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Themenwelten Berliner Morgenpost
Inklusionspreis Berlin 2021

„Jeder sechste Berliner ist unser Kunde“

LAGeSo-Präsident Michael Thiel über die Arbeitssituation von Menschen mit Handicap – und sein größtes Kapital

Michael Thiel ist Präsident des Landesamtes für Gesundheit und Soziales Berlin (LAGeSo). FOTO: LAGESO

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Berliner Morgenpost: Herr Thiel, zu Beginn dieses Jahres haben Sie die Position des LAGeSo-Präsidenten übernommen. Was sind Ihre Kernaufgaben?

Michael Thiel: Das Landesamt für Gesundheit und Soziales hat die Verantwortung für gesamtstädtische Aufgaben in den Bereichen Gesundheit, Soziales, Versorgung und Verbraucherschutz. So umfasst das vielfältige Aufgaben- und Leistungsspektrum meiner Behörde Fachbereiche wie Heimaufsicht, Landesprüfungsamt für die Gesundheitsberufe, Ethikkommission, Apotheken- und Pharmaziewesen, Gentechnik, Tierschutz, Lebensmittelwesen, Infektionsschutz, Veterinärwesen, Zentrale Medizinische Gutachtenstelle, Integrationsamt, Krankenhausaufsicht, Medizinprodukte, Opferentschädigung und Wohnungslosenhilfe. In den vergangenen Jahren wurden weitere Kompetenzbereiche auf die Behörde übertragen. Zum Beispiel die Eingliederungshilfe und Hilfe zur Pflege außerhalb Berlins, die Durchführung von Öko-Kontrollen im Landbau und die Verwaltung des Pflegeausbildungsfonds. Die Aufgabenvielfalt belegt das Vertrauen in die Qualität und Zuverlässigkeit unserer Arbeit. Diese und viele andere Kernaufgaben erfüllen 900 Expertinnen und Experten des LAGeSo. In den kommenden Jahren wird uns insbesondere die Digitalisierung der Berliner Verwaltung vor große Herausforderungen stellen.

Die Corona-Pandemie hat Berlin weiterhin fest im Griff. Wie blicken Sie auf die Arbeit des LAGeSo im vergangenen Jahr zurück und wie sieht Ihre Agenda für 2021 aus?

Am Anfang der Pandemie mussten fast stündlich neue Regelungen überlegt werden, um den Betrieb des Amtes aufrechtzuerhalten. Dabei gelang es den Mitarbeitenden, mit viel Kreativität und Sorgfalt für die Probleme Lösungen zu finden. Das war und ist wichtig, denn in vielen Bereichen erbringen wir existenzsichernde Leistungen für Menschen, die darauf zwingend angewiesen sind. Nach dem Lockdown im Frühjahr hat das LAGeSo annähernd zum Regelbetrieb zurückgefunden. Die Gesundheit der Mitarbeitenden musste durch eine Gefährdungsbeurteilung geschützt werden. Da der Arbeits- und Gesundheitsschutz bei uns einen hohen Stellenwert hat, organisierten wir eine arbeitsmedizinische Betreuung, kostenlose Impfangebote, persönliche Schutzausstattung und frühzeitig in besonders gefährdeten Bereichen Schnelltests für Beschäftigte. Seit 2018 ermöglicht das LAGeSo flexible Arbeitszeiten und Homeoffice in großem Umfang. Beide Modelle werden von den Beschäftigten gerne genutzt. Sie führen zu mehr Arbeitszufriedenheit. Über 80 Prozent der Mitarbeitenden meiner Behörde sind so ausgestattet, dass sie ihre Aufgaben von zu Hause aus erledigen können. Das ist weit über dem Standard der Berliner Verwaltung. Die Pandemie verlangt uns weiterhin eine gute Portion Anpassungsfähigkeit und Durchhaltevermögen ab. Aber ich bin zuversichtlich, dass das LAGeSo auch die künftigen Herausforderungen der Pandemie bewältigen wird.

Die Pandemie beeinträchtigt den Arbeitsmarkt massiv: Unternehmen straucheln, Investitionen liegen auf Eis. Was bedeutet das für Unternehmen, die vom Integrationsamt gefördert werden?

Auch und gerade in der Wirtschaftskrise leistet das LAGeSo seinen Beitrag zur Sicherung von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen für Menschen mit Schwerbehinderung. Wir erbringen während der Corona-Pandemie unsere Leistungen in vollem Umfang weiter – an Arbeitgebende, die Menschen mit Schwerbehinderung beschäftigen, sowie an schwerbehinderte Beschäftigte, die individuelle Förderung benötigen. Zusätzlich hat das Integrationsamt für Inklusionsbetriebe einen Rettungsschirm entwickelt und die betroffenen Betriebe mit Liquiditätszuschüssen sowie Darlehen unterstützt. Im Pandemie-Jahr 2020 wendeten wir für die Förderung der beruflichen Teilhabe von schwerbehinderten Menschen 28,7 Millionen Euro aus Mitteln der Ausgleichsabgabe auf (2019 waren es 21,7 Millionen Euro). Unter den erschwerten Bedingungen ist das sehr beachtlich.

Mobiles Arbeiten und die Digitalisierung erfuhren im vergangenen Jahr einen enormen Schub. Welche Chancen tun sich dabei für Erwerbstätige mit Handicap auf?

Die Digitalisierung verändert grundlegend die Arbeitswelt und bietet uns allen Chancen, die erkannt und genutzt werden müssen. In Pandemiezeiten hat der Arbeits- und Gesundheitsschutz eine überragend wichtige Bedeutung. Für Menschen mit Behinderung haben Arbeitgebende die besondere Verantwortung, optimale Arbeitsbedingungen zu schaffen. Homeoffice und flexible Arbeitszeiten ermöglichen Menschen mit Handicap – vor allem mobilitätseingeschränkten Beschäftigten –, ihre Arbeitszeit individuell zu gestalten und die Arbeitsleistung uneingeschränkt zu erbringen. Ein positiver Effekt ist zudem von der Digitalisierung der Bildungsangebote für Menschen mit Einschränkungen zu erwarten. Ganz gleich, ob das Sehen, das Hören oder die Psyche betroffen sind – mit digitalen Instrumenten lassen sich speziell auf die Bedürfnisse zugeschnittene Ausbildungs- und Weiterbildungsangebote entwickeln. Genau an dieser Stelle können und sollen neue digitale Medien einen wichtigen Beitrag leisten. Für die Zeit nach der Corona-Pandemie wird dies eine bessere Eingliederung von Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt bedeuten.

Inklusion betrifft die gesamte Gesellschaft. Welche Herausforderungen ergeben sich dadurch für Sie?

Die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention prägt die Arbeit des LAGeSo erheblich. Ziel ist es, sämtliche Angebote und Hilfen für Menschen mit Behinderungen am Leitgedanken der Inklusion auszurichten. Einen ganz wichtigen Beitrag hierzu leistet das Integrationsamt. Besser wäre eigentlich die Bezeichnung Inklusionsamt. Es hat die Aufgabe, die Teilhabe schwerbehinderter Menschen am Arbeitsleben zu fördern. Für die berufliche Inklusion stehen Mittel aus der Ausgleichsabgabe zur Verfügung. Um Arbeitsplätze zu schaffen und zu sichern, kann schwerbehinderten Beschäftigten sowie Arbeitgebenden finanzielle Unterstützung gewährt werden. Nicht unerwähnt bleiben darf das Referat für die Anerkennung schwerbehinderter Menschen. Über 600.000 Menschen haben in Berlin eine anerkannte Behinderung – 400.000 davon eine Schwerbehinderung. Somit zählt jede/r sechste Berliner/in zur Kundschaft des Versorgungsamtes. Die Feststellung einer Schwerbehinderung ist wichtig – sie berechtigt zur Inanspruchnahme von Nachteilsausgleichen.

Welche Botschaft möchten Sie mit der Verleihung des Inklusionspreises 2021 senden?

Mit der Preisverleihung verfolgt die Landesregierung eine Reihe von Zielen: Berliner Arbeitgeber, die Menschen mit Schwerbehinderung inklusiv ausbilden und beschäftigen, verdienen Anerkennung und öffentliche Würdigung. Und die Vorbildfunktion der ausgezeichneten Best-Practice-Beispiele soll Unternehmen, die ihrer Beschäftigungspflicht noch nicht nachkommen, zum Nachahmen anregen. Weiterhin soll bei Arbeitgebern, die über Förderungsmöglichkeiten nicht ausreichend informiert sind, das Interesse geweckt werden, sich kompetent beraten zu lassen. Die Auszeichnung von Vorbildern der beruflichen Teilhabe trägt dazu bei, Vorurteile hinsichtlich der Beschäftigung von Menschen mit Handicap zu hinterfragen und stetig abzubauen.

Was wünschen Sie sich für Ihre Präsidentschaft?

Als Präsident weiß ich das größte Kapital unseres Amtes zu schätzen: Es sind die Beschäftigten, auf deren Kompetenzen, Dienstleistungsorientierung und Engagement ich mich auch in schwierigen Zeiten verlassen kann. Diese Human Resources habe ich zukunftsorientiert zu fördern. Als Dienstleister liegt mir die Zufriedenheit der LAGe-So-Kundinnen und Kunden besonders am Herzen. Die kann ich mir nicht wünschen, sie muss jeden Tag erarbeitet werden. Dafür setze ich mich ein. ANTONIA OSTERSETZER
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