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Extra: WOHNEN AM WASSER

„Wir hätten Strände mitten in der Stadt“

Architekt Julian Breinersdorfer spricht über den besonderen Reiz und die besonderen Herausforderungen, die das Planen und Bauen am Wasser mit sich bringen – und über Lösungen, die andere Städte gefunden haben

Der Kreuzberger Architekt Julian Breinersdorfer empfiehlt, ein übergeordnetes Uferzonenkonzept für Berlin aufzustellen. FOTO: ALEXANDR_GUSEINOV / ALEXANDR_GUSEINOV

Berliner Morgenpost: Herr Breinersdorfer, an welchen Gewässern haben Sie Bauten entworfen?

Julian Breinersdorfer: In Lissabon die „Factory“. Wir bauen dort eine ehemalige Nudelfabrik zu einem Gebäude für die gewerbliche Nutzung um. Das Objekt steht am Tejo. Zudem haben wir das Gewerbegebäude im ebenfalls gerade entstehenden Projekt „Am Generalshof“ in Berlin-Köpenick am Ufer der Alten Spree geplant. In Philadelphia haben wir eine Erweiterung eines historischen Kraftwerks am Delaware River entworfen. Als Mitarbeiter von Zaha Hadid habe ich zudem das „Guggenheim Vilnius“ an der Neris sowie das Ocean Terminal Extension in Hong Kong geplant.

Sind Wasserlagen besonders reizvoll für einen Architekten?

Absolut. Gebäude am Wasser prägen das Stadtbild sehr stark. Das ist sehr reizvoll, aber auch herausfordernd, und eine besondere Verantwortung der Stadt und der komplexen Schnittstelle von Ökosystemen gegenüber.
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Was ist besonders herausfordernd?

Das hängt natürlich davon ab, um was für eine Art Gewässer es sich handelt. Am Meer sind Salzluft und Brandung Herausforderungen ...

In Berlin haben wir nur Flüsse und Seen.

Genau. Daher steht man als Architekt hier eher vor kleineren Herausforderungen. Was immer am Anfang steht, ist die Frage, um welches Gewässer es sich handelt. Und danach: Hat man eine Spundwand oder einen natürlichen Uferverlauf? Im urbanen Raum sind Wasserwege fast ausschließlich kanalisiert und damit sozusagen gebändigt. Die Wassergrenze ist gesichert. Somit ist das dann fast wie ein normales Grundstück, eine normale Baustelle.

Fast ...

Ja. Denn selbstverständlich können bei der Bebauung an Gewässern andere Probleme auftauchen. Baue ich zum Beispiel an einem unter Naturschutz stehenden Uferstreifen und muss die Brutzeiten von Wasservögeln in den Bauablauf integrieren, dann bedeutet das eine Verlängerung der Bauzeit und höhere Baukosten. Häufig gibt es auch kompliziertere Erschließungssituationen mit der Uferzugänglichkeit. Auch der Zugang zur Baustelle kann etwas schwieriger sein. Eventuell müssen Materialien mit dem Boot angeliefert werden. Aber Letzteres sehe ich als eher geringes Problem. Die Mehrkosten holt man später schon wegen der tollen Lage wieder rein.
In der portugiesischen Hauptstadt Lissabon wird eine ehemalige Nudelfabrik am Ufer des Tejo nach Plänen des Berliner Architekten umgebaut. FOTO: JULIAN BREINERSDORFER.CARGO.SITE
In der portugiesischen Hauptstadt Lissabon wird eine ehemalige Nudelfabrik am Ufer des Tejo nach Plänen des Berliner Architekten umgebaut. FOTO: JULIAN BREINERSDORFER.CARGO.SITE
In Berlin ist das kein großes Thema, weltweit aber schon: Hochwasser. Müssen Gebäude am Wasser grundsätzlich hochwassersicher errichtet werden?

Ja, in Berlin hatten wir die letzten Jahrzehnte Glück. Aber es ist ja nicht gesagt, dass das so bleibt. Und es gibt tatsächlich Gebiete, in denen Hochwasser so wahrscheinlich ist, dass ich mich mit meinem kompletten Entwurf damit auseinandersetzen muss. Auch in Berlin würde ich das empfehlen.

Welche möglichen Lösungen gibt es?

Das hängt wieder von der spezifischen Situation ab. Man kann Pfahlbauten errichten oder natürliche Höhen ausnutzen. Man kann aber auch mit entsprechenden Materialien arbeiten. Man sieht das in vielen Überflutungsgebieten: Da stehen Häuser, die sind 500 Jahre alt, obwohl sie Dutzende Male überflutet wurden. Die haben zum Beispiel einen Granitsockel. Der kann volllaufen und wieder austrocknen, notfalls alle zwei Jahre. Vielleicht müssen mal die Fugen nachverputzt werden. Aber das Material verschlechtert sich nicht. Im Gegensatz dazu sind Kompositbauteile, wie sie in der zeitgenössischen Architektur meistens verwendet werden, anfällig: Weil die einzelnen Bestandteile unterschiedliche Trocknungszeiten und -eigenschaften haben, bildet sich Schimmel und es entstehen zum Teil sehr große Bauschäden.

Ist auch der hohe Grundwasserstand ein Problem bei Bauplanungen an Ufern?

Nicht zwangsläufig. Das Grundwasser ist zum Teil in Lagen fernab vom Wasser, etwa in Mitte oder Kreuzberg, höher. Selbstverständlich muss man darauf reagieren, egal, wo man gerade baut. In der Regel wird das Wasser über diese rosablauen Rohre, die man manchmal in der Stadt sieht, weggeleitet. Danach kann gebaut werden. Das ist aber sehr aufwendig und nicht nachhaltig. Wir versuchen grundsätzlich, diese so genannte Wasserhaltung zu vermeiden.
Am ehemaligen Todesstreifen in Treptow entstand die „Berlin Factory“, in der verschiedene Start-ups ihren Sitz haben. FOTO: WERNER HUTHMACHER
Am ehemaligen Todesstreifen in Treptow entstand die „Berlin Factory“, in der verschiedene Start-ups ihren Sitz haben. FOTO: WERNER HUTHMACHER
Wie sieht es bei einem Bestandsgebäude aus, wenn das Grundwasser immer wieder dagegen drückt?

In den Fällen kann man zum Beispiel nachträglich Horizontal- und Vertikalsperren einbauen. Das ist aber sehr aufwendig.

Manchmal baut man aber auch ins Grundwasser ...

Ja. Das machen wir aktuell beim Projekt „Am Generalshof“ in Köpenick, wenngleich wir es grundsätzlich lieber vermeiden und oberhalb des zu erwarteten Höchststandes bleiben. Aber manchmal geht es nicht, besonders, wenn eine Tiefgarage integriert werden soll. Man muss dann spezielle Wannen einsetzen, die sind dicht. Das ist aufwendig, teuer, und ich finde die Perforation des Grundwasserspiegels nicht zeitgemäß. Hier könnten auch die Planungsämter mitgestalten: Man könnte etwa mehr Höhe genehmigen, damit der Grundwasserspiegel nicht angeschnitten werden muss. Grundsätzlich nutzt die Stadtplanung beim Bauen am Wasser ihre Gestaltungsspielräume nicht voll aus.

Was sollte sich ändern?

Dass sich die Behörden mehr mit der Randlage am Wasser auseinandersetzen, dass die Uferstreifen zum Beispiel renaturiert werden, dass man überflut- und versickerbare Landschaftselemente auf seinem Grundstück hat. Es gibt da hervorragende Beispiele, die Kanalzone in Überflutungsparks zu überführen, etwa das „Norrebro“-Projekt in Kopenhagen oder der Yanweizhou Park im chinesischen Jinhua. In Berlin hingegen fehlt ein übergeordnetes Konzept, wie die Wasserwege resilient gegen Klimawandel und extreme Wetterlagen gemacht werden können, wie sie renaturiert und öffentlich erschlossen werden können.

Wie würde das in der Praxis aussehen?

Ein übergeordnetes Uferzonenkonzept kann Vorgaben für die Planungsbehörden machen. Öffentliche Zugänglichkeit, Wildniszonen bis zur Renaturierung bei großen Grundstücken, großflächige Entsiegelungen, ein durchgängiges Fahrraderschließungskonzept könnte Berlins Uferzonen für alle, auch die Grundstückseigentümer, attraktiver machen.

In München wurde die Isar innerstädtisch über eine Strecke von acht Kilometern renaturiert. Das könnten Sie sich auch für Berlin vorstellen?

Unbedingt! Die „Mediaspree“, etwa, wäre groß genug gewesen, um den Uferbereich aufzubrechen und zu renaturieren, da hätten wir Strände und Ufernatur mitten in der Stadt haben können. Das ist eine von vielen verpassten Chancen.

Die Stadt hätte also größer denken sollen?

Größer denken muss man schon insofern, dass ein solches Vorhaben nur umgesetzt werden kann, wenn mindestens einige Hundert Meter Uferkante vorhanden sind. Deshalb ja die Wichtigkeit eines übergeordneten Konzeptes. Dann aber ergibt es Sinn, weg von der Spundwand hin zur Natur zu gehen. Das Problem bei Spundwänden ist ja: Lange gibt es keine Überflutung. Aber wenn sie mal kommt, dann plötzlich und mit voller Wucht. Eine renaturierte Uferzone kann das Wasser besser verteilen, es kann früher versickern. Das ist auch kombinierter Umwelt- und Katastrophenschutz. THERESIA BALDUS

Zur Person

Julian Breinersdorfer ist seit 2010 als selbstständiger Architekt tätig. Das Architekturstudium hatte den gebürtigen Stuttgarter in die Hauptstadt geführt. Geprägt wurde er von der vor fünf Jahren verstorbenen Star-Architektin Zaha Hadid. Breinersdorfer war einer ihrer Meisterschüler an der Universität für Angewandte Kunst in Wien und arbeitete später drei Jahre in ihrem Londoner Büro.

In Berlin sorgte Breinersdorfer erstmalig 2007 für Aufmerksamkeit, als er den Pavillon für die Fashion Week am Brandenburger Tor entwarf. Ebenfalls aus seiner Feder stammt das Start-up-Zentrum „Factory“ in der Lohmühlenstraße am Flutgraben in Treptow. Außerdem hat der 41-Jährige an verschiedenen Projekten in Europa und China mitgewirkt, darunter die umgebaute Nudelfabrik in Lissabon und ein Yachtclub in Shenzhen. Der Sitz seines Architekturbüros ist in Kreuzberg.
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