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Ausbildung & Studium 2020/2021

Hightech fürs Ohr

Hörakustiker brauchen Fingerspitzengefühl – und das gleich in doppelter Hinsicht

Das Handwerk ist in den Hintergrund gerückt, Hörgeräte sind heute Hightechinstrumente. FOTO: PHOENIXNS / ISTOCK

SIMONE JACOBIUS

„Wie bitte, was hast du gesagt? Sprich doch mal lauter.“ Wenn diese Sätze fallen, hat das fast immer eines zu bedeuten: Das Gehör lässt nach. Und das muss nicht erst im hohen Alter geschehen. Immer jünger werden die Kunden, die zu Hörakustikermeister Patrick Löser kommen. Häufig melden sich schon 45- bis 50-Jährige bei ihm. Obwohl viele Menschen sich noch immer nicht trauen, ihre Hörschwäche zuzugeben.

Schon Kant wusste: „Nicht sehen können, trennt den Menschen von Dingen – nicht hören können, von den Menschen.“ Damit hat er recht: Wer gar nicht mehr oder schlechter hören kann, der nimmt seine Umgebung nicht mehr richtig wahr und zieht sich zurück. Genau da können Hörakustiker eingreifen und den Menschen zu mehr Lebensqualität und Gesundheit verhelfen.

In Deutschland gibt es etwa 5,4 Millionen Menschen mit einer indizierten Schwerhörigkeit. Tendenz steigend. Schwerhörigkeit zählt zu den zehn häufigsten gesundheitlichen Problemen. Rund 6600 Hörakustikerbetriebe und etwa 15.000 Hörakustiker versorgen bereits rund 3,7 Millionen Menschen in Deutschland mit hochwertigen, volldigitalen Hörsystemen. „Die Zukunft ist für junge Hörakustiker sicher, denn hier herrscht nahezu Vollbeschäftigung“, sagt Hans-Jürgen Bührer, Vizepräsident der Bundesinnung der Hörakustiker (biha). So haben am Tag ihrer Freisprechung fast alle Absolventen bereits ihren Arbeitsvertrag in der Tasche. Der Beruf des Hörakustikers hat sich als eine gute Alternative zum klassischen Medizinstudium etabliert, wobei ein vertiefendes Studium im Anschluss an die Ausbildung ebenfalls nicht ausgeschlossen ist. 3200 Auszubildende gibt es derzeit deutschlandweit. Allein 1000 haben im vergangenen Jahr begonnen – und das, obwohl die Ausbildung durchaus als anspruchsvoll gelten kann. Doch die Zahl der Auszubildenden ist längst nicht ausreichend in Anbetracht der älter werdenden Gesellschaft.

„Die Zukunft für junge Hörakustiker ist sicher, denn hier herrscht nahezu Vollbeschäftigung.“

Hans-Jürgen Bührer
Bundesinnung der Hörakustiker

Als „Mischpulte in Miniaturformat“ bezeichnet der Inhaber des in Alt-Köpenick angesiedelten Geschäftes „Hörproblem-Löser“ die heutigen Hörgeräte. Denn statt des Handwerks steht mittlerweile die Technik im Vordergrund. Auch die Ausbildung hat sich vor ein paar Jahren dieser Entwicklung angepasst: Aus dem Hörgeräteakustiker wurde 2016 der Hörakustiker.

In der Regel verschwinden die leisen Töne und die hohen Frequenzen zuerst. Daher sollte man bei den ersten Anzeichen zum Hörakustiker gehen. Derzeit wird das erste Hörgerät im Schnitt erst zehn Jahre nach Eintreten der ersten Hörminderungen angepasst. In dieser Zeit habe das Gehör längst seine Fähigkeiten verlernt und muss erst langsam und über längere Zeit wieder mit der Hörhilfe trainiert werden.

Zu den Aufgabengebieten eines Hörakustikers gehören Hörtests, Beratungen, Ohrabdrücke, Anpassung und Einstellung der Geräte und Kleinstreparaturen. Ganz oben steht die Kundenbetreuung. „Wenn man gerne mit Menschen zu tun hat und über Einfühlungsvermögen verfügt, kann ich den Beruf nur empfehlen“, sagt Löser. Denn die Dankbarkeit der schwerhörigen Kunden, die plötzlich wieder hören könnten, sei einfach überwältigend, meint er.

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In der Berufsschule wird auch das nötige Fachwissen in Psychologie vermittelt. Für viele Kunden ist es ein sensibles Thema, das ganz ungerechtfertigt mit Gebrechlichkeit und Alter in Verbindung gebracht wird. Da ist Fingerspitzengefühl gefragt. Bewerber, die reichlich gesucht werden, sollten darüber hinaus mindestens den Mittleren Schulabschluss besitzen, geschickt und technikaffin sein und Interesse an Mathe und Physik haben. So wie Laura, die bei „Hörproblem-Löser“ ihre Ausbildung absolviert hat und seit 2016 als Gesellin für zufriedene Kunden sorgt.
Gute Perspektiven für Hörakustiker: Nicht nur Senioren, auch jüngere Menschen zählen zu den Kunden. FOTO:DARUNECHKA/ ISTOCK
Gute Perspektiven für Hörakustiker: Nicht nur Senioren, auch jüngere Menschen zählen zu den Kunden. FOTO:DARUNECHKA/ ISTOCK
Da es in ganz Deutschland nur einen Ausbildungsort, die Landesberufsschule für Hörakustik (www.lbs-hoerakustik.de) in Lübeck gibt, findet die theoretische Lehrewährend der dreijährigen Ausbildung in acht Blöcken zu je vier Wochen vor Ort statt – mit Unterbringung auf dem Campus. Das Internat kostet Geld, wird jedoch bezuschusst. Und die Ausbildung ist nicht einfach. Die Durchfallquote liegt bei etwa 24 Prozent. 758 Auszubildende haben es dennoch im vergangenen Sommer geschafft und erhielten bei der größten Freisprechungszeremonie im Gesundheitswesen ihre Gesellenbriefe.

Hörakustiker, das ist eine eine Ausbildung mit Zukunft und ganz nah am Menschen, bei der man nie auslernt und die viele Einsatzmöglichkeiten bietet – auch in der Industrie.

Info

Ausbildungsdauer: 3 Jahre
Empf. Schulabschluss: Mittlerer Schulabschluss(MSA)
Ausbildungsgehalt: 1. Jahr 515 Euro, 2. Jahr 611 Euro, 3. Jahr 695 Euro
Einstiegsgehalt: ca. 1700 Euro
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