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Themenwelten Berliner Morgenpost
Olympia Tokio

Mit Stil und Respekt

Japans Kaiser Naruhito eröffnet die Olympischen Spiele von Tokio, die als besondere in die Geschichte eingehen

Beachvolleyballspielerin Laura Ludwig (r.) und Wasserspringer Patrick Hausding tragen die deutsche Fahne ins Olympiastadion von Tokio. FOTO: MORRY GASH / DPA

TOKIO – Eröffnungsfeiern im Zeichen der fünf Ringe sind für gewöhnlich ein Hochfest des nationalen Pathos. Man braucht sich keiner übertriebenen Selbstdarstellung zu schämen. Bombast und Kitsch? Es gibt nicht genug davon.

Wem bisher nicht geläufig war, welch vornehme Zurückhaltung Japan auszeichnet, ist nun geholfen. Tokio feierte eine knapp vierstündige Zeremonie mit Dezenz und Stil, mit der die Spiele der XXXII. Olympiade um 364 Tage verspätet und ohne den Beifall Tausender Zuschauer freigegeben wurden. Es war, begleitet von einzelnen Protesten außerhalb des Tokioter Nationalstadions, der gebührende Respekt vor der Beklemmung durch die Pandemie. Wäre dem nicht so, man könnte glatt annehmen, die olympische Welt befände sich in einem Wandel. Doch das tut sie nicht.

Deutsches Team läuft erst an 115. Stelle ins Stadion ein

Pomp und Protz werden zurückkehren, wenn das Coronavirus erst mal gewichen ist. Bollernde Musik, spektakuläre Feuerwerke werden wiederkommen – der Glanz in den Augen der Athletinnen und Athleten ist zum Glück geblieben. Olympia ist und bleibt das größte Friedensspektakel der Welt, auch wenn es in den nun folgenden zweieinhalb Wochen vor allem um den Wettkampf der Nationen geht, deren Ehrgeiz dem Medaillenspiegel gilt. „Heute ist ein Tag der Hoffnung“, sagte der deutsche IOC-Präsident Thomas Bach, „ja, es ist ganz anders, als wir es uns vorgestellt haben. Aber lasst uns diesen Moment wertschätzen, weil wir endlich alle zusammen hier sind.“
Das Feuerwerk im Olympiastadion fällt zur Eröffnung der Spiele ungewöhnlich dezent aus. FOTO: SWEN PFÖRTNER / DPA
Das Feuerwerk im Olympiastadion fällt zur Eröffnung der Spiele ungewöhnlich dezent aus. FOTO: SWEN PFÖRTNER / DPA
„Moving forward“ – vorwärts gehen. Das Credo der Olympischen und Paralympischen Spiele ist angelehnt an das Motto „Schneller, höher, stärker“. Es muss immer weitergehen. Das gilt vor allem für die Tokio-Spiele. Noch ist unklar, wie das Riesensportfest mit 339 Entscheidungen die steigenden Inzidenzzahlen verkraften wird.

Deswegen besuchten aus den 205 vertretenen Nationen auch weniger Sportler als gewöhnlich die Zeremonie. Nur 6000 der 11.000 Athletinnen und Athleten waren im Stadion, gut davon 100 aus Deutschland. Ehe sie zügig die Arena verließen, drückte viele die schwüle Hitze in eine Sitzposition auf dem Boden des Stadions, während sonst nur der Schweiß lief. Beachvolleyballerin Laura Ludwig und Wasserspringer Patrick Hausding führten das schwarzrotgoldene Team D – wegen der phonetischen Reihenfolge im japanischen Alphabet erstmals erst an 115. Stelle – ins Rund, aus dem unter normalen Umständen 68.000 Besucher ein Tollhaus gemacht hätten. Skurril, wie die Einmarschierenden trotz der gefühlten Leere um sie herum die Handys zückten. Es fehlten winkende und fähnchenschwenkende Zuschauer, mit dabei waren doch nur gut 900 VIPs, doppelt so viele Journalisten und eine Scharr an freiwilligen Helfern.

Für gewöhnlich ist die sündenhaft teure Eröffnung das liebste Propagandamittel des IOC: Seht her, wir sind alle vereint. Fahnenträger und sonstige Sportler von allen Kontinenten erfahren die gleiche Ehrerbietung. In Tokio gilt dies für Stars wie Jamaikas Sprinterin Shelly-Ann Fraser-Pryce und Südafrikas Schwimm-Held Chad Le Clos wie für Taciana Cesar, Judoka aus Guinea-Bissau, oder Sulemanu Tetteh, Boxer aus Ghana.
Kaiser Naruhito (r.) erklärt die Spiele für eröffnet. FOTO: DPA
Kaiser Naruhito (r.) erklärt die Spiele für eröffnet. FOTO: DPA
Ein Hingucker beim Einmarsch war erneut Pita Taufatofua, der wie schon 2016 in Rio de Janeiro und 2018 in Pyeongchang halbnackt mit eingeölter Brust ins Stadion kam. Der 37 Jahre alte „Coconut Fighter“ trug wieder die Fahne von Tonga und beeindruckte mit seinem durchtrainierten Oberkörper. Mit seinem Outfit war er aber nicht allein: Auch Ruderer Rii Riilio aus Vanuatu kam mit freiem Oberkörper, Bastrock und Flip-Flops an den Füßen in die Arena.

Die Welt vereint, symbolisiert auch durch das Flüchtlingsteam, das die in Hamburg trainierende syrische Schwimmerin Yusra Mardini anführte. Olympia wirft alle vier Jahre auch Schlaglichter auf Länder wie St. Vincent und die Grenadinen oder Kiribati. Und allmählich verankert sich auch Russlands neue Sportflagge in den Köpfen der Zuschauer: Ob unter dem Banner des IOC aber wirklich sämtliche Staatsgedopte Putins aussortiert wurden?

Die Atmosphäre bei olympischen Auftaktshows stellt häufig ein Abbild der Weltlage dar. Nach den Terroranschlägen auf die USA am 11. September 2001 lagen ein paar Monate später Scharfschützen auf dem Dach des Stadions von Salt Lake City. Lug und Betrug überschatteten die Dopingspiele von Sotschi 2014 – wenige Tage nach deren Ende marschierte Russland auf der Krim ein. 2018 überraschten Doppelgänger der Staatschef-Selbstdarsteller Donald Trump und Kim Jong-un die Stadionbesucher in Pyeongchang – ihre Originale hatten sich Wochen zuvor noch mit Atomraketen bedroht.

Dass nun in Tokio wenige Raketen in den Himmel stiegen, zarte japanische Klänge die kulturelle Aufarbeitung der traditionellen Volksfeste Matsuri begleiteten, es erst im zweiten Teil poppiger, lauter wurde, zeugte von Harmonie und Demut gegenüber der Ungewissheit, was Corona mit diesen Sommerspielen noch machen wird.

Japans Kaiser Naruhito erklärte die Spiele um 23.13 Uhr Ortszeit offiziell für eröffnet. Das olympische Feuer brennt, entzündet durch Tennis-Star Naomi Osaka. Der erstmals mit Wasserstoff gefüllte Behälter symbolisiert eine Sonne. In den vergangenen 121 Tagen hatten etwa 10.000 Menschen die Flamme über eine Strecke von rund 2000 Kilometern quer durch Japan getragen.

Zwei Athleten wegen Dopings von Spielen ausgeschlossen

Die Fahne weht mithilfe von Ventilatoren. „Ihr habt vor großen Herausforderungen bei eurer olympischen Reise gestanden“, sagte IOC-Chef Bach an die Adresse der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. „Ihr habt gekämpft, durchgehalten und niemals aufgegeben. Und heute lasst ihr euren Olympia-Traum wahr werden.“ Der Eid ist gesprochen und schon gebrochen: Zwei Leichtathleten aus der Schweiz und Südafrika wurden wegen Dopings kurz vor den Spielen ausgeschlossen. Was hoffentlich in den nächsten 16 Tagen bleibt, sind das Lachen, die Fröhlichkeit und die Träume. Es wäre gut, wenn es nicht allzu sehr um anderes als Siege und Niederlagen ginge. ANDREAS BERTEN

Die Mission beginnt

Deutsche Handballer fiebern dem Auftakt gegen Europameister Spanien entgegen. Die Konkurrenz auf dem Weg zur angestrebten Medaille ist riesig
Rückraumspieler Paul Drux ist der einzige Berliner in der deutschen Olympia-Auswahl. Und er hat große Ziele. FOTO: DANIEL KARMANN / DPA 
Rückraumspieler Paul Drux ist der einzige Berliner in der deutschen Olympia-Auswahl. Und er hat große Ziele. FOTO: DANIEL KARMANN / DPA
 
TOKIO – Nach dem kurzen Anschwitzen im Yoyogi National Stadium von Tokio sprudelte es aus Uwe Gensheimer heraus. „Es herrscht eine sehr, sehr große Vorfreude, dass die Spiele jetzt endlich beginnen“, sagte der Kapitän der deutschen Handball-Nationalmannschaft. Pünktlich zum Start der olympischen Medaillenmission könnte die Laune unter den DHB-Stars kaum besser sein.

„Wir sind gut drauf“, verkündete Bundestrainer Alfred Gislason nach dem 45-minütigen Abschlusstraining. Und genau das wollen Gensheimer und Co. im Auftaktspiel am Sonnabend (9.15 Uhr, ZDF und Eurosport) gegen Europameister Spanien beweisen. Mit einem Sieg könnte das deutsche Team in der schweren Vorrundengruppe A, in der es unter anderem noch gegen Rekordweltmeister Frankreich und den EM-Dritten Norwegen geht, die Weichen gleich auf Viertelfinale stellen.

Erklärtes Ziel der deutschen Mannschaft in Tokio ist das Erreichen der Medaillenspiele, nicht bloß Verbandsvize Bob Hanning („Traum von Olympiagold lebt“) träumt sogar vom ganz großen Wurf. „Ich finde es völlig in Ordnung, sich hohe Ziele zu setzen“, sagte Rückraumspieler Paul Drux (26), „und wenn du Bronze gewinnst, dann kannst du auch Gold gewinnen.“

Drux, als einziger Profi des Bundesligisten Füchse Berlin dabei, ist wie Gensheimer einer von zehn Nationalspielern im aktuellen deutschen Kader, die schon beim Gewinn der Bronzemedaille vor fünf Jahren in Rio den Janeiro dabei waren. Zu gern würden sie nach Gold 1980 in Moskau (DDR-Team) sowie Silber 1984 in Los Angeles und 2004 in Athen nun das fünfte deutsche Edelmetall holen. Auf dem Weg dahin könnte eine erfolgreiche Gruppenphase elementaren Charakter haben. Denn nur mit einer vorderen Platzierung dürfte man einem Viertelfinal-Duell mit Topfavorit und Titelverteidiger Dänemark sowie Vize-Weltmeister Schweden aus dem Weg gehen. Für das große Ziel Halbfinale, rechnete Gislason vor, wisse man, „dass wir dafür schon in der Gruppe ein oder mehrere große Teams schlagen müssen“.

Bundestrainer Gislason erlebt seine dritten Sommerspiele

Anfangen will die DHB-Auswahl damit schon gegen Spanien. „Es ist extrem wichtig bei so einem Turnier, wie man da reinkommt“, sagte Gislason. Für den Isländer sind es nach zwei Teilnahmen als Spieler bereits die dritten Sommerspiele. „Die Vorfreude ist bei allen sehr groß und auch bei mir“, sagt er. Doch auch die Fallhöhe ist in Asien erstmals in Gislasons Amtszeit recht groß. Anders als bei der WM im Januar, als der Trainer-Fuchs bei seinem ersten Turnier für den DHB wegen vieler Absagen mit stumpferen Waffen kämpfte und am Ende nur den historisch schlechten zwölften Platz erreichte, geht Gislason nun mit dem (nahezu) besten Kader auf Medaillenjagd. Abgesehen von Patrick Wiencek und dem Berliner Fabian Wiede sind keine schwerwiegenden Ausfälle zu verkraften.

Entsprechend groß ist die Zuversicht. Die Iberer, sagte Gensheimer, seien zwar „kein einfacher Gegner“, er habe aber „das Gefühl, dass wir gut vorbereitet sind“. Das letzte Aufeinandertreffen der beiden Teams bei der WM im Januar verlor die DHB-Auswahl (28:32), auch bei der EM 2020 gab es eine Niederlage (26:33). „Sie sind gespickt mit Spielern, die so gut wie alle in der Champions League spielen“, sagte Gislason: „Trotzdem werden wir alles dafür tun, sie diesmal zu schlagen.“ sid

Olympia 2036: Robert Harting für Bewerbung Berlins

Diskus-Olympiasieger Robert Harting würde es „peinlich und feige“ finden, wenn Deutschland sich nicht mit Berlin um die Olympischen Spiele 2036 bewirbt. In seiner Kolumne für t-online.de prangerte der 36-Jährige das fehlende Engagement der „entscheidenden Personen im deutschen Sport“ an. „Diese Sommerspiele müssen 100 Jahre nach den Nazi-Spielen unbedingt in die deutsche Hauptstadt. Wenn man rund um den Globus einmal kurz nachdenkt, ist es die weltpolitische Aufgabe des IOC, die Spiele nach Berlin zu vergeben.“

Die Welt käme dann an einem Ort zusammen, „an dem sie vor 100 Jahren nie hätte sein dürfen“. Deutschland könne zeigen, was es seitdem erreicht, wie es sich weiterentwickelt habe. „All die Errungenschaften, sei es das politische System, die Einigkeit oder die Vielfalt in Leistungsträgerschichten – all das würde man wegwerfen“, sagte Harting. Olympia würde der Hauptstadt „so viele Chancen“ bieten. dpa

Nachrichten

RUDERN
Schulze und Doppelvierer müssen in den Hoffnungslauf

Der deutsche Doppelvierer mit Karl Schulze vom Berliner RC hat keinen guten Start in die Spiele von Tokio erlebt. Als Letzter beendete das Boot seinen Vorlauf am Freitag, muss nun am Sonntag in den Hoffnungslauf und dort eines der beiden besten Boote werden, um ins Finale zu kommen. Der Doppelvierer der Frauen ist mit einem Vorlaufsieg in den Endlauf gefahren. Im Einer zog Weltmeister Oliver Zeidler als Vorlaufsieger in das Viertelfinale ein. BM
BOGENSCHIESSEN
Kein Mixed-Start für Berliner Ehepaar Unruh

Lisa Unruh hat die Chance auf den erhofften gemeinsamen Olympiaeinsatz mit Ehemann Florian vergeben. Die Silbermedaillengewinnerin von Rio belegte in der Qualifikation am Freitag mit 647 Ringen nur den 26. Platz und startet damit nicht im Mixed-Wettbewerb am Sonnabend. Den Platz an der Seite von Florian Unruh sicherte sich Michelle Kroppen, die mit 655 Ringen Elfte wurde. „Ich hätte mir mehr gewünscht“, sagte Lisa Unruh. sid
REITEN
Alle Pferde des Dressur-Teams bestehen Verfassungsprüfung

Die Pferde des deutschen Dressur-Teams haben die Verfassungsprüfung bestanden. Bei der tierärztlichen Untersuchung gab es am Freitag keine Probleme. „Unsere Pferde sind topfit und haben sich sehr, sehr gut präsentiert“, sagte Bundestrainerin Monica Theodorescu. Startreiterin im Grand Prix ist am Sonnabend Jessica von Bredow-Werndl mit Dalera. Am Sonntag reiten Dorothee Schneider mit Showtime und Isabell Werth mit Bella Rose. dpa
FERNSEH-TIPP
Olympia-Entscheidungen im ZDF, Union-Test bei Sport 1

ZDF 5.30 Uhr: Olympische Spiele in Tokio, u. a. Radsport, Männer, Straßenrennen; Handball, Männer, Deutschland - Spanien; Hockey, Männer, Kanada - Deutschland; Rudern, Schwimmen (auch bei Eurosport). Sport1 16 Uhr: Fußball, Testspiel, 1. FC Union - OGC Nizza. 20.30 Uhr: Fußball, Zweite Liga, 1. Spieltag, Werder Bremen - Hannover. RTL 16.30 Uhr: Fußball, Testspiel, Bayern München - Ajax Amsterdam.
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