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Olympia Tokio

„Die Gesundheit steht über allem“

Deutschlands Chef de Mission über die speziellen Herausforderungen der Tokio-Spiele, Medaillenchancen und Doping

Die deutschen Olympia-Starter wie der Slalom-Kanute Sideris Tasiadis (Foto) müssen nicht nur ihre Ziele, sondern auch die Hygieneregeln im Blick haben. FOTO: DPA

TOKIO – Dirk Schimmelpfennig (59) hatte im übertragenen Sinn die Schlüssel zur Stadt. Noch bevor der erste deutsche Sportler in Tokio das olympische Dorf betrat, hatte der Leistungssportchef des Deutschen Olympischen Sportbundes die Mannschaft zu den besonders beäugten Spielen in Japan angemeldet. Der frühere Cheftrainer und Sportdirektor des Deutschen Tischtennis-Bundes spricht über die Corona-Einschnitte, Medaillenerwartungen und die Ungewissheit im Anti-Doping-Kampf.

Berliner Morgenpost: Herr Schimmelpfennig, für Sie sind es die ersten Sommerspiele als Chef de Mission. Es wird ein nie dagewesenes Event – noch dazu ohne Zuschauer.

Dirk Schimmelpfenning: Ich hatte das Vergnügen, seit 1992 alle Sommerspiele mitzuerleben. Ehrlich gesagt, habe ich gedacht, dass Rio mit den Sanitäranlagen im olympischen Dorf der Höhepunkt an Herausforderungen gewesen wäre. Aber durch die Pandemie haben die Voraussetzungen eine andere Dimension erhalten. Es werden Spiele mit sehr starken Einschränkungen, es wird ein ganz anderes olympisches Gefühl als sonst geben.

Sie haben prägende, einflussreiche Vorgänger wie Walther Tröger und Ulrich Feldhoff, die als Grandseigneurs des deutschen Sports gelten. Wofür wollen Sie stehen?

Diese Rolle hat sich sicher verändert. Bei den berühmten Vorgängern war die Funktion eher von großem politischen Einfluss geprägt. Den Chef de Mission sehe ich heute in einer Sportmanagementfunktion. Mein Team und ich versuchen, den Teilmannschaften der einzelnen Spitzenverbände die besten Rahmenbedingungen zu bieten, damit unsere Athletinnen und Athleten ihre bestmöglichen Leistungen erreichen können.
Chef de Mission: Dirk Schimmelpfennig. F.: AFP
Chef de Mission: Dirk Schimmelpfennig. F.: AFP
Worauf freuen Sie sich bei diesen Spielen?

Vor allem auf den Sport. Es wurde eine Basis in der Pandemiezeit gefunden, um diese Spiele möglich zu machen. Diese Austragung ist jetzt mit unfassbar vielen zusätzlichen, aber auch zwingend erforderlichen Aufgaben für alle Beteiligten verbunden. Für uns ist das Wichtigste, dass unsere Athletinnen und Athleten in Tokio gesund sind und bleiben.

Muss Olympia denn unbedingt stattfinden?

Die Austragung betrachten wir als richtig und wichtig. Den Athletinnen und Athleten bietet sich die Möglichkeit, sich ihren olympischen Traum zu erfüllen, nur alle vier Jahre, mitunter auch nur einmal im Leben. Manche haben zudem vielleicht nur in diesem Jahr die Chance, eine Medaille zu gewinnen. Verantwortungsbewusst ausgetragene Spiele können das Signal aussenden, dass wir mit der Pandemie umgehen können.

Wie groß ist Ihr Vertrauen in die Schutzmaßnahmen, die das Organisationskomitee, aber auch der DOSB getroffen haben?

Die Überlegungen und Maßnahmen sind überzeugend. Das Entscheidende wird sein, dass wir sie zu 100 Prozent umsetzen. Wir gehen konsequent vier Schritte.

Welche sind das?

Die Impfung, die täglichen Schnelltests und die Überprüfung unseres Gesundheitszustandes vor Ort. Als Drittes werden wir Masken tragen und als Viertes auch im olympischen Dorf auf Abstand, Hygiene und Belüftung achten. Wir erwarten in Tokio eine gewisse Separierung, mit der wir Gefühle verlieren, die Olympische Spiele eigentlich ausmachen. Die Gesundheit steht dieses Mal auch über dem Zusammenkommen der Athleten aus aller Welt.

Es gab für Athletinnen und Athleten keine Impfpflicht – wie viele haben auf die Impfung verzichtet?

Wir gehen davon aus, dass das Team Deutschland deutlich mehr als 90 Prozent geimpft sein wird.

Und wenn nun doch jemand positiv getestet wird?

Auf diesen Fall sind wir vorbereitet. Zum Schutz aller Beteiligten vor dem Coronavirus ist es den Bewohnern des olympischen Dorfes erlaubt, das Dorf nur an Orte – vorrangig zum Training oder Wettkampf – zu verlassen, die schon Wochen vor den Spielen festgelegt und genehmigt wurden. Es ist nicht vorstellbar, dass nur einer über die Stränge schlägt und das Dorf verlässt. Verfehlungen werden empfindlich bestraft und können zum Entzug der Akkreditierung führen.

Dann werden es tatsächlich Spiele ohne Flair, wenn der Basketballer aus Deutschland nicht mit der Fechterin aus Frankreich und dem Schwimmer aus Südafrika essen oder gar feiern darf.

Wir haben mit unseren Athletinnen und Athleten vorab ausführlich über die Einschränkungen und Konsequenzen gesprochen. Die Sportler haben gesagt: Wenn es irgendeinen Weg gibt, diese Spiele auszutragen, müssen wir ihn gehen. Das klingt vielleicht sehr düster, aber im Sport sind wir gewohnt, dass die Regeln befolgt werden müssen. In Tokio kommen nun die Regeln der Corona-Schutzmaßnahmen hinzu.

2016 in Rio holte Deutschland 17 Mal Gold. Was erwarten Sie diesmal?

Das war eine sehr erfreuliche Bilanz. In der Summe war die Medaillenanzahl bei den vergangenen Spielen immer im Bereich von 40 plus. Die internationalen Prognosen sehen für uns diesmal ein etwas schlechteres Ergebnis mit acht bis zehn Medaillen weniger vor.

Manche versuchen, die Bilanz mit unerlaubten Methoden aufzubessern. Das Kontrollsystem ist unter der Corona-Last kollabiert. Werden es dreckige Spiele?

Wir haben für Tokio in der Tat diesmal eine größere Ungewissheit. In der Pandemie waren Dopingkontrollen teilweise sehr eingeschränkt möglich. Das führt zumindest zu mehr Skepsis.

Beim DOSB geht es gerade drunter und drüber, Präsident Alfons Hörmann wird nach Druck von außen nicht mehr als Präsident kandidieren. Ist es gut, dass er in Tokio als Delegationsleiter noch mal dabei ist?

Uns erwarten ganz besondere Herausforderungen und vielleicht auch Situationen, die wir heute noch nicht vorhersehen können. Da ist es hilfreich, sich auf eine so erfahrene und bewährte Delegationsleitung verlassen zu können. Es ist deshalb von Vorteil, dass Alfons Hörmann als unser auch von vielen Athletinnen und Athleten sehr geschätzter Präsident als Delegationsleiter fungiert. ANDREAS BERTEN

Medaillen fest im Blick

Die deutschen Hockey-Teams gehen wie immer sehr ambitioniert in das Turnier. Die Top-Favoriten auf Gold sind allerdings andere
Der Hamburger Tobias Hauke (l.) will die deutschen Männer in das Finale von Tokio führen. FOTO: FRANK UIJLENBROEK / DPA
Der Hamburger Tobias Hauke (l.) will die deutschen Männer in das Finale von Tokio führen. FOTO: FRANK UIJLENBROEK / DPA
TOKIO/HAMBURG – Eine Nachricht in der gemeinsamen WhatsApp-Gruppe oder ein einziger Gesichtsausdruck – mehr braucht es nicht, damit Tobias Hauke weiß, wie es Franzisca gerade geht. „Wir haben wahnsinnig viel zusammen erlebt und haben eine so enge Verbindung, dass wir uns auch ohne viele Worte verstehen“, sagt der 33-Jährige.

Trotzdem ist er glücklich darüber, dass er in den kommenden Wochen die Chance haben wird, viele Worte mit seiner zwei Jahre jüngeren Schwester wechseln zu können. Wenn auch nicht gemeinsam, aber doch immerhin Seite an Seite treten die Haukes bei den Olympischen Spielen in Tokio für die deutschen Hockeyteams an – und wollen zum Abschluss ihrer olympischen Karrieren den Erfolg von Rio, als sie 2016 beide mit einer Bronzemedaille nach Hamburg zurückkehrten, wiederholen. Oder toppen.

„Ich erwarte von den Männern eine Medaille“, sagt Franzisca Hauke, die für Deutschland und in der Bundesliga für den Harvestehuder THC ebenso im Mittelfeld aufläuft wie ihr Bruder. Der sagt: „Der Olympiasieg ist für die Frauen absolut möglich, eine Medaille das realistische Ziel.“ Ehrgeiz und Klarheit sowohl in Aktionen als auch in der Ansprache ist etwas, das beide auszeichnet. Tobias führt die deutschen Männer als Kapitän an, auch Franzisca, die alle nur Sissy nennen, ist Führungsspielerin.

Spätestens seit sie bei der EM Anfang Juni in den Niederlanden beide Silber gewannen – sowohl Frauen als auch Männer unterlagen im Endspiel den Gastgeberteams –, ist der Glaube an eine Olympiamedaille tief verwurzelt. Gespielt wird pro Geschlecht in zwei Sechsergruppen, aus denen die jeweils besten vier Teams das Viertelfinale erreichen. Die Männer eröffnen die Vorrunde am Sonnabend (12 Uhr) gegen Kanada, weitere Gegner sind Weltmeister Belgien (Mo., 2.30 Uhr), Großbritannien (Di., 5.15 Uhr), Südafrika (Do., 4.45 Uhr) und die Niederlande (Fr., 13.45 Uhr). Die Frauen starten am Sonntag (2.30 Uhr) gegen Rio-Olympiasieger Großbritannien, es folgen Indien (Mo., 14.15 Uhr), Irland (Mi., 5.15 Uhr), Südafrika (Fr., 2.30 Uhr) und die Niederlande (31. Juli, 11.30 Uhr).

Uneins sind sich die Geschwister lediglich bei der Herangehensweise an ihre letzten Spiele. „Ich mache mir sehr bewusst, dass es mein letztes Mal Olympia sein wird, weil mir das hilft, und sehe es als meine Aufgabe an, dem Team und mir diese Freude auch bewusst zu machen“, sagt Franzisca. Tobias versucht, persönlichen Emotionen nicht zu viel Raum zu geben. „Das olympische Motto Dabeisein ist alles war nie meins. Ich bin Erfolg gewöhnt und habe großen Respekt davor, niemals das Wesentliche aus den Augen zu verlieren. Und das ist der Erfolg der Mannschaft“, sagt er.

Die Favoritenrolle gerade zu Pandemie-Zeiten ist schwer zuzuordnen. Der WM-Champion und Rio-Zweite Belgien verlor im Juni das EM-Halbfinale im Penaltyschießen gegen die Niederlande. Die aufstrebenden Inder könnten für eine Überraschung gut sein. Bei den Frauen ist die Spitze zuletzt zusammengerückt, obwohl Welt- und Europameister Niederlande weiter als Top-Anwärter auf Gold gilt. Doch das deutsche Team hat ebenso großes Potenzial. B. Jensen

Kommentar: Eine verdiente Bühne

Alexandra Gross über die außergewöhnlichsten Sommerspiele
„Die Gesundheit steht über allem“ Image 1
Nun sind sie tatsächlich eröffnet, die Spiele der XXXII. Olympiade. Für die Athleten, die Protagonisten des größten Sportfestes der Welt, geht eine 15-monatige Hängepartie zu Ende. Eine entbehrungsreiche Zeit des Trainierens ohne Gewissheit für ihre Zukunft. Nicht wenige Sportler mussten aufgrund existenzieller Nöte ihren großen Traum von Olympia hinter der beruflichen Absicherung anstellen. Für Tausende Athleten aber hat sich der Vorhang in den kommenden 16 Tagen auf der Weltbühne des Sports gehoben.

Die überwiegende Mehrheit der Athleten hat es sich so gewünscht. Das darf man bei aller berechtigter Kritik an dem Risiko-Event und dem mulmigen Gefühl, das einen begleitet, nicht außer Acht lassen. Denn es sind die Sportler, die bei Olympia für große emotionale Momente sorgen, die als überragende oder überraschende Sieger in die Geschichte eingehen, die als traurige Verlierer unsere Herzen berühren. Es wird Dramen geben, völlig unbekannte Menschen werden ins Rampenlicht drängen und bewegende Geschichten zu erzählen haben.

Ja, trotz Abwesenheit von Zuschauern und höchster Sicherheits- und Hygienevorschriften wird es zu Corona-Infektionen kommen, dazu gesellt sich womöglich das eine oder andere Skandälchen im Umfeld von IOC oder OK. Das hat uns die Geschichte des Weltsportfests gelehrt. Es werden auf jeden Fall die außergewöhnlichsten Olympischen Spiele der Neuzeit.

Die Tatsache, dass keine Zuschauer zugelassen sind, schmälert die Leistungen der Athleten aber keineswegs. Jeder einzelne Teilnehmer hat Respekt verdient ob seiner Hingabe für die maximale Leistung. Und Anerkennung für den harten Weg dorthin. Wer nicht nur vom Sofa aus urteilt, wird dem beipflichten.

Es wurde viel geschrieben und geschimpft, Geisterspiele seien tote Spiele, Olympia ein Superspreader-Ereignis. Auch die Macher wissen: Es wird im Fokus der Weltöffentlichkeit ein Drahtseilakt. Eine Absage aber wäre nicht nur ein Schlag ins Gesicht der Athleten gewesen, die nur alle vier - oder jetzt fünf - Jahre die verdiente Aufmerksamkeit erhalten.

Für das IOC ist Olympia ein Milliarden-Geschäft, dank TV-Geldern und Sponsoren. Bleibt das Geld aus, würden internationale Verbände und Nationale Olympische Komitees in Not geraten. Sie profitieren von den Einnahmen, die ein essenzieller Teil der gesamten Sport-Förderung sind. Und damit wichtig für die Medaillen, über die wir uns so freuen.

Helden der Hauptstadt – Das große Olympia-Special

„Die Gesundheit steht über allem“ Image 2
BERLIN – Conrad Scheibner muss sich noch ein wenig gedulden. Karolina Pahlitzsch ebenfalls. Und auch Theo Reinhardt und Annika Schleu haben noch ein paar Tage vor sich, bevor es ernst wird. Die vier Berliner starten ihr Abenteuer Olympia erst in der zweiten Woche. Für einige andere wie die Handballer um Füchse-Kapitän Paul Drux oder die Hockey-Nationalmannschaft mit Martin Häner geht’s hingegen schon am Sonnabend los. Was sie aber alle vereint: Sie leben ihren Traum.

Tokio, die Olympischen Sommerspiele, das weltgrößte Sportevent – darüber haben Scheibner, Drux und Co. in den vergangenen drei Monaten im Podcast „Helden der Hauptstadt“ gesprochen. Und passend zur Eröffnung der Spiele gibt’s in der neuen Folge ein „Best of“ der bisherigen Helden.

Mit Hockeyspieler Martin Häner (32), der seine Karriere nach Tokio beenden will, weil er „gemerkt hat, dass es langsam reicht“. Zum Abschluss soll es für den Olympiasieger von 2012 und den Bronzemedaillengewinner von 2016 gern noch mal was Glänzendes sein. „Ich war zweimal dabei, hab zweimal eine Medaille geholt, also darf es beim dritten Mal auch gern wieder eine Medaille werden.“

Mit Wasserspringer Patrick Hausding (32), der ebenfalls seine letzten Spiele erlebt und bei der Eröffnungsfeier die deutsche Fahne tragen durfte. Mit Handballer Drux, für den Olympia „immer ein großes Ziel“ war, für das er auch auf eine längere Sommerpause verzichtet. Mit Sprinterin Lisa Kwayie, die über 200 Meter an den Start geht, aber auch mit der 4x100-Meter-Staffel liebäugelt, „weil man da endlich mal dieses Teamgefühl hat, mit drei Mädels ein gemeinsames Ziel erreichen kann.“

Mit 400-Meter-Spezialistin Karolina Pahlitzsch, die sich unbedingt noch einen Platz im Quartett sichern will. Mit Bogenschützin Lisa Unruh, die den Silber-Erfolg von 2016 wiederholen möchte. Mit Schwimmerin Leonie Kullmann, die trotz ihrer erst 21 Jahre schon ihre zweiten Sommerspiele erlebt und ein klares Ziel mit der 4x200-Meter-Staffel Freistil hat: „Wir sind vier schnelle Mädels und wollen in die Top Acht schwimmen.“

Auch Bahnradfahrer Theo Reinhardt ist mit dabei, für den „Olympia das Größte ist, was man erreichen kann“. Nicht zu vergessen: Kanute Scheibner, der seine Olympia-Premiere erlebt und den Traum vom Gold im C1 im Gepäck hat. Er sagt: „Irgendwann ist die olympische Flamme in mir angegangen.“

Nicht fehlen darf das Experten-Wissen für die Olympia-Wochen – inklusive TV-Hinweise, um die Auftritte der Berliner nicht zu verpassen. Zu hören unter morgenpost.de/podcast, osp-berlin.de/podcasts, bei Spotify und überall, wo es Podcasts gibt. Inga Böddeling

Berliner Geschke erster Corona-Fall im deutschen Team

TOKIO – Die deutsche Olympia-Mannschaft musste am Abend der Eröffnungsfeier in Tokio ihren ersten Corona-Fall verkünden. Der Radsportler Simon Geschke (Berlin) ist positiv auf das Virus getestet worden. Der 35-Jährige war zunächst im täglichen Antigen-Test positiv aufgefallen, ein anschließender PCR-Test verifizierte das Ergebnis. Geschke hätte am Sonnabend im Straßenrennen als Helfer von Maximilian Schachmann (Berlin) an den Start gehen sollen. „Das ist wirklich hart, so kurz vor dem Wettbewerb aus dem Rennen genommen zu werden. Ich habe alle Hygieneregeln nach bestem Wissen und Gewissen eingehalten“, sagte Geschke. „Ich fühle mich körperlich gut, emotional ist das ein schwarzer Tag für mich.“ Der Start seines Zimmerkollegen Emanuel Buchmann war zunächst noch offen. dpa
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