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Shalom Berlin

„Wir können keine Zukunft gestalten, wenn wir nicht aus der Vergangenheit lernen

Gerhard Kämpfe, Intendant der Jüdischen Kulturtage Berlin, erläutert das Festivalprogramm und die Bedeutung der Erinnerungskultur

Nadine Schori entwickelte 2016 das Konzept zum Programm „Lerne lachen, ohne zu weinen“. FOTO:URBAN RUTHS

Berliner Morgenpost: Herr Kämpfe, ein Festival in der Pandemie-Zeit zu organisieren klingt nach einer Herausforderung.
Gerhard Kämpfe: Aus rein ökonomischer Sicht ist heikel: Man hat entschieden mehr Kosten und auf der anderen Seite deutlich weniger Einnahmen – bedingt durch die Abstandsregelungen. In der Synagoge Rykestraße stehen regulär 1100 Plätze zur Verfügung, jetzt sind es noch 322. Aber es ist ganz klar besser, so zu spielen als gar nicht. Wir möchten das Publikum begeistern und erreichen, dass auch Menschen, die noch nicht so viel mit jüdischer Kultur zu tun hatten, einen Einblick in die Vielfalt erhalten.

Ist der Aspekt der Vielfalt der Grund, dass das Gala-Konzertzum Auftakt des Festivals von unterschiedlichen Künstlern eröffnet wird?

Auf der einen Seite haben wir den wunderbaren Andréj Hermlin mit seinem Swing-Orchester und den großartigen Solisten. Die Musik der Weimarer Republik war stark von jüdischen Komponisten geprägt. Es spielt Giora Feidman, der in Argentinien zur Welt kam, in Israel lebt und längst auch Deutschland als Heimat betrachtet. Im Jerusalem Duo spielt Feidmans Enkelin Hila Ofek übrigens die Harfe. Das ist somit ein generationsübergreifender und internationaler Abend: Den zweiten Teil gestaltet der israelische Entertainer Dudu Fisher.
Schauspieler und Musiker Karsten Troyke (l.) begleitet Gerhard Kämpfe bei der Matinee und dem Abendprogramm im Renaissance-Theater. FOTO:REINHARD SCHEUREGGER/REINHARD SCHEUREGGER
Schauspieler und Musiker Karsten Troyke (l.) begleitet Gerhard Kämpfe bei der Matinee und dem Abendprogramm im Renaissance-Theater. FOTO:REINHARD SCHEUREGGER/REINHARD SCHEUREGGER
Die Anzahl der Veranstaltungen ist gegenüber den Vorjahren gewachsen. Was ist der Grund dafür?

Es ist deutlich schwieriger, von vorhandenen Planungen wieder abzuweichen. Wir haben hunderte von Vorschlägen auf dem Tisch, die wir selbst erarbeitet haben oder die uns zugetragen wurden. Und natürlich ist es für alle Beteiligten ein Glücksgefühl, vielen Künstler die Chance zu geben, wieder vor Publikum auf eine Bühne zu gehen. Dafür nehmen wir gern einen größeren Aufwand in Kauf.

Sie wirken als Intendant hinter den Kulissen und als Künstler auf der Bühne. Wie kam es dazu?

Meine Frau, Schauspielerin und Regisseurin Nadine Schori, hatte die Idee zu einem Abend, der sich dem jüdischen Humor widmet. Sie meinte, dass ich in dem Rahmen Witze erzählen sollte. Ich lehnte kategorisch ab, das auf der Bühne zu machen. Aber sie war gewitzt und meinte, dass ich dies aus der Loge heraus nach einem literarischen oder musikalischen Programmpunkt machen sollte: Kopf herausstrecken, Witz bringen und noch vor dem Applaus zurückziehen. Ich gestalte seit Jahrzehnten Kulturprogramme – mich überzeugte das nicht, aber ich willigte ein. Letztlich muss ich anerkennen: Ich lag falsch und sie hatte den richtigen Riecher: Das Konzept ging auf. Wir aktualisieren die Matinee „Gott lacht mit seinen Geschöpfen“ und das Abendprogramm „Lerne lachen, ohne zu weinen“ jedes Jahr und gehen damit auf Tour.

Können Sie skizzieren, was den jüdischen Humor ausmacht?

Kurz gesagt: Das Sich-selbst-aufdie-Schippe-Nehmen – eine sarkastische und lustige Selbstreflexion sowie Selbstbetrachtung. Wir dürfen nicht vergessen, wo immer Juden lebten, waren sie nach dem Fall des letzten Tempels eine Minorität. Ich denke, dass Menschen, die anfangen, über sich selbst Witze zu machen, ungefährlicher wirken, und wir alle kennen das, wenn man in einer unangenehmen Situation ist und es einem gelingt, über sich selbst zu lachen, ist man schon einen halben Schritt heraus aus dem Problem.

Am 9. November pausiert die heitere Pause. Dieser Tag steht ganz im Zeichen des Gedenkens?

Ja. Auch mit dem Abstand von nunmehr 83 Jahren erscheinen die Pogrome unfassbar. Eine barbarische Bande zerschlägt landesweit jüdische Geschäfte, verschleppt Mitbürger und zündet Synagogen an. Es bleibt dieses große Fragezeichen, warum ein Großteil der Bevölkerung dies hingenommen hat. Deswegen ist es wichtig, diese Ereignisse als Mahnung zu begreifen. Wir können keine Zukunft gestalten, wenn wir nicht aus der Vergangenheit lernen. Es geht dabei nicht nur um den Antisemitismus. Unsere Verantwortung schließt jegliche Form der Ausgrenzung und Diskriminierung mit ein. Wir müssen hellhöriger werden: Wenn jemand wegen der Hautfarbe, der Religion, Herkunft oder sexueller Identität beschimpft wird, müssen wir uns schützend vor diese Person stellen und zeigen, dass wir uns dem widersetzen. Ronald Klein

Termine

Renaissance-Theater
Knesebeckstraße 100
Charlottenburg
Tel.: 030 – 312 42 02
www.renaissance-theater.de

Gott lacht mit seinen Geschöpfen
7. November, 11.30 Uhr

Lerne lachen, ohne zu weinen V
10. November, 19.30 Uhr

Grußwort der Veranstalter

Die lange kulturelle Durststrecke ist vorbei und endlich können Künstler*innen wieder auf die Bühne und vor Live-Publikum agieren. Nachdem wir letztes Jahr kurz vor Beginn der Jüdischen Kulturtage Berlin aufgrund der Pandemie absagen mussten, freuen wir uns sehr, Ihnen das diesjährige Programm vorstellen zu können.

Wir feiern in diesemJahr„1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ und so war es für uns besonders wichtig, die ganze Bandbreite jüdischer Kultur im Rahmen der diesjährigen Veranstaltungsreihe aufzuzeigen, sowohl rückblickend als auch gegenwarts- und zukunftsbezogen.

Daher steht das Eröffnungskonzert, ebenso wie das gesamte Festival, unter ebendiesem Motto. Es ist uns gelungen, neben dem Broadway-Star Dudu Fisher, Andrej Hermlin und seiner Swing-Band auch den König des Klezmer, Giora Feidman, zu diesem besonderen Konzert einzuladen. Wir bedanken uns hier auch für die Unterstützung durch das Land Berlin und den Zentralrat der Juden in Deutschland.

Es ist uns erfreulicherweise gelungen, viele der Programme, die wir für voriges Jahr geplant hatten, wieder aufzunehmen. So freuen wir uns z. B. auf die künstlerischen Begegnungen mit der großartigen israelischen Sängerin Noa, der wunderbarskurrilen Band Jewish Monkeys. Für die kleinen Besucher spielen wir die Märchen Oper „Das Tierhäuschen“ und haben den beliebten Balagan-Day, bei dem gebastelt, gespielt und getanzt werden kann und bei dem wie jedes Jahrisraelische Speisen angeboten werden. Das jugendlichere Publikum wird sich über den Popstar Noah Levi freuen oder auch über den Religious Poetry Slam im Pfefferberg Theater. Auch der Humor kommt nicht zu kurz bei den Veranstaltungen im Renaissance-Theater Berlin, aber es wird auch bewegende und berührende Veranstaltungen geben.

In diesem Sinn seien Sie willkommen bei den 34. Jüdischen Kulturtagen Berlin mit einen herzlichen „Shalom, Berlin“.

Dr. Gideon Joffe
Vorsitzender der Jüdischen
Gemeinde zu Berlin

Sara Nachama

Kulturdezernentin der Jüdischen Gemeinde zu Berlin

Gerhard Kämpfe

Intendant der Jüdischen Kulturtage Berlin
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