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Themenwelten Berliner Morgenpost
EXTRA: TRAUMHAUS

Von der Hütte zum Hochhaus

Stein auf Stein – das muss nicht sein. Immer häufiger kommt Holz als Baumaterial zum Einsatz. In Berlin zeigen einige Projekte, wie gut die uralte Bauweise ins Heute passt

Außen harmonisch, innen nachhaltig: Die Holzkonstruktion des Mehrfamilienhauses „e3“ in der Esmarchstraße wurde von außen verputzt und fügt sich ins Straßenbild. FOTOS: BERND BORCHARDT (2)

Eine rustikale Blockhütte am See – sie ist der Traum vieler Großstädter vom einfachen, naturnahen, entschleunigten Leben. Daran wird sich sicherlich so schnell nichts ändern. Was sich indes ändert: Holz findet sich zunehmend im urbanen Raum, auch Mehrfamilienhäuser werden sich künftig mehr und mehr etablieren. Selbst Hochhäuser in Holzbeziehungsweise Holzhybridbauweise sind jetzt möglich. In der Schöneberger Straße in Kreuzberg soll demnächst sogar das höchste Holzhaus Deutschlands entstehen. 98 Meter wird das „Woho“ in die Höhe ragen, 29 Geschosse zählen. Ein weiteres Projekt der Superlative ist das in der Nähe des früheren Flughafens Tegel entstehende „Schuhmacher Quartier“ mit rund 5000 Wohnungen für mehr als 10.000 Menschen. Es soll die weltweit größte Holzstadt werden. Vorhaben dieser Größenordnung haben Symbolcharakter. Man liest davon in der Zeitung. Die Begeisterung ist groß. Sie könnten den ökologischen Paradigmenwechsel in der Stadt einleiten. Dabei haben zukunftsorientierte Architekten den Baustoff Holz schon vor rund 15 Jahren zurück in die Stadt geholt.
UNGER-Park Musterhausausstellung
Vorreiter in Berlin war Tom Kaden, einer der Geschäftsführer des Architekturbüros Kaden+Lager. Bereits 2006 entwarfen die Planer (damals noch unter dem Namen Kaden Klingbeil) in der Esmarchstraße in Prenzlauer Berg ein siebengeschossiges Haus aus Holz. Damals war das ein Novum. Die Öffentlichkeit war baff. Bei einer Begehung der Baustelle Ende 2007 kamen mehr als 1000 Besucher. Schließlich hätte ein so hohes Holzhaus nach der Berliner Bauordnung gar nicht gebaut werden dürfen. Das Architekturbüro erwirkte für das Projekt „e3“ gewisse Befreiungen von der Bauordnung. „Gemeinsam mit Ingenieuren und Brandschutzgutachtern konnten wir belegen, dass das Haus genauso sicher ist wie ein konventionelles“, sagt Tom Kaden. Noch mehrmals in den Jahren danach konstruierten die Planer Mehrfamilienhäuser aus Holz außerhalb der Berliner Bauordnung. Erst 2018 wurde diese dann modifiziert. Der Weg für den mehrgeschossigen Holzbau in Berlin war geebnet.
Viele interessante Projekte sind in den vergangenen Jahren entstanden. Ein Kiezspaziergang überzeugt davon. Den kann man entweder auf eigene Faust unternehmen. Besser ist aber eventuell eine geführte Tour, wie sie zum Beispiel von den Architekturführern TicketB oder von den Organisatoren des Holzbau Atlas Berlin-Brandenburg angeboten werden. Eine gute Möglichkeit dazu bietet der „Berliner Tag der Architektur“ am 26. und 27. Juni. Denn man sollte schon wissen, wo genau man hinzugehen hat. Beim zufälligen Vorbeigehen erkennt man ein Holzhaus oft nämlich gar nicht als solches – weil es keine Holzfassade hat. Das Holz wurde für die Konstruktion genutzt, außen ist es verputzt.

Holz erzeugt ein behagliches und gesundes Raumklima

So gingen Tom Kaden und sein Team etwa beim Projekt „e3“ vor, ebenfalls beim einige Jahre später errichteten „c13“ in der Christburger Straße in Prenzlauer Berg. Der Laie sieht von außen wenig Holz. Dabei ist das siebengeschossige Vorderhaus sogar in Massivholzbauweise errichtet, das etwas niedrigere Hinterhaus besteht aus einer Holzrahmenkonstruktion. Andere Bauten des Planungsbüros haben hingegen eine Holzfassade, etwa das „uh – Urbaner Holzbau“ in Berlin-Adlershof. Die drei Wohnhäuser zeigen sich in einer grauen sogenannten Wechselfalz-Holzschalung. „Ein Haus sollte sich städtebaulich in die Umgebung einfügen“, meint Tom Kaden. „In der Innenstadt, zwischen Steinhäusern, sehe ich eine Holzfassade unter gestalterischen Gesichtspunkten als eher unpassend an“, sagt er. Anderswo hingegen ergebe sich ein harmonisches Bild.

Aber warum überhaupt Holz als Baustoff? Insbesondere, wenn er von außen nicht erkennbar ist. Die Antwort ist einfach: Bauen mit Holz leistet einen Beitrag zum Umweltschutz. Holz ist der einzige nachwachsende Rohstoff, die CO2-Bilanz ist hervorragend. „In Deutschland verfügen wir über ein großes Potenzial an Holzvorräten. Eine ausgewogene Waldnutzung stärkt die Forstwirtschaft bei Aufbau und Pflege des Bestandes“, sagt Ingo Kern. Kern ist Inhaber des Architekturbüros „Neues gesundes Bauen“. Seit rund zehn Jahren plant er Ein- und Mehrfamilienhäuser aus Holz vornehmlich in Berlin und Brandenburg. Außerdem, so Kern, steigere Holz den Wohnkomfort, weil es ein gutes Raumklima erzeugt. „Holz kann Feuchtigkeit speichern und wieder abgeben.“ Holz steht somit für Behaglichkeit und Wärme, gerade weil es „lebt“. Ein Holzhaus ist, da jeder Baum individuell ist, ebenso individuell, ein Unikat in Farbe, Textur und Maserung. Zudem ist der Rohstoff ein dauerhaftes Material. Die Unterhaltskosten für ein Holzhaus sind wegen des niedrigeren Energieverbrauchs günstiger. Außerdem ist Holz leistungsfähig, schon aufgrund seines geringen Eigengewichts. Nicht ohne Grund ist es ein uralter, früher häufig eingesetzter Baustoff. Doch irgendwann wurde er, vor allem in urbanen Räumen, durch Beton und andere Materialien ersetzt. Man will immer so günstig wie möglich bauen. Und da steht Holz aktuell nun mal nicht an oberster Stelle. Rund zehn Prozent mehr müsse man für ein Holzhaus kalkulieren, sagt Kern. Dennoch hat der Architekt sehr gut zu tun. Die Menschen wollen einen Beitrag zum Umweltschutz leisten und gesund sowie behaglich wohnen. Da sind die Mehrkosten nicht relevant. „Sie kaufen ja auch im Supermarkt den 50 Cent teureren Schokoladenaufstrich, wenn dieser ohne Palmöl hergestellt wurde.“

Es entstehen Theater und Universitäten in Holzbauweise

Außerdem „amortisierten sich die Baukosten wegen der geringeren Energiekosten nach einigen Jahren“, sagt Kern. Im Übrigen könnte sich das Thema mit den höheren Baupreisen sowieso bald erledigt haben. Die Verantwortlichen des „Schumacher Quartiers“ nahe dem ehemaligen Flughafen TXL beschäftigen sich genau damit: Durch zum Beispiel standardisierte Baukörper wollen sie die Baukosten von Holzhäusern so weit senken, dass sie preislich mit Gebäuden aus Stein konkurrieren können. Es spricht also viel für Holzkonstruktionen.

Zumal Holzhäuser in den verschiedensten Designs errichtet werden können. Wer ein massives Blockhaus im Alpenstil haben will – kein Problem. Aber auch der heute vorherrschende Minimalismus lässt sich umsetzen – und er wird aktuell, vor allem in urbanen Gebieten, meist umgesetzt. Ein Holzhaus muss nicht aussehen wie eine Sauna. Im Gegenteil: Modern, offen, ökologisch sind die Schlagworte der Architekten.

Kein Wunder, dass immer mehr Bauherren in der Stadt auf Holzkonstruktionen setzen. Mittlerweile entstehen Theater oder Universitätsgebäude in Holzbauweise. Laut Tom Kaden leisten aber vor allem Mehrfamilienhäuser zwischen vier und zehn Geschossen den größten Beitrag, um Holzhäuser nachhaltig zu etablieren. Sein Architekturbüro hat vor zwei Jahren in Heilbronn das mit 34 Metern Höhe erste Holzhochhaus Deutschlands realisiert. Das Projekt „Skaio“ erhielt einen Nachhaltigkeitspreis. Auch am Wettbewerb für das geplante Hochhaus in Berlin-Kreuzberg nahmen die Berliner teil. Gewonnen hat jedoch ein skandinavisches Planungsteam. Dennoch sagt der Holzbau-Experte mit Professur an der Universität Graz, dass sich Holzhäuser vor allem „in der Breite“ etablieren sollten. Damit meint er nicht die Bauform, sondern das selbstverständliche Bauen von Holzhäusern in den Innenstädten. Immer mehr Architekten tun das. THERESIA BALDUS
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