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Themenwelten Berliner Morgenpost
EXTRA: NEUBAUPROJEKTE

Der beschauliche Stadtrand bekommt Zuwachs

In Steglitz-Zehlendorf entstehen in vielen Kiezen spannende Neubauprojekte privater und kommunaler Auftraggeber. Darunter prominente Baustellen, wie der Steglitzer Kreisel, und Pläne für völlig neue Wohnviertel. Ein Blick in den Südwesten Berlins

Die neuen Bewohner der „Lankwitzer Höfen“ werden noch in diesem Jahr einziehen können. FOTO: BONAVA

In den vergangenen Monaten war es auffällig ruhig rund um den Steglitzer Kreisel. Jenem ebenso markanten wie geschichtsträchtigen Hochhauskomplex an der Schloßstraße, dessen 118 Meter hoher Turm bis auf das Gerippe entkernt wurde. Manch einer befürchtete schon, die Arbeiten an dem entkernten Gebäude wären eingestellt worden – und Berlin bliebe auf einer Ruine sitzen. Doch jüngst konnten solche Zweifel zerstreut werden.

Dass sich lange nichts zu tun schien, lag an der branchenüblichen Winterpause. Die nun fortgesetzten Arbeiten geschehen zudem vornehmlich im Inneren des Gebäudes. „Derzeit erfolgen weiterhin die umfangreichen Korrosionsschutzarbeiten am Stahlträgerwerk des Gebäudes. Des Weiteren werden im Inneren des Gebäudes die Abbrucharbeiten fortgesetzt, bevor wir zeitnah mit der Deckenertüchtigung der Etagendecken beginnen. Dort werden die Stahlträger ausgetauscht und anschließend neuer Aufbeton aufgebracht“, erklärt Matteo Twerenbold, Kommunikationsdirektor der Consus Real Estate. „All diese Arbeiten finden im Gebäudeinneren statt, sodass diese von der Straße aus nicht beobachtet werden können“, sagt der Pressesprecher – und erklärt so, warum sich augenscheinlich nichts und tatsächlich doch sehr viel tut.
Investitionsbank Berlin
Am Kreisel brummt es also wieder. Auch und vor allem in den kommenden Monaten, wenn nicht nur der Turm, sondern auch die dazugehörigen Sockelbauten saniert und erweitert werden. „Hinsichtlich des Sockels wird aktuell noch Baurecht geschaffen“, sagt Twerenbold. „Hier können wir derzeit keine seriöse zeitliche Prognose für einen Beginn der Arbeiten abgeben. Die Planung der Arbeiten wird so erfolgen, dass die Belastungen für das Umfeld so gering wie möglich ausfallen“, verspricht er. Bislang wurde etwa die Hälfte der Eigentumswohnungen verkauft. Angebote gibt es noch in sämtlichen Preiskategorien und (Höhen-)Lagen. Die 330 Appartements sind zwischen einem und sechs Zimmern groß und messen zwischen 53 und 230 Quadratmeter. Die Wohnungen in den oberen Stockwerken erstrecken sich zumeist über zwei Etagen. Der Kaufpreis startet bei 418.000 Euro. Kaufanfrage können über www.ueberlin-tower.de gestellt werden.
Der zukünftige Wohntower am Steglitzer Kreisel: Etwa die Hälfte der geplanten Eigentumswohnungen ist bereits verkauft. FOTO: FUCHSHUBER ARCHITEKTEN
Der zukünftige Wohntower am Steglitzer Kreisel: Etwa die Hälfte der geplanten Eigentumswohnungen ist bereits verkauft. FOTO: FUCHSHUBER ARCHITEKTEN
Nicht ganz so berühmt wie der Steglitzer Kreisel, zumindest aber unter Liebhabern sogenannter „Lost Places“ äußerst bekannt, ist das ehemalige Institut für Anatomie der Freien Universität Berlin. Die Dahlemer Ruine wollte der Discounterriese Aldi eigentlich abreißen und auf dem Gelände einen neuen Markt bauen lassen. Nach anhaltenden Auseinandersetzungen mit dem Bezirk fand man Ende vergangenen Jahres ein für beide Seiten zufriedenstellendes Modell, das auch schon an anderen Orten in der Stadt erprobt wurde: die Kombination von Einkaufsmarkt im Erdgeschoss und darüberliegenden Wohnungen. Der Plan umfasst 106 Wohnungen, von denen einige preisgebunden sein werden, auch Appartements für Studierende der Freien Universität Berlin sind vorgesehen. Die Arbeiten sollen demnächst beginnen.

„Neulichterfelde“ soll Berlins jüngster Ortsteil werden

Neue Eigentumswohnungen entstehen auch in Lankwitz und Lichterfelde. Die ersten Bewohner der „Lankwitzer Höfe“ mit ihren 143 Wohnungen (107 Eigentum, 36 geförderte Mietwohnungen) sollen voraussichtlich noch in diesem Jahr einziehen können. Der Projektentwickler Bonava rechnet spätestens Anfang 2022 mit der endgültigen Fertigstellung. In Lichterfelde an der Billy-Wilder-Promenade wird zudem aktuell ein Neubau mit 71 Wohnungen realisiert. Sie sind zwischen einem und vier Zimmern groß und von einem großzügigen Garten umgeben. Kaufpreis: ab 290.000 Euro. Die Vermarktung übernimmt der Bauträger, die Project Immobilien, selbst. Bezugsfertig ist das „Billy Wilder Living“ voraussichtlich im ersten Quartal 2023.

Auf der anderen Seite des Teltowkanals wird in deutlich größeren Maßstäben gedacht: Unterhalb des Bahnhofs Lichterfelde Süd sollen sowohl westlich als auch östlich der Bahntrasse ganz neue Wohngebiete entstehen. Westlich der Trasse will die MHMI Immobilien-Verwaltungen GmbH eine „Wohnschlange“ mit 200 Appartements, davon 30 Prozent geförderter Wohnungsbau, realisieren. Doch dafür gilt es noch einige Hürden zu nehmen: Auf dem Areal liegen aktuell noch Schienen, zudem nisten dort streng geschützte Zauneidechsen. Auch eine Lärmschutzwand und eine Erschließungsstraße fehlen bislang. Der Bezirk erarbeitet aktuell einen Bebauungsplan. Erst, wenn dieser steht, wird der Investor einen Bauantrag stellen können.

Östlich des Bahnhofes ist man da schon weiter. Auch wenn die Baugenehmigung noch aussteht, plant die Groth Gruppe mit einem Baustart noch in diesem Jahr. Auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz der US-Armee soll ein gänzlich neues Viertel mit bis zu 2500 Wohnungen entstehen, darunter Sozialwohnungen, Miet- und Eigentumswohnungen, rund 420 Reihenhäuser sowie mehrere Kindertagesstätten, eine Schule, Büros, Arztpraxen und Nahversorgungsgeschäfte. Das Projekt reüssiert unter dem Namen „Neulichterfelde“. Auf der dazu passenden Website finden sich detaillierte Informationen zu „Berlins jüngstem Ortsteil“.

Ein kleines neues Wohnviertel ist auch an der Stadtgrenze auf dem zweieinhalb Hektar großen Areal rund um die ehemalige Teltow Werft an der Sachtlebenstraße in Zehlendorf geplant. Dort will die Baywobau vor allem Eigentumswohnungen und Townhäuser, aber auch einige neue Mietwohnungen bauen lassen. Details stehen noch aus. Die ersten Entwürfe des Potsdamer Architekturbüro Axthelm Rolvien zeigen moderne Stadthäuser inmitten schönster Natur. Auch die denkmalgeschützten Gebäude der Werft sollen in die Pläne integriert werden.

Berlins kommunale Wohnungsunternehmen sind ebenfalls im Südwesten äußerst aktiv. Die Degewo realisiert gleich mehrere Projekte: An der Dessauer Straße werden bis Anfang 2022 260 neue Wohnungen fertiggestellt. Der Quadratmeterpreis startet ab günstigen 6,50 Euro. Geplant sind weiterhin eine große Wohngruppe und eine kleine Kindertagesstätte mit 25 Plätzen. Ebenfalls bis Anfang 2022 lässt die Degewo an der Mudra-/Ecke Malteser Straße weitere 182 Wohnungen bauen. Hier handelt es sich größtenteils um Seniorenwohnungen. Im Durchschnitt wird der Quadratmeter zehn, gefördert 6,50 Euro kosten. Noch in Planung ist das Projekt im Wiesenschlag in Nikolassee (212 Mietwohnungen, 50 Prozent gefördert). Hier läuft derzeit das Bebauungsplanverfahren. Im Herbst startet die Howoge zudem in Zusammenarbeit mit der Allgemeinen Bauträgergesellschaft ihr Projekt an der Fischerhüttenstraße. 2023 sollen am Zehlendorfer Waldrand 130 neue Wohnungen, darunter 65 geförderte, entstehen. Auch hier ist eine Kita mit 50 Plätzen geplant. MAX MÜLLER

„Bauträger bauen nicht nach Schema F“

Homeoffice und Lockdown stellen neue Anforderungen an unseren Wohnraum. Ein Expertengespräch über flexible Grundrisse, tote Räume und die Lust aufs Umland
Dr. Clemens Paschke ist Geschäftsführer der Ziegert EverEstate GmbH. ZIEGERT EVERESTATE GMBH
Dr. Clemens Paschke ist Geschäftsführer der Ziegert EverEstate GmbH. ZIEGERT EVERESTATE GMBH
Berliner Morgenpost: Herr Paschke, seit gut einem Jahr verändert das Corona-Virus unseren Alltag, vor allem den der Arbeitnehmenden. Sie erledigen ihre Aufgaben größtenteils im Homeoffice. Nun ist genau das mit begrenzter Zimmeranzahl, ohne eigenes Büro, schwierig. Die Menschen wünschen sich Platz für ihre Berufstätigkeit. Spiegelt sich das in den Nachfragen nach Wohnimmobilien wider? Wollen die Menschen ein Zimmer mehr?

Clemens Paschke: Das Virus verändert den Alltag, nachhaltig. Wir werden künftig ein neues Arbeiten erleben, ein flexibleres Arbeiten. Denn seit sich sowohl die Arbeitgeber als auch die Arbeitnehmer wegen des Corona-Lockdowns mit Homeoffice auseinandergesetzt haben, merken sie, dass es viele Vorteile hat. Die Mitarbeiter können zu Hause konzentrierter arbeiten, effizienter. Ich denke, dass sich in Zukunft eine Mischform aus Arbeiten im Büro und im Homeoffice etablieren wird, das wird das „New Normal“. Büros werden aber nicht gänzlich verschwinden. Daraus folgt: Ja, der Anspruch an den Wohnraum hat sich geändert, die Leute brauchen zu Hause die Möglichkeit zu arbeiten. Im Idealfall haben sie dafür ein eigens Zimmer. Wer es sich leisten kann, sucht also eine größere Wohnung.

Derzeit geht der Trend hin zum Wohnen am Stadtrand, im Umland. Ist das bereits eine Folge davon? Denn weiter draußen bekommt man fürs gleiche Geld genau dieses Zimmer mehr im Vergleich zur Innenstadt.

Der Trend, im Grünen leben zu wollen, begann schon vor der Pandemie. Der Freizeitwert draußen ist schließlich hoch. Corona hat den Suburbanisierungstrend jedoch verstärkt. Aber selbstverständlich ist es an den Rändern auch günstiger, man bekommt in der Tat mehr Quadratmeter fürs gleiche Geld. Nun erleben wir die Flexibilisierung und Digitalisierung der Arbeit, die verstärkte Nutzung des Homeoffice. Somit fallen lange Pendelzeiten in die Innenstadt weg. Und daher ist das Umland ein Gewinner der Krise, es hat deutlich an Attraktivität gewonnen. Es erreicht nun auch Zielgruppen, die sich früher nicht vorstellen konnten, weiter weg zu wohnen, etwa wegen langer Wegstrecken zur Arbeit.

Es gibt aber immer auch noch genügend Menschen, die zentral, urban wohnen wollen. Sofern sie sich aber keine große Wohnung mit Platz für ein Büro dort leisten können: Welche Lösungen sind dann möglich?

Sofern man nur zwei, drei Tage zu Hause arbeitet, reicht vielleicht eine adäquate arbeitstechnische Lösung, zum Beispiel ein halbes statt ein ganzes Zimmer oder gar nur eine abtrennbare Arbeitsnische.

Beachten die Architekten und Projektentwickler dies aktuell bei ihren Planungen?

Ja. Die Bauträger bauen nicht nach Schema F. Sie gehen natürlich auf die geänderten Anforderungen ein. Sie flexibilisieren die Grundrissmöglichkeiten, schaffen Multifunktionsräume, die nicht mehr, wie gewohnt, einer statischen Nutzung unterliegen, sondern zu verschiedenen Tageszeiten unterschiedlich genutzt werden.

Das heißt: Tagsüber Büro, abends klappt man den Schreibtisch weg? Wie genau muss man sich das vorstellen?

Es gibt diverse Möglichkeiten, etwa Einbaumöbel, die weg- oder dazugeklappt werden. Man kann auch schlicht ein Regal als Raumtrenner aufstellen oder mit Licht verschiedene Zonen schaffen. Selbstverständlich muss dennoch eine gewisse Abgeschlossenheit existieren, man sollte nicht noch abends auf den Schreibtisch gucken. Das Entscheidende ist, dass man offen dafür ist, grundsätzlich neu zu denken: Nämlich, dass ein Raum nicht nur acht Stunden genutzt wird, abends macht man ihn zu, er ist wie tot. Das große Thema lautet: Flexibilisierung von Wohnraum.

In den letzten Jahren ging der Trend in den Metropolen hin zu kompakteren Wohneinheiten. Schon aufgrund der Preise wird dieser sicher anhalten. Wie bringt man nun beides unter einen Hut?

Reden wir über einen Neubau: Da kann man optimieren. Dann plant man keine Flurfläche ein, dafür eine große Wohnküche, die für alle Zwecke genutzt werden kann, und hat immer noch Platz für Bäder und weitere ausreichend große Zimmer.

Mit welcher Größe ist ein Zimmer ausreichend groß?

Mit 14 bis 18 Quadratmetern. Ab einer Größe von 14 Quadratmetern kann man schon multifunktionale Lösungen umsetzen.

Das ist also die Zukunft? In den Städten wohnt man tendenziell auf weniger Raum und zudem flexibler, nutzt einzelne Zimmer für verschiedene Zwecke?

In den Städten beobachten wir den Verdichtungscharakter schon seit Jahrzehnten, er wird anhalten. Weil Wohnraum knapper und teurer wird. Schauen Sie auf die großen Metropolen in der Welt wie New York oder London: Da wird das sehr deutlich. Wer indes mehr Platz haben will, zieht in die Randbezirke oder ins Umland. THERESIA BALDUS
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