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Kulturzeit

Zwischen Schlosspark und Industrieruine

Ungewöhnliche Spielstätten gepaart mit abwechslungsreichen Konzertformaten: Die Niedersächsischen Musiktage verwandeln im September ein ganzes Bundesland in ein Festival

HELGE KRÜCKEBERG

Jedes Jahr wandelt sich ein Bundesland zur größten Bühne Deutschlands. Sie ist 47 000 Quadratkilometer groß: Bei den Niedersächsischen Musiktagen werden internationale Künstler drei Wochen lang knapp 70 Konzerte präsentieren. Dass es dabei nicht nur um kulturellen Genuss geht, sondern ebenso um die Verbindungen zwischen Künstlern, Kunstwerk und Räumen, darauf soll das diesjährige Thema des Festivals aufmerksam machen. Die mittlerweile 32. Ausgabe steht unter dem Leitbegriff „Beziehungen“.

„Das gesamte Festival-Team hält immer die Augen nach interessanten Räumen offen. Wir alle reisen viel durch das weite niedersächsische Land. Dabei begegnen wir unterschiedlichen Menschen. Im Gespräch erfahren wir immer wieder von unentdeckten Orten, mit denen sich eine Erzählung verbinden lässt, die wir zum Konzertabend gestalten wollen“, erklärt Katrin Zagrosek im Gespräch. Die Festival-Intendantin wird die Musiktage in diesem Jahr allerdings verlassen, für sie endet damit eine langjährige und erfolgreiche „Beziehung“. Unter ihrer Leitung haben die Musiktage ein einmaliges Profil erhalten und sind zu einem der interessantesten Festivals in Deutschland herangewachsen.

Festivalleiterin Katrin Zagrosek
Festivalleiterin Katrin Zagrosek
Wie vielschichtig und vor allem spielerisch die Beziehungen von Kunst und Raum sein können, zeigt sich etwa im Park von Schloss Gifhorn. Im angrenzenden Park mit seinen uralten Bäumen, Wiesen und dem neu gestalteten Rosengarten treffen die Besucher am Eröffnungswochenende des Festivals unter dem Motto „Lustwandeln im Schlosspark mit Musik und Akrobatik“ auf Jongleure und Artisten, auf Pop, Jazz, Soul und Weltmusik.

„Der Raum, in dem sich die Musik ereignet, spielt eine grundlegende Rolle“, sagt Katrin Zagrosek. „Das ist nicht nur eine Frage der Besetzung und des musikalischen Genres, das wir hierfür aussuchen. Auch die Anlage der Veranstaltung orientiert sich an ihren Räumlichkeiten. Wir bespielen Landschaften und Naturräume – Flüsse, Seen, Alleen, Höhlen. Es gibt prinzipiell keinen Raum, den wir für musikalisch ungeeignet halten. Es gilt eher umgekehrt, die passende Musik für den spezifischen Rahmen zu finden.“

Welche Gegensätze sich aus diesem Ansatz erleben und entdecken lassen, zeigt das „Brass Battle“ in einer alten Industriehalle. Geht es in Gifhorn um die Verbindung von Natur, Geschichte und künstlerischem Zusammenspiel, prallen in Groß Ilsede im Landkreis Peine auf den ersten Blick Gegensätze aufeinander. In der alten Gebläsehalle des Industrieparks wurde früher bei bis zu 1200 Grad Celsius Roheisen produziert. Im Rahmen der Musiktage treffen hier nun zwei Bigbands aufeinander: die NDR Bigband und die Noordlimburgse Brassband. Beide Ensembles absolvieren zunächst einen Solo-Auftritt und treten dann ganz im Sinne eines „Brass Battle“ gegeneinander an.

Mit Concerto Köln und dem NDR Chor werden außerdem zwei international gefeierte Interpreten Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe in der St. Martini Kirche in Stadthagen aufführen. Gerade in diesem Werk treten die Beziehungen zu den alten italienischen Meistern zutage, aber auch die Anklänge an Bachs Kollegen der Barockzeit oder die Selbstzitate aus anderen Werken des großen Komponisten. In Stadthagen wird es weniger um den Ort als solchen gehen, sondern um das neue Wahrnehmen vermeintlich bekannter musikalischer Aspekte und darum, Bach als Meister der Verbindungen zu erleben.

Termine:

Niedersächsische Musiktage
1. bis 30. September Tel.: 0511/16 84 12

Diverse Orte
www.musiktage.de
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