pandas in Berlin

Nachhilfe beim Nachwuchs

Pandas sind Sexmuffel. Deswegen galt ihre Zucht lange Zeit als kompliziert. Doch inzwischen hilft die Reproduktionstechnik nach

In der Aufzuchtstation in Gechgdu leben die Pandas unter naturnahen Bedingungen. 115 Tiere gibt es derzeit in der Anlage in der Provinz Sichuan PA /REINHARD KAUFHOLD (2), LI WEI/IMAGINECHINA

Himmels Pagode
SU Zoologischer Garten
Unbeweglich wie ein Sack Kartoffeln hockt Panda Yin Yin in ihrem Gehege. Ein Wärter hat vor ihr mehrere Kilo frischen Bambus aufgetürmt. Sie scheint wenig beeindruckt. Als wäre das selbstverständlich, rupft sie sich ein paar Stengel aus dem Haufen, kaut geräuschvoll darauf herum und versucht aus den Fasern den Saft herauszusaugen. Besonders gründlich ist sie dabei nicht. Kaum hat sie ein Stück abgebissen, spuckt sie den Rest auch schon wieder aus und wirft es beiseite. Um sie herum sieht es aus als hätte ein Holzhacker gewütet.

So sehr sich Yin Yin im Gehege verwöhnen lässt – in freier Wildbahn würde es ihr gar nicht so viel anders ergehen. Pandas sind ausgesprochen wählerische Geschöpfe. Von ihrer Gattung her gehören sie zur Gruppe der Fleischfresser. Doch sie mögen ausschließlich Bambus. Und davon auch nur bestimmte Sorten. Bis zu 40 Kilo können sie davon am Tag verputzen. In der freien Wildnis leben Pandas ausschließlich in dichten Bambuswäldern in den höher gelegenen Bergen im südwestlichen China, wo es an Bambus nicht mangelt. Woanders könnten sie gar nicht überleben. Dort hocken sie faul im Geäst und knabbern zehn bis zwölf Stunden am Tag geräuschvoll an den hölzernen Fasern. Die übrige Zeit schlafen sie.
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Nur noch etwa 2000 Pandas leben in freier Wildbahn

So simpel ihr Alltag gestrickt ist – ihre Haltung ist es nicht. Gerade einmal rund 2000 dieser schwarzweißen Bären gibt es in freier Wildbahn noch, die meisten in speziell angelegten Nationalparks in der südwestchinesischen Provinz Sichuan. Die Regierung in der Provinzhauptstadt Chengdu hat es sich daher zur Aufgabe gemacht, die Population über spezielle Aufzuchstationen zu steigern.

Auf den ersten Blick wirkt die Aufzuchtstation von Chengdu wie ein Freizeitpark. Zehntausende Besucher flanieren täglich über das rund 600 Hektar große Gelände. Gleich am Haupteingang wird der Besucher von einer goldenen Panda-Statue begrüßt. Es gibt ein Begrüßungszentrum, ein Panda-Museum, ein Panda-Café, jede Menge Souvenirläden mit allen nur erdenklichen Panda-Merchandise-Artikeln und einen künstlich angelegten See. Höhepunkt sind die Gehege, in dem mehrere Dutzend zumeist junge Pandas herumtollen, dösen und sich von den begeisterten Besuchern nicht weiter beirren lassen.

Doch auch bei der Aufgabe, für die sie eigentlich gegründet wurde, der Zucht von Pandas, ist die Forschungsstation erfolgreich. Seit ihrem Bestehen im Jahre 1987 sind auf dem Gelände schon einige Dutzend Pandas zur Welt gekommen. War in den ersten Jahren bei den sexmüden Bären in Gefangenschaft der Nachwuchs noch ausgeblieben, haben die Forscher die Reproduktionstechnik inzwischen perfektioniert. 2012 kamen schon sieben Pandababys zur Welt, ein Jahr später waren es schon 20. Seitdem muss die Anlage ständig erweitert werden, um den vielen Pandanachwuchs unterzubringen. Einige Pandas wurden auch schon freigelassen. Pandas gelten seit zwei Jahren auch nicht mehr als „stark gefährdete“ Tierart, sondern nur noch als „gefährdet.“ 115 Pandas leben derzeit in der Zuchtstation, die sich zugleich als Forschungseinrichtung allgemein für bedrohte Tierarten versteht.

Stolz zeigt Yuan Bo auf einen Brutkasten, in dem zwei schwarzweiße Pandababys liegen. Sie haben gerade einmal die Größe eines Wollknäuels. Bo ist Leiter der Brutstation – dem Herz der Aufzuchtstation. Nicht einmal einen Monat seien sie alt, sagt Bo. Ohren, Augen und Pfoten haben schon ein schwarzes Fell. Ihre Augen können sie aber noch nicht öffnen. Trotzdem versuchen sie schon, sich mit ihren Hinterbeinen aufzurichten. „Zwillinge“, sagt der Wissenschaftler. „Vor ein paar Jahren hätten sie nicht überlebt.“
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Auf natürliche Art ist es schwer, die Bären in den Aufzuchtstationen zur Fortpflanzung zu bewegen. Denn die Weibchen sind nur einmal im Jahr empfängnisbereit – und dann auch nur zwei bis drei Tage. Die chinesischen Verhaltensforscher haben schon viel versucht, den vom Aussterben bedrohten Bären zu retten, sogar übers Klonen hatten sie schon nachgedacht. Inzwischen wissen die Forscher, wie sie anhand der Körpersprache der Weibchen die fruchtbare Phase erkennen können. Den Rest erledigen die Reproduktionsmediziner mit künstlicher Besamung.

Doch auch wenn ein Panda-Weibchen Junge gezeugt hat – ihr Überleben ist gerade in den ersten Wochen ungewiss. „Wenn sie auf die Welt kommen, sind sie quasi noch Embryos“, erläutert Wissenschaftler Bo. Weder haben sie Fell, noch können sie sich selbst ernähren. Bei zwei Neugeborenen bestehe die Gefahr, dass die Pandamutter sich schnell überfordert fühlt. Sie kümmert sich dann nur noch um eins. Die Tierpfleger müssen einspringen. „Heute liegt ihre Überlebenschance bei über 80 Prozent“, sagt Bo stolz.

Seitdem Pandas in Chengdu fast wie am Fließband gezeugt werden, zeigt sich die chinesische Führung großzügiger, diese seltenen Bären an Zoos in aller Welt zu verleihen. In Europa sind sie schon in einem halben Dutzend Zoos zu sehen. Für eine Leihgabe von exakt einer Million US-Dollar im Jahr. Dieser Preis ist nicht verhandelbar. Ein Teil des Geldes fließt in die Forschung der Chengduer Aufzuchtstation. Auch die künftigen Neuberliner Meng Meng und Jiao Qing sind aus Chengdu.

Bo war im Frühjahr in Berlin, um sich ein Bild des neun Millionen Euro teuren Panda-Geheges zu machen, das der Berliner Zoo für die beiden Luxusgeschöpfe errichtet hat. „Sehr professionell“, sagt der Zuchtexperte. Und er ist zuversichtlich, dass es auch den Berlinern gelingen wird, für Panda- Nachwuchs zu sorgen.

Pornos sollen Pandas zur Fortpflanzung anregen

Wenn es nicht klappt, hat der Zuchtexperte einen Tipp: „Panda-Pornos“. Dabei handelt es sich um Videos, auf denen zu sehen ist, wie sich andere Pandas paaren. Er meint es ernst. „Ja, sie schauen sich das an“, beteuert der Experte. Pandas seien verhaltensgesteuert. So wie sie in der Wildnis von anderen Pandas lernen, würde das auch in Gefangenschaft funktionieren. Und falls sie sich die Videos nur kurz anschauen? Bos Antwort: „Dann wissen sie schon, wie das mit der Paarung geht“.

Ausbrecherkönig mit scharfen Krallen

Wilderei und schrumpfende Lebensräume: Auch der kleine Bruder des Großen Pandas ist bedroht

Auch um den vom Aussterben bedrohten Roten Panda kümmert man sich in der Pandaaufzuchtstation in Chengdu PA/REINHARD KAUFHOLD
Auch um den vom Aussterben bedrohten Roten Panda kümmert man sich in der Pandaaufzuchtstation in Chengdu PA/REINHARD KAUFHOLD
MAX MÜLLER

Für seinen „Entdecker“ Frédéric Cuvier (1773-1838) galt er als „schönstes Säugetier auf Erden“, sein lateinischer Name „Ailurus fulgens“ bedeutet so viel wie „Katze mit glänzendem Fell“ und Chinesen nennen ihn schlicht „Hun-ho“ – „Feuerfuchs“: Die Rede ist vom Roten Panda, dem kleinen Bruder des schwarz-weiß getupften Großen Pandas.

Beheimatet ist das possierlich erscheinende Tier, das Laien bisweilen mit Waschbären verwechseln, im Himalaya und seinen Ausläufern auf den Staatsgebieten von Bhutan, Nepal, Indien, Myanmar und China. Das liebevolle Aussehen verdankt der Feuerfuchs seinen Knopfaugen, dem weichen, roten Fell und dem bis zu 50 Zentimeter langen, gestreiften Schwanz. Wie sein Vetter ernährt er sich von Bambus. Wurzeln, Eicheln, Beeren und Früchte ergänzen den Speiseplan.

Doch das süße Bild täuscht: Der Rote Panda ist ein gerissener Zeitgenosse und Wilderer dazu. Seine Klauen sind scharf. Wenn er sie fängt, landen auch Kleinsäuger und Jungvögel in seinem Magen. Dazu plündert er Nester. Und auch den Tierpflegern macht es der Einzelgänger, der nur nachts während der Brunftzeit liebkost, nicht leicht: Als geübter Kletterer gehört der Rote Panda zu den am häufigsten ausbüchsenden Tieren in Zoologischen Gärten.

Wie lange der Rote Panda, dem Mozilla einst mit seinem Internetbrowser „Firefox“ ein Denkmal setzte, noch existiert, ist jedoch ungewiss. Grausame Wilderei, illegaler Handel und immer kleiner werdende Lebensräume ließen die Population über Jahrzehnte schrumpfen. Schon 1975, als erstmals das Washingtoner Artenschutzübereinkommen ratifiziert wurde, stand der auch als Katzenbär bezeichnete Rote Panda auf der Liste der gefährdeten Tiere.

Doch geschehen ist lange Zeit nichts. Erst in den letzten Jahren hat sich das geändert. So ziert der Rote Panda heute beispielsweise das Wappen des Forstministeriums von Sikkim, einer indischen Grenzregion, in der viele Tiere vermutet werden. Hier engagiert sich vor allem der WWF (World Wide Fund For Nature) in Kooperation mit lokalen Institutionen, dass Ost-West-Korridore erhalten bleiben. In den anderen Ländern hingegen bedarf es noch eines neuen Bewusstseins: Vielerorts wird das Fell gejagter Tiere zu Pinseln oder Mützen verarbeitet.

Einen wichtigen Anteil am Überleben übernehmen auch die Zoologischen Gärten in der ganzen Welt, die die Population des schwer züchtbaren Tieres mit zahlreichen Programmen ankurbeln wollen. Auch der Berliner Tierpark beherbergt eine Gruppe Roter Pandas und trägt damit zum Fortbestand bei. Deshalb lohnt es sich, in Zukunft nicht nur den Riesenpandas im Zoo, sondern auch seinem kleinen Bruder im Tierpark regelmäßig einen Besuch abzustatten.

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