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Wohnen & Gestalten

Mit sanfter Härte

Marmor und Beton zeigen nicht nur als Baustoffe, was sie können. Stein ist auch in der Inneneinrichtung gefragter denn je

In Kombination mit Textilien und Farben verliert Beton seine industriellen Wurzeln, behält aber seine raue Coolness. FOTO: EXPERIENCEINTERIORS; BELCHONOCK / ISTOCK

So richtig weg war Marmor nie, schließlich erfreut sich der Einrichtungsstil der 50er- und 60er-Jahre seit geraumer Zeit großer Beliebtheit. Hinzu kommt in diesem Jahr ein Faible für das opulent-luxuriöse Design des klassischen Hollywoods. Entsprechend zeigen die Hersteller auf den Möbelmessen von Köln bis Mailand Sessel mit abgerundeten Kanten, Kupferleuchten oder Marmortische.

Für die Berliner Innenarchitektin Britta Weißer ist Marmor als Material zeitlos. Schon antike Bauwerke wie die Akropolis bestehen aus Marmor. Ehrenstatuen im Römischen Reich waren ebenfalls aus dem in vielen Farben verfügbaren Naturstein. „Auf der Mailänder Möbelmesse sah man Marmor oft in Verbindung mit Messing oder Kupfer. Diese Verbindung hat einen Retro-Charakter für mich“, sagt Weißer. Doch Marmor kann auch modern wirken. Zum Beispiel, wenn die Firma e15 Couchtische aus Marmorplatte und farbigen Zylindern als Fuß kombiniert.
Für Einsteiger: Accessoires aus Beton setzen moderne Akzente. FOTO: OLGA_ALEKSIEIEVA / ISTOCK
Für Einsteiger: Accessoires aus Beton setzen moderne Akzente. FOTO: OLGA_ALEKSIEIEVA / ISTOCK
Wie in der Antike wird Marmor heute noch in Steinbrüchen in Griechenland, Italien, Spanien, Portugal und der Türkei abgebaut. Nach wie vor ist er ein edles Material, erklärt Weißer: „Sobald der Marmor in sehr großen Platten verarbeitet wird, zum Beispiel zu raumhohen Elementen im Bad, wird es sehr kostspielig. Damit er nicht bricht, muss er dicker geschnitten werden. Auch aus massiven Blöcken herausgearbeitete Waschbecken oder Badewannen sind der Inbegriff des Luxus, da das sehr aufwendig und teuer ist.“ Es geht aber auch günstiger: Fliesenformate in Standardgrößen wie 40 mal 40 Zentimeter sind nicht teurer als hochwertige Wandfliesen.

Dank moderner Technik kann Marmor heute ganz anders verarbeitet werden als in der Antike. „Heute kann man Naturstein sehr dünn schneiden und auf Wabenplatten aus Alu ähnlich wie ein Furnier kaschieren“, sagt Weißer. „Das wird zum Beispiel zur Verkleidung in Aufzügen genutzt, da es sehr leicht ist.“

Elegant und praktisch: Beton in der Küche. FOTO: P WEI / ISTOCK
Elegant und praktisch: Beton in der Küche. FOTO: P WEI / ISTOCK
Doch woher kommt die neue Begeisterung für das alte Material? Die britische Designerin Bethan Gray, die ihren Esstisch „Carve“ mit einer von Hand bearbeiteten Marmorplatte versah und auch Wohnaccessoires aus Marmor herstellt, glaubt, dass es etwas mit einer Werteverschiebung der Verbraucher zu tun hat. Sie investieren wieder in wertvolle, dauerhafte Materialien anstatt sich mit minderwertigen Billigmöbeln zu umgeben. „Ich denke, dass der Trend mit dem Wert des Materials an sich zu tun hat, was in den vergangenen Jahren eine wichtige Erwägung für den Verbraucher geworden ist“, sagte sie dem Design-Portal „Dezeen“. „Die Menschen sind bereit, in qualitativ hochwertige Naturmaterialien zu investieren, die lange halten, aber sie haben auch hohe Ansprüche.“ Hinzu kommt, dass auch nördlich des Mittelmeers zunehmend mildere Temperaturen das Bedürfnis nach kühlenden Wohnmaterialien wecken, die das allgegenwärtige gemütliche Holz immer häufiger ablösen.

Marmor steht für Luxus, braucht aber Pflege

Wer sich allerdings mit Marmor einrichtet, der sollte ihn auch pfleglich behandeln. Der Stein darf nicht mit scharfen Mitteln gereinigt werden, da er empfindlich auf Säuren reagiert. Vorsicht ist daher bei Früchten, Essig oder Wein geboten. „Flecken sollten schnell mit einem feuchten Lappen entfernt werden, damit sie nicht in den Stein eindringen“, sagt Weißer. Im Vergleich zu Granit ist Marmor auch deutlich weicher und anfälliger für Kratzer. Es gibt bestimmte Pflegemittel für Naturstein und auch die Möglichkeit, ihn zu imprägnieren.
 
Bereits in der Antike schätzten die Römer die Beschaffenheit und Haptik von Marmor. Heute zeigen Entwürfe wie die „Camo“-Tische von Neo/Craft, dass dem Stein mühelos der Sprung ins Jetzt gelingt. FOTO: STEFFEN FREILING
Bereits in der Antike schätzten die Römer die Beschaffenheit und Haptik von Marmor. Heute zeigen Entwürfe wie die „Camo“-Tische von Neo/Craft, dass dem Stein mühelos der Sprung ins Jetzt gelingt. FOTO: STEFFEN FREILING
Ein ähnliches Comeback feiert der coole Bruder des Marmors: Beton galt lange als rein industrieller Baustoff für Gebäudehüllen, als Markenzeichen moderner Architektur des 20. Jahrhunderts. Dabei geht seine Verwendung schon auf die alten Römer zurück, die bereits vor 2000 Jahren mit Beton bauten. Erste Mörtelgemische, die bei Ausgrabungen in der Türkei gefunden wurden, sind sogar noch älter. Nach dem Untergang des Römischen Reiches geriet der Baustoff in Vergessenheit und erlebte erst wieder im 19. Jahrhundert eine Renaissance im Bau.

Was für vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten Beton im Inneneinrichtungsdesign bietet, zeigen aktuelle Architekturprojekte. Ob Bäder, Arbeitsplatten für Küchen, Böden oder Wände, glatt, strukturiert oder farbig: Den Einsatz- und Gestaltungsmöglichkeiten sind kaum Grenzen gesetzt.

Aufgrund seiner flüssigen Struktur lässt sich Beton in fast alle erdenklichen Formen gießen. Um ihn herzustellen, werden Zement aus Kalkstein und Ton mit Sand oder Kies und Wasser vermischt. Die flüssige Mischung wird in eine Schalform gegossen, beim Aushärten bindet der Beton ab und wird fest. Diese Eigenschaft nutzen Designer wie der Brite Benjamin Hubert, um zum Beispiel Leuchten wie die Serie „Heavy Light“ zu entwerfen. Im Retro-Look kommen die farbigen Beton-Schreibtischutensilien der Serie „Swell“ von Petite Friture daher. Sie zeigen, wie wandelbar das Material ist und welch vielfältige Verwendung es zulässt. Judith Jenner
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