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Inklusionspreis Berlin 2021

Kommt jetzt das große Umdenken?

Digitalisierung und mobiles Arbeiten rücken das Thema Inklusion stärker in den Fokus der Unternehmen

Wenn Unternehmen mobiles Arbeiten barrierefrei gestalten, wachsen die Chancen für Menschen mit Handicap. FOTO: GETTY IMAGES

Berlinische Galerie, Museum für moderne Kunst
Wenn der Weg zum Büro oder Betrieb wegfällt und stattdessen vom Homeoffice aus gearbeitet wird, kann das für Menschen mit Handicap eine große Erleichterung bedeuten. Kein Bangen, ob der Fahrstuhl funktioniert, kein Stau und auch die Parkplatzsuche fällt weg. Auf den ersten Blick scheint die Digitalisierung ein Segen zu sein, gerade für Menschen, die mit Mobilitätseinschränkungen leben.

Dominik Peter, Vorsitzender des Berliner Behindertenverbands, betrachtet die Digitalisierung im Hinblick auf die Arbeitswelt dennoch als ein zweischneidiges Schwert: „Für manche Menschen mit Behinderung ist die Umstellung auf Videokonferenzen schlicht eine Katastrophe, weil viele Hersteller ihre Software nicht barrierefrei anbieten“, erklärt er. „Wer beispielsweise nicht sprechen oder hören kann, für den ist es schwierig, Videocalls zu folgen.“ Es gäbe zwar Software zur Untertitelung, doch sei ihre Nutzung auch eine Kostenfrage.

Homeoffice birgt Gefahr der Ausgrenzung

Dominik Peter verweist auf den momentan diskutierten Entwurf des Barrierefreiheitsgesetzes. Demnach sollen Bankdienstleistungen, E-Books, Computer, Smartphones, der Online-Handel und vieles mehr barrierefrei werden, um damit die Vorgaben des European Accessibility Act (EAA) in deutsches Recht zu übersetzen. Ziel des EAA ist es, die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen zu fördern und europaweite Mindeststandards zu etablieren.

"In der Pandemie stellen Arbeitgeber fest, was technisch möglich ist."

Dominik Peter, Berliner Behindertenverband

Erstmals sollen auch private Unternehmen zur Umsetzung von Barrierefreiheit verpflichtet werden, allerdings mit einer Frist bis 2030, sofern ihre Produkte bereits vor 2025 zum Einsatz kamen. Für Selbstbedienungsterminals gilt die Übergangsfrist sogar bis 2035.

Dominik Peter findet das nicht hinnehmbar. Auch der Inklusionsaktivist Raul Krauthausen sieht Probleme in der zunehmend digitalisierten Arbeitswelt und dem aktuellen Trend zum Homeoffice. „Sofern Software nicht barrierefrei ist, kann sie neue Ausschlüsse schaffen“, betont er. „Außerdem ist Digitalisierung auch immer eine Frage von Bildung. Nicht jeder kann mit den Programmen auf Anhieb umgehen.“ Viele Menschen mit Behinderung arbeiten zudem in Werkstätten, deren Arbeitsabläufe sich nicht so leicht digitalisieren lassen.

Raul Krauthausen befürchtet außerdem, dass sich Arbeitgeber künftig mit dem Verweis auf Telearbeit um barrierefreie Arbeitsplätze herumdrücken könnten. „Wie auch bei Menschen ohne Behinderung besteht im Homeoffice zudem die Gefahr der Vereinzelung“, merkt er zudem an. „Der informelle Austausch mit den Kollegen und Kolleginnen fehlt. Es könnte passieren, dass ein digitaler Katzentisch für Menschen mit Behinderung entsteht, der die Ausgrenzung verstärkt.“ Er räumt aber auch ein, dass die Arbeit von zu Hause aus Vorteile bringen kann. Sofern das Team mitspielt, können sich Mitarbeitende das Arbeitspensum besser nach ihren Kräften einteilen und individuelle Ruhepausen einrichten. „Behindertenverbände haben schon lange die Möglichkeit für Telearbeit eingefordert“, erläutert er. „Jetzt, da alle betroffen sind, ist das plötzlich möglich.“

Dominik Peter kann sich gut vorstellen, dass der Digitalisierungsschub in Deutschland die beruflichen Chancen behinderter Menschen verbessert: „In der Pandemie stellen Arbeitgeber fest, was technisch möglich ist.“

Diese Annahme unterstreicht eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW Köln) aus dem Februar 2020. Darin heißt es, dass knapp ein Drittel aller Unternehmen, die innerhalb der vergangenen fünf Jahre Menschen mit Behinderung beschäftigt haben, in der Digitalisierung neue Chancen für ihre Beschäftigung sehen. Das könnte positive Auswirkungen auf die Arbeitsmarktchancen von Menschen mit Behinderung haben.

Digitale Arbeitsmittel müssen barrierefrei sein

Bereits vor der Pandemie nutzten viele Menschen mit Handicap digitale Endgeräte und Software, um ihren Alltag zu erleichtern. „Besonders mobile Endgeräte, Notebooks oder Online-Kommunikationsdienste werden als große Erleichterung angesehen, da sie das ortsunabhängige Arbeiten ermöglichen“, sagt Andrea Kurtenacker, Leiterin des Kompetenzfelds Berufliche Teilhabe und Inklusion am IW Köln.

Für blinde und sehbeeinträchtigte Beschäftigte steht die Barrierefreiheit der IT-Produkte im Vordergrund. „Es gibt eine Fülle technischer Hilfsmittel, die als digitale Assistenzsysteme durch komplexe Arbeitsabläufe führen“, erläutert Andrea Kurtenacker. „Beispiele sind kollaborierende Roboter in der Produktion, Datenbrillen bei Kommissionierungen nach Auftrag oder auch das Exoskelett, das als Hebehilfe eingesetzt werden kann.“

Auch Online-Shopping und Lieferdienste erleichterten den Alltag von Menschen mit Handicap erheblich. Schon vor der Pandemie ließen sich viele den Supermarkteinkauf regelmäßig in die Wohnung liefern – eine Möglichkeit, die es jedoch in vielen ländlichen Regionen noch nicht gibt und die zudem teurer ist als selbst einzukaufen. JUDITH JENNER
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