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Weihnachten genießen 2018

Richtig Abschalten

Weihnachten ohne Smartphone und Fernseher? Der Psychologe Peter Walschburger erklärt, warum gelegentliche Medienabstinenz der ganzen Familie guttut

FOTOS: ISTOCKPHOTOS /VGAJIC, PRIVAT

Immer mehr Menschen entziehen sich dem familiären Zusammensein und halten sich lieber in der virtuellen Welt der sozialen Medien auf, spielen Computerspiele oder verlieren sich im sogenannten Binge Watching, dem stundenlangen Schauen von Filmen und Serien. Im Interview erklärt der Biopsychologe Peter Walschburger von der Freien Universität Berlin, welchen Einfluss das Weihnachtsfest auf unser Wohlbefinden hat, warum an den Feiertagen vermehrt „Vertrauenshormone“ ausgeschüttet werden und warum es für Kinder wichtig ist, eine Kultur des gebremsten Medienkonsums zu entwickeln.

Berliner Morgenpost: Herr Walschburger, welche Bedeutung hat das Weihnachtsfest aus psychologischer Perspektive?

Peter Walschburger ist Professor für Psychologie und Biospsychologie an der Freien Universität Berlin.
Peter Walschburger ist Professor für Psychologie und Biospsychologie an der Freien Universität Berlin.
Peter Walschburger: Weihnachten ist vor allem ein soziales Ritual, das traditionell die Bindung zur Familie und in der Gemeinschaft stärkt. Dabei handelt es sich um einen Gruppenprozess, bei dem Menschen zusammenkommen, die in unserer arbeitsteiligen Welt immer weniger zusammenfinden. Die Erwartungen an das Fest sind hoch, was häufig auch Anlass für Streit gibt. Eine tragende Rolle spielt das gemeinsame Essen, das hoffentlich gut schmeckt und alte Bande wieder zusammenschweißt. Aus psychologischer Sicht ist bemerkenswert, dass rund um die Feiertage auch vermehrt vertrauensstiftende Hormone, wie Oxytocin, ausgeschüttet werden. Das Weihnachtsfest spielt schon seit vielen Jahrhunderten eine wichtige Rolle. Bereits vor der Verbreitung des Christentums wurde von den Römern die Wintersonnenwende zelebriert. In der dunklen Jahreszeit herrscht bei uns ja ein gedämpftes Lebensgefühl vor; mit dem Weihnachtsfest ändert sich auch der Zyklus: Die Tage werden wieder länger, in uns regt sich eine gewisse Aufbruchstimmung, ein gehobenes Lebensgefühl.

„Feste wie Weihnachten bieten eine ideale Möglichkeit, innezuhalten und eine Pause von den Medien einzulegen. Es ist einen Versuch wert. Psychologe Peter Walschburger,“

Freie Universität Berlin

Dennoch entfliehen heute immer mehr Menschen dem Zusammensein und ziehen sich lieber in die digitale Welt zurück. Welche Rolle spielen die unterschiedlichen Medien an Weihnachten?

Traditionell spielen Medien keine primäre Rolle, obwohl es durchaus etwa typische Weihnachtsfilme gibt, die mittlerweile Kultstatus besitzen und jedes Jahr wieder von einer Vielzahl von Familien geschaut werden. Ich selbst habe den medialen Umbruch massiv miterlebt und kenne die Verführungsmacht der digitalen Medien. Wichtig ist, die richtige Balance für sich selbst zu finden. Es gibt viele Menschen, die den Verführungen aus den sozialen Medien zu leicht nachgeben. Das führt zu einer Übersättigung unserer Fantasie und zur Gefahr, dass wir den virtuellen Raum mit unserem realen Handlungsraum verwechseln. So entwickelt sich ein schwieriges Verhältnis von subjektiver Erfahrung und objektiver Realität. Wenn dann die Familie in drei Generationen tatsächlich zusammensitzt, kommt es zu einer plötzlichen Distanzverringerung, die uns vor Augen führt, wie kompliziert und komplex zwischenmenschliches Leben jenseits aller Selbstinszenierungstendenzen in sozialen Medien ist.

Was bedeutet das gerade für Kinder und Jugendliche, die als „Digital Natives“ mit den sozialen Medien aufwachsen?

FOTOS: ISTOCKPHOTOS /VGAJIC, PRIVAT
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Ich möchte nicht gerne von alarmierenden Tendenzen sprechen; gleichwohl denke ich, dass der massive Einfluss der sozialen Medien auf Kinder und Jugendliche sehr bedenklich ist. Besonders problematisch finde ich es, dass durch den globalen Informationsstrom aus den sozialen Medien mit seinen Inszenierungs- und Skandalisierungstendenzen eine übertrieben negative Einschätzung unserer tatsächlichen Verhältnisse gefördert wird. Auf Facebook und Instagram zeigen sich die Influencer der ganzen Welt in einem unwirklichen Setting der Inszenierung, das dem passiven Betrachter leicht ein deprimierendes Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit verleiht und in ihm Unzufriedenheit auslöst. Kinder und Jugendliche müssen erst lernen, sich hiervon zu emanzipieren und eine eigene Kultur der kontrollierten, reflektierten, selbstwertdienlichen Mediennutzung zu entwickeln. Feste wie Weihnachten bieten eine ideale Möglichkeit, innezuhalten und eine Pause von den Medien einzulegen. Es ist einen Versuch wert.

Kindlicher Medienkonsum während der Feiertage

Gut zu Wissen
Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gibt auf ihrer Webseite Empfehlungen zu den täglichen Mediennutzungszeiten von Kindern. Demnach sollten Kleinkinder bis drei Jahre maximal 30 Minuten täglich Hörspiele vorgespielt bekommen und keine Filme und Videos auf Tablets oder TV-Geräten anschauen. Mit zunehmendem Alter können Fernseh- und Webserien durchaus unterhaltend und mitunter pädagogisch sinnvoll sein. Allerdings sollten maximale Zeiten für sogenannte Bildschirmmedien festgelegt werden. Bei Kindern bis zehn Jahre sollte die Dauer auf eine Stunde begrenzt werden. Allerdings sind auch Ausnahmen erlaubt, gerade in den Ferien und an Feiertagen wie Weihnachten, bei schlechtem Wetter oder wenn es darum geht, ein neues Geschenk, wie ein neues Computerspiel, intensiv kennenzulernen. Eine gute Möglichkeit, den Medienkonsum auszugleichen, ist, nach intensiver Nutzung mit dem Kind medienfreie Tage auszuhandeln, in denen andere Aktivitäten im Fokus stehen.
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