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Extra: Toplagen in Berlins Westen

Berlins Westen: Milieuschutz für Berlins Klausenerkiez

Zilles Zeiten sind vorbei. Die Häuser im Klausenerkiez sind renoviert, in vielen Hinterhöfen sind Neubauten entstanden. Ein geschichtsträchtiger Kiez im Wandel

Schöne Lage: Etwa 580 Wohneinheiten entstehen gerade am Heubnerweg direkt neben dem Schlosspark, darunter sind 450 Mietwohnungen. Preis noch unbekannt. FOTO: ZIEGERT – Bank- und Immobilienconsulting GmbH

Theresia Baldus 

Ein Bummel durch den Klausenerkiez ist eine recht idyllische Sache. Man wandelt durch Straßenzüge mit behutsam aufgehübschten Altbauten, schlendert über den von Hortensien gesäumten Platz und kehrt zwischendurch in nette kleine Kneipen ein. Die Gegend unweit des Schlosses hat sich ihren Charme bewahrt, sie ist schön, aber nicht aufgemotzt. Dennoch führen auch hier steigende Immobilienpreise zur Verdrängung.

Doch niemand, der nicht muss, zieht gerne weg aus diesem geschichtsträchtigen Kiez, in dem es häufig um Wohnraum ging. So hat einst, bis zu seinem Tod 1929, Heinrich Zille hier gelebt. Der Maler wurde bekannt für seine Abbildungen des „Berliner Milljöhs“, der Hinterhöfe und Mietskasernen der Arbeiterviertel. Seine Inspirationen holte er sich oft in seiner Nachbarschaft. Aber auch in der jüngeren Geschichte spielte das Areal am Schloss immer wieder herausragende Rollen. In den 1970er-Jahren tobte hier der Häuserkampf, nachdem viele Hinterhöfe und Seitenflügel abgerissen und Bewohner verdrängt wurden. So kam es, dass im Kiez im Jahr 1973 unter dem Motto „Sanierung ohne Verdrängung“ die erste Berliner Mieterinitiative gegründet wurde. Acht Jahre später wurde an der Ecke Neufert-/ Nehringstraße das erste Haus in Charlottenburg besetzt.
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Schon in den 1980er-Jahren fanden die Menschen hier nur mit viel Glück oder Beziehungen eine Bleibe. Damals prägte ein Nebeneinander von Sozialschwachen, Migranten und Öko-Aktivisten das Bild im Kiez. Doch wer es sich leisten konnte, schickte seine Kinder lieber in eine Schule in den Nachbarbezirken – die Gegend um den Klausenerplatz stand im Ruf, keine besonders sichere Gegend für Familien mit Kindern zu sein. Das tat dem Wir-Gefühl jedoch kaum einen Abbruch, bis heute schätzen die meisten Anwohner ihr Milljöh.

Mietraum zu Eigentum
Ein geschichtsträchtiger Kiez, der vielleicht bald unter Milieuschutz gestellt wird. FOTO: THERESIA BALDUS
Ein geschichtsträchtiger Kiez, der vielleicht bald unter Milieuschutz gestellt wird. FOTO: THERESIA BALDUS
Die meisten Auszüge geschehen deshalb auch eher unfreiwillig, weil die Immobilienpreise gestiegen sind. Die Menschen werden verdrängt, weil sie sich die Mieten nicht mehr leisten können oder weil ihre Bleibe in eine Eigentumswohnung umgewandelt wird. Zum Kauf haben sie aber nicht die Mittel.

Für die Politik ist diese Entwicklung im Klausenerkiez ein Alarmsignal. Bereits im letzten Jahr legte Stadtentwicklungsstadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) daher einen Aufstellungsbeschluss für ein Milieuschutzgebiet rund um den Klausenerplatz vor. „Der Verdrängungsdruck aufgrund von Veräußerungen, Umwandlungen und Modernisierungen ist groß“, sagt er. Ziel der Milieuschutzverordnung ist es, zu verhindern, dass sich die Zusammensetzung der Bevölkerung stark verändert. Sie soll die Bewohner vor allem vor Umwandlungen von Miet-in Eigentumswohnungen schützen. Noch ist aber nicht klar, ob der Milieuschutz wirklich kommt. Zurzeit wird ein Gutachten erstellt, Schruoffeneger erwartet das Ergebnis demnächst.

Beim Rundgang durch die Straßen sind die Veränderungen moderat zu spüren. Viele alteingesessene Läden sind noch immer an derselben Stelle. Der Brotgarten, Berlins erster Bio-Bäcker, verkauft dort seine Schrippen seit 41 Jahren. Einen Block weiter bietet Ebert Schuhe seit 1948 Reitstiefel an. Aber zwischendrin finden sich mehr und mehr schicke Boutiquen und Bars. Die Veränderung zeigt sich außerdem auf den Immobilienportalen, auf denen sanierte Wohnungen für mehr als 6000 Euro pro Quadratmeter sowie „luxuriöse Penthouses“ zum Kauf angeboten werden.

Neubau am Schloss

Die wohl größte städtebauliche Veränderung aber findet nördlich des Spandauer Damms statt. Am Heubnerweg am Schlosspark entstehen 14 Häuser mit knapp 580 Einheiten. Die Eigentumswohnungen werden vom Berliner Makler Ziegert im Schnitt für rund 7500 Euro pro Quadratmeter angeboten. Allerdings werden nur 130 Wohnungen verkauft. Rund 450 Wohnungen werden vermietet. Die Preise sind noch nicht bekannt. Weitere 77 Mietwohnungen baut die degewo vis-à-vis in der Pulsstraße. Allerdings sind sie nicht gefördert und kosten daher 12,50 Euro kalt pro Quadratmeter.
  
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