Anzeige
Themenwelten Berliner Morgenpost
Extra: Genossenschaften

Genossenschaften in der Zwickmühle

Dauerwohnrecht, stabile Mieten und ein solidarisches Miteinander: Genossenschaftliches Wohnen bietet viele Vorteile. Doch wer Mitglied werden will, muss mit langen Wartezeiten rechnen. Das Wohnungsangebot ist begrenzt

Zu den jungen Genossenschaften, die neu gebaut haben, zählt die Möckernkiez eG. Zu ihr gehören rund 500 Wohnungen. FOTO: JÖRN KÄSEBIER

Max Müller 

Als die Pläne des Berliner Senats für den Mietendeckel bekannt wurden, geschah etwas Eigenartiges: Die sonst zurückhaltenden Wohnbaugenossenschaften erhoben empört die Stimme. Ihr Aufschrei war so deutlich, dass er weithin in der Berliner Medienlandschaft zu vernehmen war. Und er verebbte auch nicht, sondern wurde fortgetragen: durch eine großangelegte öffentliche Kampagne.

Fehlende Einnahmen

Das Problem: Der Mietendeckel trifft auch diejenigen, die eigentlich die Mieten kleinhalten, ihren Bestand pflegen und so bauen, dass die entstehenden Wohnungen für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich sind.

„Die Wohnungsgenossenschaften erfreuen sich großer Beliebtheit, können aber bei Weitem nicht allen Interessenten eine Wohnung anbieten.“

Barbara von Neumann-Cosel, Mitarbeiterin der Geschäftsführung des Genossenschaftsforum e. V.

Denn die neuen Regelungen schränken die Wohnungsbaugenossenschaften dabei ein, das Nutzungsentgelt zu erhöhen und bei Neuvermietung mehr zu verlangen. In dem vom Mietendeckel anvisierten Zeitraum von fünf Jahren entsprechen die Ausfälle einer Millionensumme, die eigentlich in den Neubau und die Bestandserhaltung fließen sollte, sagt Frank Schrecker, Vorstand bei der „Berolina“ und Sprecher der Wohnungsbaugenossenschaften Berlins. Vorsorglich kündigten einige Wohnbaugenossenschaften bereits an, ihr Engagement zu überprüfen oder den Neubau sogar auszusetzen. Noch Mitte Januar verhandelte man mit den politisch Verantwortlichen über eine Ausnahmegenehmigung für gemeinwohlorientierte Vermieter. Vergebens. Der Senat will den ohnehin umstrittenen und juristisch womöglich angreifbaren Mietendeckel nicht gefährden. Eine bittere Pille für die Wohnbaugenossenschaften.

Von ihnen gibt es in der Hauptstadt 100 mit mehr als 200.000 Wohnungen und mindestens 300.000 Mitgliedern. Sie stehen für solidarisches Wirtschaften und blicken zurück auf eine mehr als 130-jährige Erfolgsgeschichte. Dazu trägt bei, dass Mitglieder ein verbrieftes Dauerwohnrecht haben. Das Nutzungsentgelt bleibt in der Regel stabil. Die Objekte sind spekulationsfrei, man braucht keine Angst vor dem Verkauf oder einer Eigenbedarfskündigung haben.
Wohnungsbaugenossenschaften
„Zudem stehen Genossenschaften für ein solidarisches Miteinander“, betont Barbara von Neumann-Cosel vom Genossenschaftsforum e. V. Das Angebot reicht von Gemeinschaftsräumen über die Freizeitgestaltung bis hin zur persönlichen Betreuung. „Einige Genossenschaften beschäftigen beispielsweise Sozialarbeiter“, führt von Neumann-Cosel an. Bei den Wohnbaugenossenschaften geht es um das gemeinschaftliche Wirtschaften bei gleichzeitigem Kontroll- und Mitspracherecht.

„Die Wohnungsgenossenschaften erfreuen sich großer Beliebtheit“, sagt von Neumann-Cosel, „können aber bei Weitem nicht allen Interessenten eine Wohnung anbieten.“ In Berlin können bei den 27 großen Genossenschaften, die sich zu einer Imagekampagne zusammengeschlossen haben, jährlich gerade einmal 2.500 Wohnungen an Neumitglieder vermittelt werden. Es fehlt an Bauland. Der Senat, grundsätzlich bereit, die Genossenschaften zu fördern, hat eigentlich angekündigt, Grundstücke zu prüfen und die Genossenschaften bei ihrer Suche zu unterstützen. Bis heute konnte allerdings keine einzige Fläche vermittelt werden. Deshalb hat sich die Genossenschaftsseite auch von den „Wohnungsgenossenschaftlichen Dialogen“ mit Senatorin Katrin Lompscher (Linke) zurückgezogen.

Schwerer Start

Besonders bei neugegründeten Genossenschaften, die anders als alteingesessene Unternehmen erst einmal eine solide finanzielle Grundlage aufbauen müssen, gibt es immense Hürden für den Neubau. Sie brauchen nicht nur bezahlbares Bauland, sondern müssen auch die Baukosten finanzieren. Das führt zu teuren Genossenschaftsanteilen. So mussten zuletzt Neumitglieder der Kreuzberger Genossenschaft im Möckernkiez für eine 50 Quadratmeter große Wohnung bis zu 46.000 Euro zahlen. „Dazu kommt dann noch das monatliche Entgelt, das summiert sich“, so von Neumann-Cosel.

Immerhin, das Thema ist auf der Agenda – und die Genossenschaften sind wieder stärker im Gespräch. Jetzt ist es an der Berliner Politik – ähnlich wie in anderen Großstädten –, den gesetzlichen Rahmen anzupassen und so die Erfolgsgeschichte der Genossenschaften fortzuführen.

Solidarität

Wer in einer Genossenschaftswohnung lebt, ist Mieter und Eigentümer zugleich. Die Nutzungsverträge mit der Wohnungsbaugenossenschaft (WBG) entsprechen in weiten Teilen Mietverträgen. Allerdings bekommt man nur als Mitglied einer Genossenschaft eine Wohnung, die Mitglieder halten wiederum Anteile an der WBG. Als Teileigentümer bestimmen sie mit, wie die WGB ihr Geld einsetzt. Dieses kann in den Neubau von Wohnungen fließen, in die Sanierung des Bestandes oder auch in die Unterstützung von Mitgliedern, die Hilfe benötigen.
Weitere Artikel